Dokumentarfilm
Versorgungskrise: Der brutale Kampf um Nahrung und Würde

Vier Dokumentarfilme nähern sich der globalen Versorgungskrise und thematisieren den Umgang mit natürlichen Ressourcen auf ganz unterschiedliche Weise.

Sven Zaugg
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Etwas über drei Jahre sind vergangen, als es kurz vor dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise zur globalen Nahrungsmittelkrise kam. 2008 gingen in über 30 Länder Hungernde auf die Strasse und demonstrierten gegen die Lebensmittelknappheit und die steigenden Lebensmittelpreise. Die Welternährungsorganisation (FAO) bilanzierte, dass 115 Millionen Menschen auf einen Schlag extremer Armut zum Opfer fielen. Weltweit hungern heute über eine Milliarde Menschen. Seit dem Einbrechen des Aktien- und Immobilienmarktes wurde immer mehr Geld in Rohstoffe und Agrarstoffe investiert, da aber nur eine begrenzte Menge davon international gehandelt wird, sind die Auswirkungen dieses Geldzuflusses gravierend. Lebensmittelkrisen sind die Folge.

«Alle Probleme können gelöst werden, aber nur wenn alle mitmachen.» Was naiv klingt, kommt nicht etwa aus dem Mund eines hoffnungslosen Optimisten. Das Zitat stammt vom ehemaligen Staatssekretär für Wirtschaft David Syz.

Erhellende Tour d’Horizon

Christian Neu begleitet in seinem zweiten Dokumentarfilm «Hunger – Genug ist nicht genug» David Syz auf einer ökonomischen Spurensuche nach den Ursachen der globalen Nahrungsmittelkrise. Die Reise wird zur Expedition über drei Kontinente. Welchen Einfluss haben Subventionen in den reichen Agrarstaaten? Welche Rolle spielen Spekulanten an der Börse? Wie weit geht die Verantwortung der internationalen Gemeinschaft und die jedes einzelnen Landes, um den Hunger zu bekämpfen? Haben die Länder der Dritten Welt eine Chance zur Selbstversorgung? Und wie sieht der tagtägliche Kampf gegen Hunger von afrikanischen Bauern aus? Neu und Syz fassen ihre Erkenntnisse in einer erhellenden Tour d’Horizon zusammen.

Wo bei «Hunger – Genug ist nicht genug» noch minimaler Optimismus mitschwingt, macht sich bei den Kleinbauern in Paraguay Ernüchterung in ihrer vollen Gänze breit. Im Fokus des Dokumentarfilms «Raising Resistance» steht das grüne Gold Lateinamerikas: Soja. Die Deutsche Bettina Borgfeld und der Schweizer David Bernet dokumentieren den Widerstand der Landbevölkerung gegen die Soja-Barone aus Brasilien. Sein Land sei umgeben von einem Meer aus Soja, klagt der Kleinbauer Geronimo. Und dieses Stückchen Erde habe ihm bisher die Unabhängigkeit und das Überleben seiner Familie gesichert. Nicht nur die Vertreibung stellt die Kleinbauern vor eine fast ausweglose Situation; die von den Agro-Multis eingesetzten Herbizide verseuchen das Grundwasser und zerstören so den biologischen Ackerbau. Doch die Kleinbauern erheben sich, wenn nötig mit Gewalt.

Gewalt ist ihre Sache nicht. Die Dorfgemeinschaft Sannai im indischen Madhya Pradesh hat es nach jahrzehntelangem gewaltfreiem Kampf geschafft, sich das Recht auf Boden und Wasser zu erstreiten. Karl Saurer erzählt in «Ahimsa – Die Stärken von Gewaltfreiheit» die Geschichte der Adivasi, die intelligente Strategien zur Selbstversorgung entwerfen. Dort, wo die vom Staat zu Verfügung gestellte Infrastruktur versagt, hilft sich die Gemeinschaft selbst, bis ganze Dörfer autark funktionieren.

Nestlé, das grösste Industrieunternehmen der Schweiz und der weltweit grösste Lebensmittelkonzern, erwirtschaftete 2010 einen Umsatz von 110 Milliarden Franken. Regisseur Urs Schnell und Journalist Res Gehriger zeigen in «Bottled Life – Nestlés Geschäfte mit Wasser» auf, wie es möglich ist, gewöhnliches Wasser in Flaschen abzufüllen und damit Milliarden zu verdienen. Wie Nestlé im US-Bundesstaat Maine der Bevölkerung das Wasser abgräbt, belegen Gehrigers Recherchen genauso, wie die fatalen Auswirkungen des 1998 lancierten Produktes «Pure Life».

Wem gehört das Wasser?

Allen Filmen ist gemeinsam, dass sie nichts Neues erzählen, aber trotzdem eine wichtige Rolle als Wachhund der Gesellschaft einnehmen. Sie thematisieren das Grundrecht eines jeden Menschen, ein unabhängiges Leben führen zu können. Wem gehört das Wasser, wem das Land, wem die Nahrung, die darauf gedeiht? Fragen, die multinationale Grosskonzerne mit Gewinnmargen beantworten, der Kleinbauer Geronimo derweil zahlt die Zeche mit seinem Leben.

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