Interview

Udo Lindenberg: «Ich wollte ja, wenn es geht, Weltstar werden»

Rockikone Udo Lindenberg, hier im Jahr 2011: «Ich war ein Glückspilz, zur richtigen Zeit und in der richtigen Gegend.»

Rockikone Udo Lindenberg, hier im Jahr 2011: «Ich war ein Glückspilz, zur richtigen Zeit und in der richtigen Gegend.»

Regisseurin Hermine Huntgeburth hat Udo Lindenbergs jungen wilden Jahre mit Jan Bülow in der Hauptrolle verfilmt. Im Interview erzählt der heute 73-Jährige Lindenberg, wie es ist, von einem Schauspieler gespiegelt zu werden, der 50 Jahre jünger ist.

Herr Lindenberg, was haben Sie in Jan Bülow gesehen, als Sie ihn für die Rolle mitausgesucht haben?

Udo Lindenberg: Als ich Jan traf, war die Sache völlig klar. Meine Spürnase machte juckidijuck, und ich dachte sofort: Das ist ein cooler Vogel! Er ist sehr sensibel und ein bisschen schüchtern – das war ich damals auch. Er hat eine Neigung zum Durchdrehen und Abheben. Genau das, was mich ausmacht. So wie es früher bei mir auch schon war: Ein bisschen Strassenkatze, die um die Ecke guckt und auscheckt. Aber auch der Typ, der die grossen Dinger machen will. Das sah ich bei ihm sofort. Und da wusste ich blitzschnell: Der ist genau richtig dafür.

War es Ihre Idee, dass er die Songs zum Film selbst einsingt?

Wir haben ja beides: Die Dinger, wo ich singe, und die Dinger, wo er singt. Meine Produzenten-Freunde haben das mit ihm gemacht. Ich hab sie im Studio besucht und reingehorcht: Jan klingt wie ein junger Wein. Und ich klinge wie ein älterer Whiskey. So soll es auch sein.

Gab es eine Filmszene, bei der Ihnen die Umsetzung wichtig war?

Mein Vater war ein Schluckspecht, ich ja auch, das weiss ja jeder – noch viel mehr als mein Vater zu einer bestimmten Zeit. Der Oberexzessor. Mein Vater sagte immer: «Ich trinke mit Haltung, Fassung und Würde.» Und da muss er im Film dann nicht auf dem Kneipenboden liegen. Das ist seinem Sohn später mal passiert, mir, aber meinem Vater ist das nie passiert.

Der Film zeigt, dass das Verhältnis zu Ihrem Vater Gustav, gespielt von Charly Hübner, nicht immer einfach war. Haben Sie ihm vergeben?

Ja, er kam ja aus einer total anderen Welt. Wehrmacht und so. Und er war ja auch nicht glücklich in der Provinz. Er ist breit auf den Tisch gestiegen, die Kinder wurden geweckt, und dann hat er dirigiert. Er brauchte ja Publikum. Und ich merkte: Das ist eigentlich das Ding, was ihn so richtig anzündet. Das ist sein Feuer. Aber er wurde von seinem Vater gezwungen, diesen Klempner-Job zu machen. Ich hab dann beschlossen: Das, was in meinem Vater angelegt ist und er nicht ausleben kann, das werde ich stellvertretend machen.

Sie sind losgetrampt.

Schon als ich 15 war. Und er hat es dann auch begriffen. So nach dem Motto: Meine Kiddies können machen, was sie wollen. Das war stark! Erstaunlich eigentlich. Gerade auch vor dem Hintergrund seiner eigenen Erfahrung.

Wenn man den Film zu Grunde legt, waren Sie im Umgang mit Ihrer ersten Liebe schon nicht auf den Mund gefallen.

Es war in der Schule schon so, dass ich sprachlich sehr talentiert war. Ich konnte immer gut reden – besser und fantasievoller als alle anderen. Deswegen haben die älteren Jungs, wenn sie unterwegs waren, meinetwegen auf Exkursion in irgendeinem Puff, mich als Spokesman mitgenommen. Ich war dann der Regierungssprecher, der auch ein bisschen vornehmen Style draufhatte: «Entschuldigen Sie, dass ich mich erkühne, Sie zu ersuchen, mir zu gestatten usw.» Und bei meiner ersten Freundin Susanne, die drei Jahre älter war als ich, habe ich die Karte auch ausgespielt.

Wissen Sie, wo sie abgeblieben ist?

Ja, im Moment ruht zwar der Kontakt, aber wir arbeiten dran. Da gibt es noch einen eifersüchtigen Gatten. Nachträgliche Eifersucht über Jahrzehnte. Und ich sag immer: «Wir können doch ein Käffchen und ein Eierlikörchen auf easy.» Sie weiss, dass sie im Film vorkommt, sie hält sich gern im Hintergrund.

Überraschend sind die Szenen in der Libyschen Wüste, als Sie für US-Truppen trommelten. Sie wurden als «Nazi-Boy» beschimpft und ausgepfiffen. Wie kamen Sie mit der Demütigung klar?

Da muss man durch als junger Vogel. Das sind immer wieder wichtige Erfahrungen, die dich zurückwerfen auf deine Herkunft, auf deine Familie, was war da los, was für eine Geschichte spielte sich in dem Land ab mit den Kriegen usw. Daraus lässt sich dann auch eine besondere Verpflichtung für Menschen in Deutschland ableiten.

Warum wollten Sie trotzdem Deutsch singen?

Das kam bisschen später. Wir sind ja erst mal aufgewachsen mit Jazz und Rock’n’Roll, mit englischen Rockbands wie Queen, den Stones und den Beat­les. Ich wollte ja, wenn es geht, Weltstar werden. Deshalb hab ich gedacht: Mach’s lieber in der internationalen Sprache. Bis ich dann merkte: Englisch ist nicht meine Sprache, da kann ich viele Sachen nicht so rüberbringen wie auf Deutsch.

Dann sind Sie umgeschwenkt.

Ich war ein Glückspilz, zur richtigen Zeit und in der richtigen Gegend: Auf dem Kiez auf St.Pauli sprossen die Sprachblüten. Szenesprache, Wortkreationen, Wortjonglage, mit Slogans auf Graffitiwänden und dergleichen. Und ich dachte: Wenn man so was noch singt, wie geil muss das rüberkommen? Das kam dann ja auch wirklich gigantisch gut rüber. Ich hab dann auch gleich den ersten Rockstar gemacht, denn Deutschland hatte ja noch keinen richtigen Rockstar. Einer muss den Job ja machen.

Der Transvestit Butterfly, gespielt von Tim Fischer, gibt Ihnen den Rat: «Erfinde dich neu! Zeig deine Seele.» Hatte Sie die Hamburger Schwulen-Szene damals tatsächlich so stark inspiriert?

Schon. Ich hatte immer David Bowie im Ohr. Der hat sich zu der Zeit auch neu erfunden als Ziggy Stardust. Und auf dem Kiez war das eben auch so in der Queer- und Transenszene im Pulverfass am Hauptbahnhof. Solche Läden gab es auch auf dem Kiez. Da hing ich viel rum. Die sind auch oft mitgekommen mit uns auf Tournee. Sie haben mir die Schminke ins Gesicht gemalt, mir gezeigt, wie man das macht mit den grösseren Augen. Wie du noch ne Ecke schärfer aussiehst. Das haben die ja total drauf. Es gab damals ja gar keine richtige deutsche Rockglamourband. Ich hab mir dann gleich Gamaschen angelegt, den weissen Frack übergestülpt und richtig auf Showtime gemacht.

Sie waren auch so androgyn wie David Bowie.

Bowie und die ganze Abteilung waren ein grosser Einfluss. Wenn Bowie auf der Bühne seinen Gitarristen Mick Ronson küsste, hatte das Botschaft. Es ist ganz egal, ob du ein Junge oder ein Mädchen bist – das hatte ich auf meiner ersten Platte schon drauf, im Song «Ganz egal».

Ihrem Vater war das nicht egal: «Du siehst aus wie ein Mädchen», schimpfte er.

Mich hat das nicht gestört. Ihn aber schon, mit der Matte und so. Es war eine unheimliche Umstellung für Leute, die das überhaupt nicht kannten, dass plötzlich junge hübsche Männer mit langen Haaren um die Ecke kamen.

Stimmt es, dass Sie anfangs auch in Puffs getrommelt haben?

Das ist auch mal passiert. Ich war in Hamburg ja neu. Ich war Trommler, ich wollte Knete zum Überleben. Ich spielte in Jazzbands und Dance-Bands in der ersten Zeit. Auch in Stripläden. Da wurde dann hinten mal ’ne Runde gepoppt, aber das machte ja auch nichts.

Sind die Prügeleien mit Zuhältern tatsächlich vorgekommen?

Ja, so kleine Raufereien, es gab schon mal Differenzen. Ich bin nun mal Feminist. Wenn eine Frau scheisse behandelt wird, musste ich ihr zur Seite stehen. Ein Macho war ich ja nie. Meine Mutter Hermine hat mir da so eine feine Sensibilität mitgegeben.

Hätten Sie sich gewünscht, dass Ihr Vater noch mitbekommen hätte, dass aus den Lindenbergs doch was werden kann?

Die Erfolge als Schlagzeuger hat er noch miterlebt. Als ich mit Doldinger gespielt habe, Passport und die «Tatort»-Melodie eingetrommelt habe. Die Rockstar-Nummer hat er nur von oben durch die Wolken mitgekriegt. Aber meine Mama war dabei bis 1979. Man sieht im Film, wie ich sie mit dem Riesenflitzer abhole auf einen Eierlikör und Piccolöchen. Sehr, sehr schön. Das war mir auch so wichtig, dass es so gelaufen ist.

Ein Happy End.

Ich hatte schon als kleiner Junge Kinobilder im Kopf: Der westfälische-amerikanische Traum – vom Aschenbecherputzer zum Millionär. Man geht gnadenlos seinen Weg, aber immer charmant. Man hat keine Chance, aber nutzt sie trotzdem. Die Widrigkeiten sind dazu da, dass man sie überwindet. Konsequenz hat einen Namen, der fängt mit U wie Udo an – den Spruch hab ich damals schon im Kopf gehabt.

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