Kolumne

«Glamour, mon amour»: So lernte ich Bücher hassen – eine Geschichte über Emotionen, Staub und Liebe

Simone Meier Bild: CH Media

Simone Meier Bild: CH Media

Unsere Autorin Simone Meier erklärt in ihrer aktuellen Kolumne, weshalb sie Ihnen vor zwei Wochen eine Kolumne schuldig blieb.

Meine Lieben! Dies ist der erste Text, den ich seit gefühlt hundert Jahren schreibe. Die hundert Jahre habe ich mit Umziehen verbracht. Weshalb ich es verpasste, eine Kolumne für die letzte Ausgabe zu liefern, wie es mein Auftrag gewesen wäre. Je m’excuse. Aber ich war gerade nicht auf dieser Welt. Okay, ich war in Zürich. Und ich musste bloss von Zürich nach Zürich umziehen. Aber Himmel! Wie viel Energie und Zeit nimmt das in Anspruch.

Und wie sehr habe ich Bücher hassen gelernt! Beim Abstauben. Beim Verpacken. Beim Auspacken. Beim Einsortieren. Und als ich meinte, meine 18 Kisten in meinen Regalen verstaut zu haben, und zwar derart umsichtig, dass ich meinem Liebesleben ein ganzes Tablar für die grössten Kochbücher der Weltgeschichte anbieten konnte, als also die Bücher von Virginie Despentes, Sibylle Berg und Jane Austen freudig auch noch die Bücher der Basler Superspitzenkulinarikartistin Tanja Grandits und des Londoner Kultkochs Yotam Ottolenghi willkommen hiessen, als alles gut und schön war und ich mich setzen wollte, um in Ruhe eine Kolumne für Sie zu schreiben, da fanden sich in den letzten 35 Bücherkisten meines Liebeslebens drei, die mir gehörten.

Und die auch noch in meine bereits hervorragend sortierten Regale wollten. Nein, mussten. Denn mein Liebesleben beschied mir unmissverständlich, dass für die gastronomische Weltliteratur in der Küche nun wirklich kein Raum mehr sei.

Geflucht und geweint

Ich tat, was ich selten tue: Ich fluchte lauthals. Genau so, wie ich am Tag des Umzugs getan hatte, was ich selten tue: Ich weinte. Die Sentimentalität hatte mich niedergeknüppelt. Wir hatten 15 Jahre am alten Ort gewohnt, ich hatte in meinem Arbeitszimmer drei Romane geschrieben, wir hatten im Wohnzimmer unzählige gute Serien und miserables Fernsehen geschaut und wir hatten 5000 Nächte dort geschlafen. Immer schlechter aber, weil unser Quartier zu einer Kernvergnügungszone von Zürich aufstieg, was bedeutet, dass die Nächte lang und röhrend laut sind, regelmässig vor die Tür gekotzt oder gepisst wird und man lieber neben einer Autobahn wohnen würde.

Trotzdem hatte der Ort unserem Leben lange einen Rahmen gegeben, oft war er ganz aus Gold gewesen, manchmal aus Rauschgold, selten glanzlos wie angelaufenes Messing, immer warm und mit einem guten Buch vor dem Einschlafen. Das fiel mir beim Bücherpacken neben Hass und Staub noch auf: Wie gern ich mich in viele der Welten hatte fallen lassen, die sich zwischen ihren Deckeln befinden. Und dass ich mich bei vielen darauf freue, irgendwann noch einmal in sie abzutauchen. Und es schön ist, 4000 davon zu besitzen.

So, und jetzt muss ich dringend ein Kabelproblem lösen und ein paar Bilder aufhängen. Nächstes Mal dann wieder entspannt! Und mit Stars! Es ist ja so: Die eigentlichen Stars einer Kolumne sind immer die Menschen, an die man sie adressiert. Also Sie. Es ist mir eine Ehre.

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