«Die Stadt selber ist ein Ereignis», schreibt Zora del Buono. «Dieses Flanieren auf kleinem Raum. Hier ein bisschen plaudern, da am Wasser sitzen, zu Veranstaltungen gehen, Leute kennen lernen. Solothurn schafft Intimität. Weil man Zeit hat. Weil es klein ist. Weil man einander immer wieder begegnet. Man von Fremden angesprochen wird.

Weil alles sehr unkompliziert ist.» Sie ist nicht die Einzige, die neben den literarischen Veranstaltungen die Stimmung schätzt. «Solothurn hat diese freundschaftliche, entspannte Atmosphäre. Fast ein Familienfest, an dem man endlich auch viele Lesungen der Kollegen hören kann», schreibt Martina Clavadetscher auf Anfrage. Flurin Jecker formuliert es so: «In Solothurn hat man in diesen Tagen das Gefühl, die Welt würde nur aus Literatur bestehen. Und natürlich, dass die Stadt am Meer liegt.»

Voller Sonnenschein

Wie Zora del Buono (55) haben Flurin Jecker (27) und Martina Clavadetscher (38) im vergangenen Jahr erstmals als Autoren in Solothurn gelesen. Die Literaturtage waren da besonders schön: drei frühsommerliche Tage voller Sonnenschein, man konnte sich wirklich ans Meer träumen. Julia Weber (34) hatte mit ihrem «Literaturdienst» bereits im Jahr zuvor auf Wunsch für Besucher Postkarten verschickt – ein literarischer Gruss an Daheimgebliebene, fast wie aus den Ferien am Meer.

Sie war früher schon oft als Besucherin vor Ort gewesen. «Es ist Solothurn und Solothurn ist schön», schreibt sie. Und weiter: «Es geht nicht nur um Literatur. Es ist ein Zusammensein an einem schönen Ort. Auf den Bänken am Fluss, bis spät am Abend und dann wieder zum Kaffee am Morgen.

Es geht über mehrere Tage, man kann sich zurückziehen, wenn man will, und wieder hinaus und in die Menschen. Man kann am Morgen beim Frühstück Lukas Bärfuss beobachten, wie er eine Katze anlocken will, diese aber davonrennt, und man denkt, vielleicht liegt das auch an seinem Gesicht und an der Intensität des Geräusches, das er macht, um eine Katze anzulocken.»

Platz, um Neues zu entdecken

1979 fanden die Solothurner Literaturtage zum ersten Mal statt. Sie wurden als Forum für aktuelles Literaturschaffen in der Schweiz gegründet. Neue literarische Arbeiten sollten Kontakte zwischen Autoren, Autorinnen und Publikum, Medien und Verlegern herstellen.

Man erhoffte sich, «Distanz, Befremden und Stummheit gegenüber dem Literaturbetrieb» abzubauen. Julia Weber scheint es genau so zu erleben. Sie erzählt von einer Dame, die sich zu ihr und Dana Grigorcea stellte. «Dana sagte zu ihr, ich hätte ein Buch geschrieben und dass sie unbedingt an meine Lesung gehen soll.

Dann fragte mich die Frau, ob sie ein Bild von mir machen darf. Dann kam sie an meine Lesung und schrieb danach einen wunderbaren Artikel über mein Buch und die Lesung.» Dass es in dieser Art Platz habe, Neues zu entdecken, passe zu den Literaturtagen. Ebenso wie es passe, dass sie mit ihrer Tochter vor dem Hotel steht und eine Autorin zu ihr sagt, sie habe ein schönes Kind. Oder dass ihre Tochter beim Namen Peter Bichsel sagt: «Das ist doch der Mann mit der Lederweste, der auch da war, wo du gelesen hast und ich in der Gasse gespielt habe.»

Zora del Buono erzählt davon, wie sie Monate nach den Literaturtagen ein Mail von einem Mann erhalten habe, der sie bei einem Podiumsgespräch gesehen hat und sie einlud, Texte für einen Orgelspaziergang zu schreiben. «Nie hätte ich mir über Berner Kirchen und Orgelmusik Gedanken gemacht», schreibt sie. «So gibt eins das Nächste. Von Solothurn ins Berner Münster. Das ist fein.»

Ritterschlag für Autoren

Flurin Jecker allerdings entgegnet trocken: «Nein. Als Autor bringen mir Begegnungen im Restaurant Kreuz nichts. In dieser Hinsicht wäre es gescheiter, zu Hause zu bleiben und zu schreiben.» Einig sind sich alle, dass die Einladung an die Literaturtage eine grosse Ehre ist, eine Art Ritterschlag. «Eine Rückmeldung, dass «meine Stimme» in der Schweiz gehört wird», schreibt Martina Clavadetscher.

Für Zora del Buono, die lange im Ausland gelebt hat, bedeutete es, in der Schweiz angekommen zu sein: «Ein gutes, fast wohliges Gefühl.» Und Julia Weber erinnert sich, wie still und konzentriert es bei ihrer Lesung war. «Da dachte ich, ich glaube, ich habe ein gutes Buch geschrieben.»

Neue Stimmen im 2018:

«Vor drei Jahren sass ich während der Literaturtage mit Angelika Overath in einem Café und wir beugten uns über die Manuskriptseiten meines Romans. Draussen regnete es. Von der Aare stieg Dunst auf. Das Café war leer und still und wirkte verlassen. Ich fühlte mich wie jemand, der eine Welt betreten hat, zu der er nicht zugelassen wurde. Jetzt ist das anders.»

Michael Hugentobler:

«Vor drei Jahren sass ich während der Literaturtage mit Angelika Overath in einem Café und wir beugten uns über die Manuskriptseiten meines Romans. Draussen regnete es. Von der Aare stieg Dunst auf. Das Café war leer und still und wirkte verlassen. Ich fühlte mich wie jemand, der eine Welt betreten hat, zu der er nicht zugelassen wurde. Jetzt ist das anders.»

«Die Solothurner Literaturtage sind im Kalenderjahr längst zu einem Fixpunkt geworden. Ohne sich gross zu verabreden, sind alle da.»

Regula Portillo:

«Die Solothurner Literaturtage sind im Kalenderjahr längst zu einem Fixpunkt geworden. Ohne sich gross zu verabreden, sind alle da.»

«Die Solothurner Literaturtage sind wie eine Sandspur im Alltagsgetriebe. Es ist ein Luxus, sich drei Tage lang in Wortmeere ohne Geländer fallen zu lassen und zuzusehen, wie sich der Weltsinn verschiebt.»

Alice Grünfelder:

«Die Solothurner Literaturtage sind wie eine Sandspur im Alltagsgetriebe. Es ist ein Luxus, sich drei Tage lang in Wortmeere ohne Geländer fallen zu lassen und zuzusehen, wie sich der Weltsinn verschiebt.»

«Ich freue mich aufs Gesamte, aufs Gesumme. Ich möchte mir von möglichst vielen Autorinnen und Autoren einen Eindruck machen.»

Judith Keller:

«Ich freue mich aufs Gesamte, aufs Gesumme. Ich möchte mir von möglichst vielen Autorinnen und Autoren einen Eindruck machen.»