Frühlingsgefühle
Egal wie schlimm die Krise ist, der Frühling ist ein wilder Hund - mit diesen neuen Kunstbüchern taucht man tief ins Frühlingsglück

Sie grünen und blühen wieder, die Wunder der Natur. Foto- und Kunstbücher sind die Gefühlsverstärker in der schönsten aller Jahreszeiten - auch weit über das Frühjahr hinaus.

Daniele Muscionico
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Magnolienblüten kann man essen. In seinem neuen Fotobuch «Digitalis» verrät der Künstler Achim Mohné das Rezept.

Magnolienblüten kann man essen. In seinem neuen Fotobuch «Digitalis» verrät der Künstler Achim Mohné das Rezept.

Bild: Achim Mohné: Magnolie/Pro Litteris

Vieles ist anders dieses Jahr, nur eines ist gleich geblieben: Es ist trotz allem Frühling! Wo immer man hinsieht: Knospen knallen, Schösslinge schiessen. All die Vögel schmettern vor dem Fenster ihre Arien. Und die Büsche und Bäume treiben es so triebhaft unter ihresgleichen, als wäre Schönheit das Einzige, was uns zum Glücklichsein fehlt.

Epidemie hin oder her, fast hat man den Eindruck, Flora und Fauna versuchten alles, um uns auf leichte Gedanken zu bringen. Lebenshilfe in Grün ist das. Denn wer bei dem Treiben und Spriessen genau hinsieht, kapiert es schnell: Kopf hängen lassen, mahnt die Natur, gilt nicht.

Auch dem, der zu Hause in der Quarantäne festsitzt und keinen blühenden Garten vor sich hat, kann geholfen werden: Foto- und Kunstbücher sind die Gefühlsverstärker. Sie liefern die schönste Jahreszeit in den heimischen Lesesessel, pollenfrei sogar und so prächtig, wie sie nur Künstlerinnen und Künstler inszenieren. Kunst kondensiert Essenz, und wenn sie sich mit Natur auseinandersetzt, entstehen blühende Wunder, die die Erfahrung des Realen bisweilen übersteigen.

In der Buchhandlung unseres Vertrauens liegt das aktuelle Sortiment an Frühlingsgefühlen zwischen Buchdeckeln bereit; ein Strauss an Publikationen ist das, und vier besondere Bände taugen sogar als Anleitung zum Glück.

Schritt 1: Still werden und still bleiben

Kein Frühling, den wir nicht schon gesehen hätten. Keine Blüte, die uns noch überrascht, meinen wir. Doch das ist ein Irrtum, zwei Künstler lassen uns mit ihren Neuerscheinungen an dieser Überzeugung zweifeln. Der britische Starfotograf Nick Knight hat im Bildband «Flora» jene uralten Pflanzen und Blüten neu interpretiert, die in getrocknetem Zustand im Londoner Naturhistorischen Museum archiviert sind. Stille Schönheiten, fragile Welten. Gedruckt und versammelt, winken sie uns wie Geister aus einer anderen Welt herüber.

Grüne Geister: Haben Pflanzen eine Seele? Die Präparate aus dem Naturhistorischen Museum in London auf jeden Fall.

Grüne Geister:
Haben Pflanzen eine Seele? Die Präparate aus dem Naturhistorischen Museum in London auf jeden Fall.

Nick Knight: Flora (Verlag Schirmer/Mosel)

Auch der deutsche Medienkünstler Achim Mohné zeigt vertraute und unvertraute Pflanzen. Er inszeniert sie in seiner neusten Publikation «Digitalis» so ungewöhnlich, als sähe man sie zum ersten Mal. Seine Fotos sind die Röntgenbilder des Frühlings, Mohné nämlich scannt Pflanzen mittels eines Hightech-Verfahrens.

Seine Fotos sind bildgewordene Rauschzustände. Sie entsprechen dem Genuss des giftigen Fingerhuts (Digitalis purpurea) oder der Kletterhortensie (Hydrangea petiolaris). Der Künstler arbeitet mit ihnen und anderen Gewächsen, weil sie der Wissenschaft und Medizin durch ihre bewusstseinserweiternden Substanzen nützlich sind.

Unter dem Scanner: Röntgenaufnahmen von Pflanzen zeigen Erstaunliches. In diesem Buch endet alle Schönheit im Kochtopf.

Unter dem Scanner:
Röntgenaufnahmen von Pflanzen zeigen Erstaunliches. In diesem Buch endet alle Schönheit im Kochtopf.

DI_GI_TA_LIS: A Plant Scan Project von Achim Mohné (Verlag Hatje Cantz)

Mohné interessiert sich aber genauso für Essbares am Wegrand: Die Apfelblüte, die Sonnenblume, das Geissblatt, der Waldmeister, der Löwenzahn und viele andere flüchtige Nachbarn. «Digitalis» ist ein Buch über Pflanzen als unsere unbekannten Bekannten. Dass wir sie im Frühling leicht übersehen, dagegen hilft dieses Plädoyer für die Stille.

Schritt 2: Mit Hodler Blumen verstehen

Einen Garten anlegen mit den ­Blumen aus Hodlers Bildern! Die Lektüre ­dieses überraschenden Buches bringt einen auf diesen Gedanken. «Was die Blumen sagen» heisst es, ist ein Kunstband – doch eigentlich ein bildhaftes Wörterbuch, um die Sprache der ­Blumen zu verstehen. Man soll sie hier genauso begreifen, wie sie der Maler Ferdinand Hodler (1853–1918) verstand.

Hodlers Kamasutra: Unschuldige Blümlein und verdorbenes Gewächs animiert zum Frühlings-Treiben.

Hodlers Kamasutra:
Unschuldige Blümlein und verdorbenes Gewächs animiert zum Frühlings-Treiben.

Die Blume im Bild: Dimensionen des Floralen im Schaffen von Ferdinand Hodler (Verlag Hirmer)

Hodler schuf einen «Wilhelm Tell» für die Schule und hat die populärsten Alpengipfel Helvetiens ins Abendlicht getaucht. Dass er auch ein Liebhaber von zarten Blumen war, scheint eine neue Entdeckung: In diesem Band brechen kniende Hodlerknaben ahnungsvoll das Blümchen, und junge Hodlermädchen erschauen zitternd die Erotik des Vegetativen. Ein Kunst-Kamasutra ist das, lehrreich auch für Botaniker.

«Was die Blumen sagen», bei Hodler sagen sie eindeutig Vieldeutiges. Florales in Kombination mit Figuren steht für ihn am Beginn einer neuen Bildsprache, mit der er die Geschichte der klassischen Moderne schrieb. Bessere Frühlingsboten als seine Blumenbilder gibt es kaum.

Schritt 3: So wird man Gangstergärtnerin und -gärtner

Grünzeug hat sogar die Macht, Gesetze zu brechen. Und natürlich nicht nur im Frühling. Für den ehemaligen Ringer Ron Finley in Los Angeles zumindest trifft das zu, er gilt seit seinem Haftbefehl für Gemüseanbau vor zehn Jahren als der Welt bekanntester «Gangsta Gardener». Seine TED-Talks erreichen Millionen Menschen. Und seine Tutorials in der «Masterclass» einer amerikanischen Bildungsplattform gehören zu den beliebtesten - seine Einschaltquoten toppen Referenten wie Martin Scorseses und den Koch Yotam Ottolenghi.

Dieser Finley ist auch ein Protagonist im voluminösen Bildband «The Kinfolk Garden». Denn «Kinfolk», das amerikanische Lifestyle-Magazin, hat nun auch den Frühling für sich entdeckt. In Porträts und Essays, und in stilvollen Fotografien entführt der Band in Finleys Gärten. Und er zeigt andere private Oasen rund um den Globus– auf Dächern, auf Ranches, in Wohnzimmern – ,wo man den Frühling das ganze Jahr hochleben lässt. Denkt grösser, denkt freier, erzählen diese Gärten, und die Natur als Vorbild macht dazu Mut.

Frühlings-Gangster: Wer mit Gemüseanbau rechtsbrüchig werden will, erhält in diesem üppigen Bildband die perfekte Wegleitung.

Frühlings-Gangster:
Wer mit Gemüseanbau rechtsbrüchig werden will, erhält in diesem üppigen Bildband die perfekte Wegleitung.

John Burns: The Kinfolk Garden (Verlag Knesebeck)

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