Film
«Wer nicht spinnt, ist nicht normal»

Die Theatergruppe «Glück» zeigt ihren neuen Dok-Film über die Symbiose Mensch und Motor im Autokino.

Christian Hansen
Drucken
Eine Abdankung an Benzin, Gummi und Pferdestärken: Die Theatergruppe «Glück» zeigt ihren Dok-Film «Jäger und Sammler» im temporären Autokino. zvg/Gregor Brändli

Eine Abdankung an Benzin, Gummi und Pferdestärken: Die Theatergruppe «Glück» zeigt ihren Dok-Film «Jäger und Sammler» im temporären Autokino. zvg/Gregor Brändli

Gregor Brändli

Es gibt Menschen, die sich mit Serienmodellen nicht zufriedengeben. Individualisten, die so lange an etwas herumbasteln, bis es ihren Ansprüchen an Einmaligkeit genügt. In der Autoszene nennt man solche Leute Tuner, im biografischen Kontext zumeist Künstler. Was dabei herauskommt, wenn beide Gruppen aufeinandertreffen, kann man ab dem 22. Juni fünf Abende lang auf dem Messe-Checkpoint hinter dem Stücki bestaunen.

Dort bauen Gregor Brändli, Jeremias Holliger, Lukas Kubik, Benjamin Mathis und Victor Moser gerade ihr temporäres Autokino auf. Mit dem 2012 gegründeten Kollektiv «Glück» haben sie für ihre neueste Produktion «Glück präsentiert: Autokino» den theatralen Raum verlassen und ihre Kreativkraft im wahrsten Sinne des Wortes auf die Strasse losgelassen.

Eine episodische Doku mit dem Titel «Jäger und Sammler» ist entstanden, die von Menschen und ihren speziellen Beziehungen zum Automobil handelt. Eingeleitet und ergänzt wird der Film von szenischen Live-Installationen, denn ursprünglich kommen «Glück» vom Theater. Ihre erste Produktion «Honegger — Ein Panorama» war 2013 zu erleben. Nach drei Jahren der Klausur folgt nun die nächste Stufe kollektiven Schöpferwahns, diesmal im Filmformat.

Auto-Stau macht kreativ

«Vor zwei Jahren stand ich vor der Fähre Calais-Dover im Stau und fragte mich, was passieren würde, wenn es jetzt einfach nicht mehr weiterginge. Überhaupt nicht. Wenn all die Leute aus ihren Autos steigen und miteinander in Verbindung treten müssten», erzählt Gregor Brändli von der Geburtsstunde der Projektidee. Nach seiner Reise stellte Brändli das Gedankenspiel den vier anderen Glücks-Rittern vor — und die Karosserie von «Jäger und Sammler» begann, Formen anzunehmen.

Zwei Jahre lang hat das Quintett die Grundidee tiefergelegt und aufgemotzt. Weil «Glück» die Weltpremiere des Films zudem an einem angemessenen Ort zeigen wollte, machte Jeremias Holliger sich bei Google Earth auf die Suche nach geeigneten Brachflächen für ein Autokino. Hinter dem Stücki wurde er fündig und gestaltet nun auf der Fläche ein atmosphärisches Glückserlebnis für motorisierte Cineastinnen und Cineasten.

«Früher ist man aufs Land ins Autokino gefahren, um in Ruhe zu rauchen, zu knutschen und der Verwandtschaft zu entkommen», skizziert Brändli den spirituellen Kern des Wahnsinnsprojekts, für fünf Tage ein Freiluftkino zu errichten. «Wir wollten solch einen Rückzugsort in Basel möglich machen.» Giacun Caduff unterstützte das Quintett in Sachen Autokino, Gregor Brändli drehte, schnitt und vertonte den Film, Benjamin Mathis plante Infrastrukturen, agierte hinter der Kamera und recherchierte, Victor Moser komponierte den Soundtrack zum Film.

Live-Musik und Grilliertes

«Die Filmmusik wird jeden Abend live von uns eingespielt», erklärt Benjamin Mathis. Zusammen mit Sprecher Lukas Kubik führt der Schauspieler die Gäste durch den Filmabend und sorgt nebenbei für die kulinarische Verpflegung: Grill und Bar werden auf dem Messe-Checkpoint hinter dem Stücki-Center bereitstehen. Mit einem zum Thema passenden Menu, versteht sich.

Das Auto als bewegliche Festung im öffentlichen Raum, als Symbol für Freiheit, Unabhängigkeit und Individualität, als Projektionsfläche kleiner und ganz grosser Fantasien — «Jäger und Sammler» will der «eigenartigen Symbiose zwischen Mensch und Auto» auf die Schliche kommen. Nach fünf Vorstellungen wird alles wieder abgebaut. Das Zitat eines Protagonisten des Films gilt also nicht nur für die Autonarren im Film, sondern ein wenig auch für die Projektverantwortlichen: «Wer nicht spinnt, ist nicht normal».

Erleben kann man «Glück präsentiert: Autokino» vom 22. bis 26. Juni. Wer im eigenen Auto kommt, zahlt 45 Franken, egal wie viele Passagiere im Fahrzeug sitzen. Fussgänger, Töff- und Velofahrende zahlen 25 Franken. Mitzubringen ist lediglich ein UKW-fähiges Radio und gegebenenfalls Regenkleidung. Radiolose und Kurzentschlossene können sich gegen eine kleine Gebühr vor Ort ein Empfangsgerät ausleihen.

Autokino, 22.–26. Juni 2016, Einlass ab 20.30 Uhr mit Bar, Grill und Vorprogramm. Letzter Check-in: 21 Uhr. Messe-Checkpoint, Neuhausstr. 49, 4057 Basel.

www.autokino.theater

Aktuelle Nachrichten