Tanzcompagnie

Flamencos en Route gibt auf – weil ein Geldhahn versiegt

Die Premiere zum Jubiläum wird nun zum Abschiedsstück von Flamencos en Route: «ay! viñetas de Lorca».

Die Premiere zum Jubiläum wird nun zum Abschiedsstück von Flamencos en Route: «ay! viñetas de Lorca».

Das Aargauer Kuratorium streicht der Tanzcompagnie Flamencos en Route ab 2021 die Betriebsbeiträge. So sei professionelle Arbeit nicht möglich, sagt Gründerin und Leiterin Brigitta Luisa Merki. Nun ist 2020 Schluss.

Noch im letzten Herbst wurde gefeiert. Den 35. Geburtstag feierte Flamencos en Route auf der Bühne – tanzend. «Wir liessen uns nichts anmerken, auch wenn die Subventionskürzung wie ein Damoklesschwert über unseren Köpfen hing», sagt die Mitbegründerin und künstlerische Leiterin Brigitta Luisa Merki. Im Januar dann bekam sie Klarheit: Das Aargauer Kuratorium beschloss, die jährlichen Subventionen zu streichen. Das machte die Badener Tanzcompagnie am Montag mit einer Medienmitteilung publik – und kündigte das endgültige Aus der Truppe auf Ende 2020 an.

Vor fünf Jahren schon angekündigt

Der Entscheid des Kuratoriums kam nicht über Nacht. Bereits 2015 habe man Brigitta Luisa Merki informiert, dass ein Systemwechsel vollzogen werde, sagt Jordy Haderek, Mitglied des Kuratoriums im Fachbereich Theater und Tanz, gegenüber der AZ. «Wir haben 2015 die Beiträge von jährlich 250000 Franken für fünf Jahre garantiert, aber gesagt, dass dann Schluss sei», präzisiert Haderek. «Wir hatten gehofft, dass die Truppe einen Weg findet – mit Kooperationen oder Fusionen, durch Veränderungen oder eine andere Finanzierung.» Das Kuratorium habe der Truppe zudem angeboten, «sich in kleinerem Rahmen um Beiträge für einzelne Produktionen zu bewerben – so wie das allen offen steht», sagt Haderek.

Professionelles Schaffen braucht Planungssicherheit

Das sei illusorisch, entgegnet Merki. Wenn die öffentliche Hand sich in der Kulturförderung zurückzieht, sei es noch schwieriger, Mäzene und Sponsoren zu finden. «Und vor allem versteht das Fördergremium offensichtlich unsere Arbeitsweise nicht. Wir sind eine kulturelle Institution. Als professionelle Compagnie brauchen wir Infrastruktur: Proberäume, Werkstatt, Lastwagen. Das kostet.»

Merki betont: «Wir sind eine Truppe, planen langfristig, bringen unsere Produktionen in der Schweiz und in Deutschland dutzende Male auf die Bühne.» Für einen solchen Betrieb brauche es Planungssicherheit. «Ich kann den Tänzern und Musikern nicht sagen, vielleicht kannst du nächstes Jahr in einer Produktion mal kurz mitmachen, dann suchen die Leute ein anderes Engagement.» Künstlerisch weiter zu kommen, das Entwickeln einer Handschrift sei nur als Compagnie möglich, so Merki. «Das wird in der Kulturförderung einfach nicht berücksichtigt.»

Das Dilemma der Kulturförderung

Warum aber streicht das Kuratorium die Betriebsbeiträge? In seinem Newsletter begründet das Gremium am Mittwoch: «Die Knappheit seiner Fördergelder und sein kulturpolitisches Ziel, die Entwicklung des Genres Tanz im Kanton in möglichst breiter Vielfalt zu fördern» hätte den Fachbereich zu diesem Schritt veranlasst. Es sei das Dilemma aller Fördergremien sagt Haderek: «Die Pionierinnen und Pioniere der 80er- und 90er-Jahre haben sich etabliert, ihre Projekte und Gruppen binden die Mittel, sodass für Neues kein Geld bleibt.»

Brigitta Luisa Merki war auch Tänzerin: hier im Stück Centaura y Flamenca  2003.

Brigitta Luisa Merki war auch Tänzerin: hier im Stück Centaura y Flamenca 2003.

Sie habe doch für Vielfalt und Förderung gesorgt, betont Merki. «Ich habe junge Tänzer und Choreografen engagiert.» Es sei unfair, sie nur auf das Genre Flamenco zu reduzieren. «Wir machen zeitgenössischen Tanz und Flamenco und bringen verschiedene Tanzformen zusammen.» Es gäbe in der Schweiz zudem kaum mehr Truppen, wir aber existieren seit Jahrzehnten. «Und wir haben ein Stammpublikum, das gespannt unsere Entwicklung verfolgt.»

Das Kuratorium wusste von Merki, dass das Streichen der Betriebsbeiträge das Aus der Truppe bedeuten würde. Bedauert das Jordy Haderek? «Ja», sagt die Kuratorin, «das schmerzt.» Aber ich finde unser Vorgehen, fünf Jahre Zeit für eine Änderung zu garantieren, war fair.»

Abschied und ein neues Projekt

So stur Brigitta Luisa Merki wirken mag, wenn sie sagt, ohne Betriebsbeiträge keine Compagnie, so beharrlich setzt sie sich für den Tanz ein. Bereits hat sie aufgegleist, dass die Infrastruktur, die Flamencos en Route in Baden aufgebaut hat – Proberäume, Werkstatt und Gästehaus – eine Zukunft hat. Hier soll eine Tanzresidenz entstehen, wo professionelle und semiprofessionelle Tänzerinnen und Tänzer arbeiten und proben können. So könne im Aargau die Tanzszene gefördert werden. Das Kuratorium, der Kanton und die Stadt Baden sollen die Residenz tragen. Einmal im Jahr möchte Brigitta Luisa Merki sie benutzen. Denn ihr Projekt «Tanz und Kunst Königsfelden» geht weiter. Bei diesem kantonalen Leuchtturm ist und bleibt sie die künstlerische Leiterin. Dieses Jahr musste das Programm mit Schulen coronabedingt reduziert werden. Nächstes Jahr folgt die nächste grosse Produktion.

Zuvor aber nimmt sie mit Flamencos en Route Abschied. Auf der Bühne. Zuerst im Kloster Fahr mit der Wiederaufnahme von «Feu sacré» und im Oktober im Kurtheater Baden – dort, wo alles begann.

Feu sacré Kloster Fahr, 26. August bis 13. September ay! viñetas de Lorca Kurtheater Baden, 22. bis 25. Oktober.

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