Literatur

US-Autor Kent Harufs neuer Roman «Kostbare Tage» führt einen Moralisten ans Ende seines Lebens

Der 2014 verstorbene Schriftsteller Kent Haruf.

Der 2014 verstorbene Schriftsteller Kent Haruf.

In Kent Harufs Romanen spiegelt sich das menschliche Drama in aller Vielfalt in der Kleinstadt Holt. In «Kostbare Tage» geht es um Abschied. Er selbst starb 2014.

Über diese eine Sache hatte Dad Lewis nie mit seiner Frau Mary gesprochen. Und das wollte bei der Innigkeit und Verbundenheit dieser Ehe etwas heissen. Dad hatte es durch einen Zufall bemerkt, dass sein Angestellter Clayton seit Jahren systematisch Hunderte von Dollar an der Eisenwarenhandlung vorbei für sich abzweigte. Dad erhob die Stimme nicht, als er ihn zur Rede stellte. Aber er liess ihn ein Schuldeingeständnis unter­schreiben, und verwies Clayton der Stadt. Auch Claytons Verzweiflung brachte ihn nicht ins Wanken. «Bei so was wird mir übel», hatte er vorher zu ihm gesagt, «es lässt mich an der ganzen verdammten Menschheit zweifeln. Und ich will so nicht denken müssen.»

Dad Lewis ist einer jener prägnanten Charaktere, von denen der amerikanische Schriftsteller Kent Haruf so meisterhaft zu erzählen weiss. Wie das vor zwei Jahren erschienene «Lied der Weite», wie sein berühmtester Roman «Unsere Seelen bei Nacht», wie auch die drei weiteren seiner Romane spielt «Kostbare Tage» in der fiktiven Kleinstadt Holt, Colorado. Da sind nun noch Nachbarin Berta, die ihre elfjährige Enkelin Alice grosszieht, weil Alices Mutter tot ist. Da sind Willa, zu der ihre erwachsene Tochter Alene zurückgekehrt ist, nachdem deren grosse Liebesgeschichte scheiterte. Und da ist ganz wesentlich Pfarrer Rob Lyle, der gerade aus Denver nach Holt versetzt wurde, weil er sich mit seinen mutigen Worten für Homosexuelle unbeliebt gemacht hatte.

Mit verdichtetem Erzählen enträtselt er seine Figuren

Vierzig Jahre ist die Geschichte mit Clayton nun her, und Dad ist am Ende seines Lebens angekommen. Gerade mit der finalen Diagnose konfrontiert, kehrt er – so fängt das Buch an – zusammen mit Mary nach Holt zurück und richtet sich auf die letzten Wochen, vielleicht Monate ein. Lorraine, ihre Tochter, kommt ins Elternhaus zurück – und Frank, der seit langem verschollene Sohn, bleibt verschollen. Frank hatte in Dad einen harten Vater erlebt. Nun erlebt Dad die Härte, auch im Sterben nicht zu wissen, wo sein Sohn ist.

Harte Väter, die aber auch viel mehr sind als nur das, sind ein grosses Thema dieses grossartigen Buches. Auch Rob Lyle, der in seiner mutigen und freundlichen Geradlinigkeit wie der Inbegriff eines «guten Hirten» wirkt, wird von seinem Teenagersohn verzweifelt abgelehnt – wie kann der Vater sich nur immer wieder so exponieren und damit auch ihn und seine Mutter der Einsamkeit aussetzen! Es ist das Geheimnis von Kent Harufs verknapptem und verdichtetem Erzählen, wie er Figuren in der nicht nur widersprüchlichen, sondern letztendlich rätselhaften Gesamtheit ihrer Persönlichkeit zu Leibe rückt – und sie deshalb so glaubwürdig zu evozieren vermag.

Die Sommerwochen von Dads langsamem Sterben fächern, ganz paradox, auch die Vitalität des Lebens auf. Die Vitalität des Waisenkinds Alice, dem mit Lorraine und Alene zwei Tanten zuwachsen und das auf die eigenen Füsse kommt. Die Vitalität auch eines mutigen Unangepassten wie des Pfarrers Lyle, der für Holt eine Nummer zu gross ist. Und die Vitalität von Dads bewusstem und liebevoll begleiteten Abschiednehmen von der Welt. Clayton, Dads Angestellter, hatte sich damals ein paar Jahre nach seinem Wegzug von Holt umgebracht. Wüst beschimpft von seiner Witwe, hatte Dad darauf bestanden, sie und ihre Kinder so lange zu finanzieren, bis sie wieder auf eigenen Füssen stand. Auch da konnte ihn nichts ins Wanken bringen.

Kent Haruf Kostbare Tage. Aus dem Amerikanischen von Pociao und Roberto de Hollanda, Diogenes, 345 S.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1