Kino
Werner Herzog: «Ich verspürte nur eins: absolutes Staunen»

Werner Herzog erkundet in «Cave of Forgotten Dreams» eine urzeitliche Höhle in 3D. Im Interview äussert sich der Regisseur zur Aura des Ortes und zu seinen Empfindungen beim Bestaunen von Kunstwerken dieses Alters.

Georges Wyrsch
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Die Chauvet-Höhle im französischen Département Ardèche wurde ab 1994 freigelegt - wann zeichnete sich ab, dass das ein Thema für Sie sein könnte?

Werner Herzog: Von der Höhle erfuhr ich, als im «New Yorker» ein Artikel darüber erschien. Da fragte mich ein Produzent, ob mich das reizen würde. Für mich war klar: Das muss ich machen, denn ich hatte schon von Kindesbeinen an eine Faszination für prähistorische Kultur, mein eigener Intellekt ist sozusagen damit erwacht. In einer ersten Phase habe ich die Entdecker der Höhle aufgesucht, und da merkte ich schnell, dass diese Menschen eigentlich die tragischen Figuren der Geschichte sind. Die haben ihre juristischen Möglichkeiten völlig über- schätzt und prozessieren seit 14 Jahren erfolglos gegen den französischen Staat, weil sie damals ein Besitzrecht auf die Höhle angemeldet haben. Nicht zuletzt dank dem Film soll es nun aber zu einer Einigung der beiden Parteien kommen.
Unabhängig von den Besitzverhältnissen waren Sie bei den Dreharbeiten mit vielen Einschränkungen konfrontiert.
Aus gutem Grund. In eine andere Höhle, diejenige von Lascaux, hatte man früher zu viele Touristen gelassen, und durch deren Atem bildete sich ein schädlicher Pilz an den Wänden. Die Höhle von Chauvet ist noch empfindlicher, denn dort ist ja seit einem Felssturz vor 20 000 Jahren noch alles intakt, wie in einer Zeitkapsel. Daher durften wir nur zu viert sein, und nur Geräte benutzen, die wir selbst tragen konnten. Wir hatten eine Woche Drehzeit, mit maximal vier Stunden pro Tag. Und wir durften ausschliesslich von einem schmalen Metallsteg aus filmen, sonst hätten wir urzeitliche Spuren verwischt - die Spuren eines Bären etwa, von dem man weiss, dass er vor 25000 Jahren ausgestorben ist. Zudem hatten wir keine Möglichkeit, uns über Kabel nach draussen zu verbinden - die Stahltür wurde jeweils hinter uns verschlossen.
Das hat wohl viele ästhetische Kompromisse mit sich gebracht. Gerade 3D-Aufnahmen brauchen ja viel Licht, und Sie waren auf Kaltlichtlampen beschränkt ...
Anders ging es nicht: Den Raum aufzuheizen, das wäre das Letzte gewesen, das wir hätten tun dürfen. Aber mit solchen Bedingungen kann ich leben. Ich versuche halt, das visuell Bestmögliche daraus zu machen. Problematisch war vor allem, dass wir die Optik der 3D-Kamera jeweils mit Taschenlampen und zwei Schraubenziehern auf die richtige Distanz einstellen mussten.
Gerade die räumliche Tiefe war ja für den Film wichtig.
Genau, denn die Formationen in dieser Höhle sind allein schon ein Drama für sich, und das haben die urzeitlichen Maler damals für ihre Darstellung optimal ausgenutzt. Daher war 3D die einzige Option.
War die Höhle damals schon eine Art Museum oder eine sakrale Stätte?
Eine Wohnstätte war sie definitiv nicht, nur Bären haben dort überwintert. Ob Zeremonien stattgefunden haben, das weiss man nicht, aber es gibt Hinweise darauf. Ein Bärenschädel ist zum Beispiel auf einem quadratischen Stein genau in der Mitte platziert, und es gibt Kohlespuren, die die Anwendung von einer Art Weihrauch nahelegen. Das alles könnte aber auch ein spielendes Kind gemacht haben.
Wie würden Sie die Aura des Ortes beschreiben?
Ich bin vorsichtig mit Begriffen wie Aura, das klingt mir zu sehr nach New Age. Das Überwältigende war vielmehr das Hineintreten in eine Welt, die vorerst nur eines auslöst: absolutes Staunen. Ich wusste gleich, wenn ich dieses Staunen dem Zuschauer mitteilen kann, dann habe ich den Film richtig gemacht. Und wenn ich nun die Zuschauerzahlen in den USA erwähnen darf, wo der Film zum erfolgreichsten Dokumentarfilm des letzten Jahres wurde, dann ist mir dies wohl gelungen.
Was empfindet man eigentlich, wenn man mit Kunstwerken dieses Alters konfrontiert wird? Fühlt man sich da eher klein oder stellt sich die Gewissheit ein, dass gewisse Werke auf ewig Bestand haben können?
Allein schon die Zeitabläufe vor der Verschüttung dieser Höhle sind für uns ja kaum nachvollziehbar. Man weiss zum Beispiel durch Messungen ziemlich genau, dass ein Wollnashorn vor 32000 Jahren gemalt wurde. Das Gemälde war damals aber nicht abgeschlossen. Ein anderer Maler hat das Bild dann vervollständigt und etwas darüber gemalt. Inzwischen ist nachgewiesen, dass zwischen den beiden Malereien 5000 Jahre vergangen sein müssen. Stellen Sie sich das vor: Sie hinterlassen ein halb ausgefülltes Kreuzworträtsel auf einem Küchentisch, und 5000 Jahre später kommt jemand und vervollständigt das. Verstehen kann ich das nicht, noch nicht einmal vorstellen kann ich mir das.
Cave of Forgotten Dreams Werner Herzog. Kanada, USA, Frankreich, Deutschland, Grossbritannien, 2010. Ab 12. 1.

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