Kino
Viel nackte Haut – aber kein Hauch Erotik

Channing Tatum lässt wieder die Hüllen fallen – «Magic Mike XXL» ist nur noch reine Fleischschau.

Lory Roebuck
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Keine Konflikte, keine Einsichten, keine Spannung. «Magic Mike XXL» bietet vor allem Langeweile. Claudette Barius/Warner Bros.

Keine Konflikte, keine Einsichten, keine Spannung. «Magic Mike XXL» bietet vor allem Langeweile. Claudette Barius/Warner Bros.

Claudette Barius

Stählerne Männerkörper. Rhythmische Hüftstösse. Tangas in gleissendem Bühnenlicht. Willkommen bei «Magic Mike XXL», der zweiten Runde der Stripshow mit knackigen Hollywoodstars. Channing Tatum beispielsweise. Er wurde mit dem ersten «Magic Mike»-Film vor drei Jahren berühmt. Es war damals ja besonders poetisch, wie Tatums Filmografie plötzlich seine Biografie einholte. Tatum hatte sich als Jugendlicher lange als Stripper über Wasser gehalten. Fürs Kino schlüpfte er wieder in diese Rolle – mühelos, weil er die feurigen Moves nicht verlernt und seine Muskelmasse weiter zugenommen hatte.

In einem Kinosommer voller Superhelden war der erste «Magic Mike» der ersehnte Blockbuster für das weibliche Kinopublikum. Und sogar weit mehr als reine Fleischschau. Ja, der Film lässt den Kick der Stripper nachempfinden, wenn hundert angetörnte Frauen sie mit Kreischlauten und Geldscheinen eindecken. Aber er zeigt auch die Schattenseiten des Geschäfts: die Objektivierung dieser Männer, die Aufputschmittel und Drogen, die Schwierigkeit, aus diesem Milieu wieder auszubrechen.

Verantwortlich für diese spannenden Einblicke: Regisseur Steven Soderbergh. Der 52-jährige US-Amerikaner hat in seiner Karriere wiederholt ein gutes Gespür für kritische Geschichten bewiesen. Er blickte schon hinter das Drogengeschäft an der Grenze zwischen Mexiko und den USA («Traffic», 2000), hinter schmutzige Praktiken in der Pharmaindustrie («Erin Brockovich, 2000) und hinter die Verstrickungen zwischen Spitzenpolitikern und Escortgirls («The Girlfriend Experience», 2009). «Magic Mike» war Soderberghs grösster Hit, 167 Millionen Dollar spielte der Film weltweit ein, das 23-fache seines Budgets.

Unerfahrener Jacobs übernahm

Eine Fortsetzung war nur logisch: «Magic Mike XXL». Eine klare Ansage: XXL – alles in grösseren Dimensionen. Mehr durchtrainierte Kerle. Mehr Stripeinlagen. Mehr Spass. Doch der Film musste schon vor Drehbeginn herbe Verluste einstecken: Matthew McConaughey, neben Tatum der andere Hauptdarsteller aus «Magic Mike», war inzwischen zum Oscar-Gewinner gereift und in einer neuen Lohnklasse angekommen. Die Produzenten konnten oder wollten ihn sich nicht mehr leisten. Derweil gab Steven Soderbergh den Regiestuhl wieder frei, um sich stärker seiner TV-Serie «The Knick» zu widmen. Sein unerfahrener Regieassistent Gregory Jacobs (nur drei Filme in elf Jahren) übernahm.

Immerhin: Unter dem Decknamen Peter Andrews (dem Vor- und mittleren Namen seines Vaters) wirkte Soderbergh als Kameramann an «Magic Mike XXL» mit. Wirklich zugute kommt es dem Film aber nicht. Denn Soderbergh verpasst ihm einen überaus hässlichen Look. Seine digital aufgenommenen Bilder sind fast komplett entästhetisiert: kaum Tiefenschärfe, kaum Farbsättigung. Als hätte er mit einem alten iPhone gedreht. Die Bilder sind einer Kinoleinwand eigentlich unwürdig, aber sie sind so beabsichtigt. Denn «Magic Mike XXL» soll besonders authentisch wirken.

Ein anderes Wort für authentisch ist in diesem Fall: beiläufig. So wirkt die Handlung von «Magic Mike XXL». Tatum und seine alte Crew fahren an eine Stripper-Convention, um ein letztes Mal die Sau – beziehungsweise ihre Muckis und andere Körperteile – rauszulassen. Der Film ist ein Roadtrip, und für die Zuschauer soll es sich anfühlen, als würden sie mitfahren. Eine gute Idee. Bloss: Es passiert nichts. Die Jungs plaudern den ganzen Tag über Belanglosigkeiten. Keine Konflikte, keine Einsichten, keine Spannung. Dafür gähnende Langeweile.

Erotik ist tot

Und so geht es hier – im Unterschied eben zum ersten «Magic Mike» – tatsächlich nur noch um reine Fleischschau. Klar, da ich ein Mann bin, zielt «Magic Mike XXL» natürlich voll an mir vorbei. Aber wenn ich sehe, wie diese Stripper Mädchen auf die Bühne zerren, sie auf den Boden drücken, mit ihrem Schoss zwischen deren Beinen Pumpbewegungen ausführen und Ejakulationen simulieren – dann frage ich mich, ob knisternde Erotik im Zeitalter von «Fifty Shades of Grey» einfach tot ist.

Aber man soll den Film ja auch nicht allzu ernst nehmen. Schon gar nicht dann, wenn er uns Männern vorwirft, dass wir unsere – offenbar völlig vernachlässigten – Partnerinnen geradezu in die Arme dieser Stripper treiben. Da sagt einer von ihnen tatsächlich: «Ich denke, wir sind so etwas wie Heiler, Mann!» Die Stripshow, in Wirklichkeit eine Therapie. Doch diese Medizin ist das Kinoeintrittsgeld nicht wert.

Magic Mike XXL (USA 2015) 115 Min. Regie: Gregory Jacobs. Ab morgen im Kino.