Kino
Wie Michelle Yeoh viel über Selbstlosigkeit und Mitgefühl lernte

Martial-Arts-Star Michelle Yeoh spielt in «The Lady» mit Burmas Hoffnungsträgerin Aung San Suu Kyi die Rolle ihres Lebens. «Es ist eine so spezielle Ehre für mich, Daw Suu, wie sie in Burma genannt wird, zu spielen», sagt Yeoh.

Marlene von Arx
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Michelle Yeoh verkörpert die Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi. ho

Michelle Yeoh verkörpert die Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi. ho

Jahre unter Hausarrest, der Friedensnobelpreis – und nun endlich, am letzten Wochenende die Wahl ins burmesische Parlament: Aung San Suu Kyis Durchhaltevermögen scheint sich ausgezahlt zu haben. Woher kommt in Ihren Augen die Antriebskraft der burmesischen Freiheitskämpferin?

Michelle Yeoh: Ich glaube, ihre Mutter Khin Kyi hat sie am meisten geprägt. Der Vater starb ja, als sie dreijährig war. Das meiste über ihn erfuhr sie durch ihre Mutter, die 1960 Botschafterin in Indien wurde. Ihr Vater war ein General und kämpfte mit Waffen. Mitgefühl und die Philosophie des gewaltlosen Kampfes kamen von der Mutter.

Sie haben zwei Tage mit Aung San Suu Kyi verbracht. Was haben Sie während dieser Zeit gelernt?

Es war gegen Ende der Dreharbeiten, denn vorher war sie ja wieder unter Hausarrest, und so hatte das eigentlich keinen Einfluss mehr darauf, wie ich die Rolle spielte. Ich habe
viel von ihr über Selbstlosigkeit und Mitgefühl gelernt. Wie sie erzählte, hat Meditation ihr sehr viel Kraft und Klarheit gegeben. Sie sagte, in Oxford hätte sie jeweils fünf Minuten meditiert, und dann sei eines ihrer Kinder aufgewacht und sie habe sich wieder ihren Mutterpflichten gewidmet. Während ihres ersten Hausarrests lernte sie, richtig zu meditieren und ihre Energie zu bündeln. Aus der Mutter zweier Jungen wurde über Nacht die Mutter einer Nation.

Welchen Stellenwert hat die Liebesgeschichte zwischen Aung San Suu Kyi und Oxford-Professor Michael Aris in dieser Polit-Biografie?

Einen grossen. Als sie nach Burma zurückkam, war sie anfänglich eine Verräterin – nicht nur, weil sie das Land verlassen hatte, sondern auch, weil sie einen Nicht-Burmesen geheiratet hatte. Sie war dreizehn, als sie ein Buch über eine Kommunistin in Isolationshaft las, und vermutlich hatte sie schon damals eine Vorahnung, dass das ihr Schicksal werden würde. Denn sie schrieb Michael Aris schon zu Beginn der Beziehung, dass sie in ihr Land zurückkehren würde, wenn es sie brauchte. Das war bei-den immer klar. Und er hat in der Ferne hart daran gearbeitet, dass das Scheinwerferlicht auf ihr blieb.

Man kennt Sie eher als kickende Martial-Arts-Schauspielerin. War dies eine schwierige Rolle für Sie?

Martial Arts gibt einem sehr viel Disziplin – egal, ob körperlich oder mental. Ich hatte also das Werkzeug, mich auf die Rolle zu konzentrieren. Vor allem auf alles, was repetitiv war – wie beispielsweise das Lernen des burmesischen Textes; da halfen mir mein Mandarin und mein Malay gar nichts. Oder beim Abnehmen. Das Erste, was ihr Sohn Kim Aris zu mir sagte, war: «Meine Mutter ist viel schlanker als Sie.»

Mutter der Nation

1947 wird General Aung San, der die Unabhängigkeit Burmas von Grossbritannien aushandelte, ermordet. Von da blättert der Film gleich ins Jahr 1988, als seine Tochter Aung San Suu Kyi nach Jahren im Westen erstmals in das politisch brodelnde Rangoon zurückkommt, um ihre sterbende Mutter zu besuchen. Als Symbol der prodemokratischen Bewegung wird sie 1989 erstmals unter Hausarrest gesetzt. «The Lady» ist eine traditionell aufgebaute Film-Biografie, in der manchmal nicht viel mehr passiert, als dass um ein Visum gefeilscht oder Piano gespielt wird. Dennoch bewegt die Liebesgeschichte, diese Leidenschaft der stillen Art, zwischen der introvertierten Kämpferin Aung San Suu Kyi und Michael Aris, der 1999 seinem Krebsleiden erlag, ohne dass ihn seine Frau ein letztes Mal besuchen konnte. (mva)

Und der andere Sohn?

Alex lebt in Amerika und entschloss sich, nichts mit dem Film zu tun zu haben. Ich respektiere das.

Sie waren es, die Luc Besson als Regisseur herbeizog. Wie kam es zu dieser überraschenden Wahl?

Luc ist ein guter Freund und Mentor. Ich war sicher, dass er mir ehrlich sagen würde, ob es überhaupt möglich ist, einen Film über eine lebende Persönlichkeit zu drehen, die unter Hausarrest steht. Er arbeitet nicht mehr oft als Regisseur, weil er nicht von der Familie wegwill. Nur, wenn er sich wirklich in den Stoff verliebt, und das war hier zum Glück der Fall.

Hauptrollen für Asiatinnen sind immer noch äusserst rar. Wird «The Lady» daran etwas ändern?

Ich glaube, das Image der Asiatin im Film ist im Wandel. Als ich für den «Bond»-Film «Tomorrow Never Dies» zum ersten Mal nach Hollywood kam, war das Image noch viel klischeebehafteter. Aber es gibt wenige weibliche, asiatische ikonische Persönlichkeiten. Daher ist es auch so eine spezielle Ehre für mich, Daw Suu, wie sie in Burma genannt wird, zu spielen. Ich habe mein Bestes gegeben, ein Licht auf sie und das burmesische Volk zu werfen.

Wie beurteilen Sie Aung San Suu Kyis Situation als Oppositionsführerin jetzt?

Sie ist frei, aber auch nicht frei. Aber Daw Suu sagte ja immer: «Ich war immer frei in meinem Geist.» Sie verlangt auch nicht das Ende des Militärs. Sie ist die Tochter eines Generals. Aber das Militär soll sich auf seine Kernaufgabe, die Landesverteidigung und den Schutz des Volkes, beschränken. Viele junge Leute schauen zu ihr auf und werden ihren Kampf weiterführen. Denn bis sich die Demokratie in Burma wirklich durchsetzen kann, ist noch ein langer Weg.

The Lady (F/GB, 2011), 143 Min. Regie: Luc Besson. Mit Michelle Yeoh, David Thewlis u.a. MMMII

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