Französischer Film
Die Arbeit über den Wolken verheisst keine Freiheit mehr

Das Drama «Rien à foutre» zeigt mit einer sensationellen Hauptdarstellerin fast dokumentarisch die Schattenseiten des Lebens als Flugbegleiterin.

Tobias Sedlmaier
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Die Arbeit bei einer Billig-Airline ist für Cassandre wenig glamourös.

Die Arbeit bei einer Billig-Airline ist für Cassandre wenig glamourös.

Outside The Box

In diesem Sommer müssen manche Menschen mit ihren Ferienplänen auf dem Boden der Tatsachen bleiben. Den Fluggesellschaften sind die Arbeitskräfte weggelaufen, in den Schlangen der Airports drängen sich die Kunden, Flüge werden verschoben oder annulliert, Koffer gehen verloren. Die Realität im dritten Coronajahr hat das himmelstürmende Image des Fliegens einmal mehr gegroundet.

Im Kino rückt indes der französische Film «Rien à foutre» das positive Bild zurecht, das die Branche selbst von ihren Flugbegleitungen als dauerfreundliche, unermüdliche Engel der Lüfte zeichnet. Der einstmalige Traumjob, vor allem für junge Frauen, besteht vor allem aus Druck, Schlaflosigkeit, Verlorenheit. Die Stewardessen in ihrer Uniform müssen mindestens ebenso perfekt funktionieren wie die Maschinen, in denen sie die Passagiere bedienen.

Cassandre (Adèle Exarchopoulos) arbeitet bei der – fiktiven – Billig-Airline Wing. Ihre Tätigkeit über den Wolken besteht aus Handgriffen, die allesamt sitzen und zugleich zur Routine erstarrt sind: «Tee? Kaffee? Snacks?» Eine ewige Wiederholung der Öde, den Gang hinauf, hinab, dazu möglichst viel von den ramschigen Duty-Free-Produkten verkaufen.

Das Liebesleben spielt sich manchmal auf Tinder ab, manchmal auf der Tanzfläche, nach durchwachten Nächten mit Drogen und zu viel Alkohol: Antanzen gegen die innere Leere. Es ist eine Schattenexistenz im Blindflug, bei der man die Welt draussen nur durch Glasscheiben vorbeihuschen sieht, sie allenfalls auf Instagram festhalten kann. Ungezwungen will Cassandre sein, ungebunden. Doch dabei ist ihr alles schlicht egal, auch wenn sie in manchen Momenten Empathie für die Reisenden aufbringen kann.

Adèle Exarchopoulos spielt ihre Figur äusserst vielschichtig, zwischen apathisch und sich doch immer wieder aufraffend. Niemals wirkt sie aufgesetzt, ihre Natürlichkeit bestach bereits im Liebesfilm «Blau ist eine warme Farbe» (2013). Die Französin trägt den ganzen Film, vor allem in der zweiten Hälfte, in der sich eine etwas träge Familiengeschichte auftut.

Über das Einzelschicksal hinaus ist «Rien à foutre», zu Deutsch etwa «Es schert mich einen Dreck», auch eine Studie über Machtverhältnisse bei der Arbeit und die daraus resultierenden Formen der Entfremdung. Die Crew sollte ein Team sein, besteht jedoch aus lauter Einzelkämpfern. Es wird fleissig nach unten getreten, zur Seite ausgeteilt, angeschwärzt. Und dabei immer gelächelt.

Der Film von Julie Lecoustre und Emmanuel Marre offenbart diesen Schwebezustand geradezu dokumentarisch. Die Kamera kommt ihrer Protagonistin ganz nahe, die Stimmen der anderen, teils Laiendarsteller, sind häufig nur aus dem Off zu hören. So verdeutlicht «Rien à foutre», wie Cassandre den Blick auf eine grössere Perspektive verliert: «Ich weiss nicht einmal, ob ich morgen noch leben werde, ich will einfach nur den nächsten Flug erwischen.» Für den Streik der Kollegen, die um bessere Arbeitsbedingungen kämpfen, bleibt keine Zeit.

«Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein», besang Reinhard Mey die Sehnsucht eines Piloten. Zumindest für die Passagiere und die Flugbegleiter klingen diese Worte immer leerer.

«Rien à foutre»: ab dem 7. Juli im Kino.