Wiedereröffnung

Filme schauen nach dem Lockdown: Nun stellt sich im Kino die Superspreader-Frage

Gemütlich trotz Corona in diesem Kino am vergangenen Wochenende: An ein näheres Beisammensein müssen sich manche erst gewöhnen.

Gemütlich trotz Corona in diesem Kino am vergangenen Wochenende: An ein näheres Beisammensein müssen sich manche erst gewöhnen.

Seit fünf Tagen sind die Kinos wieder offen. Wir gingen hin, freuten und wunderten uns. Eine Bilanz in fünf Punkten.

Trübes Wetter, kühlere Temperaturen: ideale Voraussetzungen für den Neustart der Kinos. Wegen der Coronapandemie konnten sie ihre Säle nur unter Auflagen wieder öffnen. Seit letztem Wochenende gehen die Leute wieder hin.

Auch wir setzten uns vor die Leinwand, schauten uns tolle Filme an und stellten Folgendes fest.

1. Ein überraschend starkes Filmprogramm

Lange war unklar, mit welchen Filmen Verleiher und Kinos die Leute in der Post-Lockdown-Phase in die Säle bringen wollten. Bald zeigte sich: Es wurden vorerst weniger Filme geplant, darunter viele, die kurz vor der verordneten Kinoschliessung im März angelaufen sind. Daneben gab es auch ein paar Premieren. Etwa «Notre Dame» aus Frankreich, der richtig gute Laune macht.

Mit «A Beautiful Day In The Neighborhood» startet heute ein wunderbarer Film mit Tom Hanks. Ein zynischer Journalist soll Fred Rogers (Hanks), den allseits beliebten Moderator einer Kindersendung, porträtieren, erfährt dabei aber vor allem mehr über sich selbst. Dass «Mr. Rogers» hierzulande niemand kennt, tut dem Film keinen Abbruch: warmherzig, menschlich, zwei-, dreimal nah am Kitsch – aber eben nur nah – und zurückhaltend und überlegt in Szene gesetzt.

«Woman» läuft vielerorts seit letzter Woche. Im Dokumentarfilm adressieren Frauen aus aller Welt – ästhetisch und feinfühlig inszeniert – das Publikum direkt.

2. Das Verlangen überwiegt, die Leute gehen wieder ins Kino

Das Interesse des Publikums überrascht. Auch an kleineren Filmen wie «You Will Die At 20» aus dem Sudan, dem Gewinnerfilm des diesjährigen, online ausgetragenen Fribourg Film Festivals. Die Branche jedenfalls zeigt sich sehr zufrieden nach den ersten Tagen des Neustarts, wie ProCinema auf Anfrage schreibt.

Ein grosses Pathé-Mulitplex blieb an einem Dienstagabend zwar eher leer. Nur ein paar Nasen haben sich in die deutsche Fassung des neuen Clint-Eastwood-Streifens «Richard Jewell» verirrt.

Auch nur zehn Leute waren am Samstagabend in der Jane-Austen-Verfilmung «Emma.» in einem Luzerner KITAG-Kino. Angesichts der kleinen Besucherzahl war das Angeben der Kontaktdaten freiwillig. Die deutsche Komödie «Nightlife» war zur gleichen Zeit aber ausverkauft. Eine Angestellte sagte, dass es, um Besucherströme zu vermeiden, keine Pause geben werde.

Auch die Neugass Kino AG mit Sälen in Zürich und Luzern zeigte sich positiv überrascht über das Besucherinteresse.

3. Ein paar Fragen zum Schutzkonzept bleiben noch hängen

In einem Berner Kino sagt man uns, Besucher wollten Name und Telefonnummer nicht angeben, weil sie das in anderen Kinos auch nicht müssten. Fahrlässig, finden wir, sollten sich tatsächlich Kinos ums Contact-Tracing foutieren. Bei Online-Buchungen reicht auch die Angabe der E-Mail-Adresse.

In den Sälen gibt es dann Platz genug, jeder zweite Sitz ist gesperrt. Bloss: Wenn nur ein Sessel leer bleibt zwischen den Zuschauern, sind das weniger als zwei Meter Distanz. Aber gut, so wurde das Konzept von den Behörden abgesegnet. Die Empfehlung der Kinos übrigens: Wenn Abstandhalten nicht möglich ist, soll man eine Maske tragen. Doch die Masken müssen die Zuschauer schon selber mitbringen, die Kinos stellen keine zur Verfügung. Die einzigen Personen mit Maske im Kino, die wir in den letzten fünf Tagen gesehen haben, sind Mitarbeitende.

In einem grossen Pathé-Multiplex läuft alles rund, bis zum Ende der Vorstellung. Wir tun uns schwer, den Ausgang zu finden – und wollen uns nicht vorstellen, wie nah man sich kommt, wenn es voll ist und viele Leute wild durcheinander die richtige Richtung suchen.

Anderswo, etwa in den Luzerner Bourbaki-Kinos, werden die Gäste konsequent durch den Notausgang aus dem Saal entlassen. Im Abspann wird ein Dia gezeigt mit den Angaben, wo sich der Ausgang befindet. Lustig: Bei der ersten Vorstellung am Samstagnachmittag hiess es «Notausgang hinten links», er war aber rechts. Falsches Dia erwischt. Schwer zu verstehen ist aber, dass auf den zwei engen Wendeltreppen im Bourbaki-Gebäude, die zu Kinos und Toiletten führen, kein «Einbahnverkehr» eingeführt wurde. Ob die Umsetzung des Schutzkonzepts so funktioniert, muss sich weisen. Man könne immer noch Korrekturen anbringen, sagt ein Kinobetreiber dazu.

4. Eine neue Enge im Kinosaal

Wer sitzt noch im Saal, wer in meiner Nähe? Hat nicht soeben jemand gehustet, und warum setzt sich ein verspäteter Kinobesucher direkt in meinen Nacken?

Die Kinobetreiber sind verpflichtet, zwischen den verkauften Sitzplätzen jeweils einen Sessel freizulassen. Es sei denn, es handelt sich um Familien, Paare oder Personen, die zusammenleben. Wohnen die drei Mittvierziger im Richard-Jewell-Film wirklich zusammen, die nun nebeneinandersitzen?

Und sowieso: Wird der ganze Saal angesteckt, wenn nur ein «Superspreader» drinsitzt, der nicht weiss, dass er derart ansteckend ist? Alles offene Fragen, die manchen Besuchern durch den Kopf gehen. Aktuell sind die Coronazahlen so tief, dass es kaum zu Ansteckungen kommt. Ob die Kinos coronafrei bleiben, wissen wir in wenigen Wochen.

5. Das zaghafte Zurück zur Normalität

Das Schöne ist, man kann wieder ins Kino. Und wenn wir schon hingehen, sollten wir den Film geniessen können auf der grossen Leinwand. Ist der Film gut genug, dann werden die Bedenken wegen Corona rasch verdrängt. Es wird gemeinsam gelacht und geweint.

Weil die Säle jedoch häufiger gereinigt werden und zwischen den Vorstellungen intensiv gelüftet wird, gibt es deutlich weniger Vorstellungen als in der Prä-Coronazeit. Ansonsten kehrt ein Stück weit Normalität ein.

Am Abend hört man in «Emma.» im Luzerner KITAG-Kino den Satz: «Bitzeli langwilig bis jetzt», nach der Pause müsse es besser werden – und denkt: alles beim Alten. Nach der Vorstellung spricht einen eine ältere Frau darauf an, wie schön es gewesen sei. Die Verbundenheit unter Kinogängern. Über Corona hört man nichts.

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