«Method Actor»
Verwandlungskünstler Christian Bale – Schauspieler oder Special Effect?

Christian Bale ist das Chamäleon unter den Hollywoodstars. Der 40-jährige Brite ist berüchtigt dafür, sein Körpergewicht von Film zu Film drastisch zu verändern. Ein besserer Schauspieler ist er deswegen nicht.

Lory Roebuck
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Kantige Wangenknochen, ausgehöhlte Augen: Für «Out of the Furnace» nahm Hollywoodstar Christian Bale 27 Kilo ab. ascot elite
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Die Wandlungen des Christian Bale
«Batman Begins»: Superhelden-Muskeln antrainiert. WB

Kantige Wangenknochen, ausgehöhlte Augen: Für «Out of the Furnace» nahm Hollywoodstar Christian Bale 27 Kilo ab. ascot elite

Kerry Hayes

Am besten kennen wir Christian Bale als muskelbepackten Batman-Darsteller, jetzt ist er im neuen Kinofilm «Out of the Furnace» kaum wiederzuerkennen: dünne Ärmchen, ausgehöhlte Augen, kantige Wangenknochen. Bale hat 27 Kilo abgenommen, um für seinen Part als heruntergekommener Fabrikarbeiter den perfekten Look zu haben.

Noch extremer verlief seine Vorbereitung für das Drama «The Machinist» (2004), als sich Bale monatelang nur noch von einem Apfel und einer Tasse Kaffee pro Tag ernährte. Der 1,83-Meter-Mann erschien komplett abgemagert auf dem Set und wog nur noch 54 Kilo. Unmittelbar danach nahm er in einem halben Jahr wieder 45 Kilo zu und stählte seinen Körper für seinen Superhelden-Auftritt in «Batman Begins» (2005).

Bale versteht sich als Method Actor, also als einer jener Darsteller, die komplett in die Gedanken- und Gefühlswelt ihrer Filmfigur eintauchen, um eine möglichst lebensechte Performance zu bieten. Wie Daniel Day-Lewis, der für seine Rolle als Autist in «My Left Foot» (1989) mehrere Monate in einem Behindertenheim verbrachte; oder Robert De Niro, der zur Vorbereitung für «Taxi Driver» (1976) wochenlang als Taxifahrer jobbte. Christian Bales Methode ist es, sich für seine Filmrollen körperlich zu verunstalten.

Schaustellen statt Schauspielen

Diese extreme Hingabe sorgt bei Fans und Kritikern für Begeisterung. Aber: Ist das wirklich grosses Schauspiel? Wenn Bale sich bis auf die Rippen abmagert, ist das ein Hingucker. Der Gewichtsverlust ist aber kein gespielter, sondern ein echter. Er ist kein Gradmesser für Bales Schauspielleistung. Höchstens indirekt.

Denn bei genauerer Betrachtung drängt sich nicht nur die Frage auf, wie gesund diese Praxis eigentlich ist, sondern auch jene, ob Bales Transformationen bloss Gimmicks sind, die von einem limitierten Schauspielhandwerk ablenken. So wie bombastische Spezialeffekte von der limitierten inhaltlichen Tiefe eines Films ablenken können. Bales Körperkult zieht die komplette Aufmerksamkeit des Zuschauers auf sich – und täuscht darüber hinweg, dass der Darsteller oft in puncto Ausdruck, Mimik und Charisma nur wenig überzeugt. Gerade bei seinen Auftritten in Blockbustern blieb Bale bislang blass.

In der von ihm angeführten «Batman»-Trilogie (2005–2012) übertrumpften ihn Nebendarsteller wie Heath Ledger und Anne Hathaway schauspielerisch um Längen. Und der einzige bleibende Eindruck, den er bei «Terminator: Salvation» (2008) hinterliess, war, als er seinen Kameramann aufs Allerübelste beschimpfte, weil er sich von diesem gestört fühlte. Ein Mitschnitt von Bales minutenlanger Tirade sorgte im Internet für Wirbel, der Film floppte. Sogar in der Komödie «American Hustle» (2013), die Bale eine Oscar-Nominierung einbrachte, stehlen die riesige Wampe und das lächerliche Toupet dem Schauspieler die Show.

Dass Bale, der als 14-Jähriger von Steven Spielberg in «Empire of the Sun» (1989) entdeckt worden war, abseits all dieser physischen Fluktuationen doch über echtes Schauspieltalent verfügt, belegte bislang nur ein Film: «The Fighter» (2010). Für die biografische Rolle des drogensüchtigen Boxtrainers Dicky Eklund magerte Bale zwar wieder ab. Doch unter der Regie von David O. Russell, dem eine grosse Gabe zur Schauspielerführung attestiert wird, mutierte Bale auf der Leinwand zur Naturgewalt: unberechenbar, gefährlich, explosiv. Aufnahmen des echten Dicky Eklund im Abspann bewiesen, dass Bale ihn perfekt nachgespielt hatte. Zu Recht gewann er dafür einen Oscar.

Auch «Out of the Furnace» hat jetzt mit Scott Cooper einen Regisseur, der darauf spezialisiert ist, seine Darsteller zu fördern. Mit «Crazy Heart» (2009) verhalf er Jeff Bridges zum Oscar-Gewinn, nun treibt Cooper auch Christian Bale zu einer darstellerischen Höchstleistung an.

Verwandlung mal verinnerlicht

In «Out of the Furnace» spielt Bale einen Stahlarbeiter, der nach abgesessener Haftstrafe sein Leben wieder in den Griff bekommen will. Doch dann gerät sein Bruder mit gewalttätigen Hillbillys in den Clinch. Der Rachethriller ist hüftsteif und hat ein moralisch fragwürdiges Ende – sehenswert ist er aber trotzdem. Weil Bale hinter dem russverschmierten Gesicht und den dem verlorenen Blick einen gebrochenen Menschen samt all seiner Widersprüche spürbar macht. Eine Verwandlung, für einmal verinnerlicht. Er kann es also doch!

Out of the Furnace (USA 2013) 116 Min. Regie: Scott Cooper. Mit Christian Bale u.a. Ab heute im Kino.