3-D-Film

«Tanzt, tanzt, sonst sind wir verloren»

Der Trailer zu «Pina»; ein Film von Wim Wenders

Der Trailer zu «Pina»; ein Film von Wim Wenders

Pina Bausch reiste mit ihren vielschichtigen Choreografien um die Welt und feierte grosse Erfolge. Sie lebte von 1940 bis 2009. Regisseur Wim Wenders würdigt sie in seinem neusten Film, der in 3-D gezeigt wird.

Die Dämmerung legt sich auf dieses Theater. Das Auge der Kamera verweilt auf ihm; so, als ob es dem Publikum einen zarten Wink geben wollte: Hier hat alles stattgefunden. «Alles» meint das Tanztheater von Pina Bausch, die in Wuppertal aufbaute und pflegte, was auch auf Welttourneen zu sehen war: Choreografien, die den Tanz mit Gesang, Artistik, Pantomime und Schauspiel zu einer neuen, bezwingenden Kunstgattung verbanden.

Der deutsche Filmregisseur Wim Wenders verehrte die Bausch, wollte mit ihr und über ihre Werke seit langem einen Film drehen. Aber wie? Die herkömmliche Technik erschien Wenders unzulänglich; das Vorhaben verzögerte sich deshalb immer wieder, bis Wenders 2007 auf den digital produzierten 3-D-Konzertfilm der irischen Rockband U2 stiess. Das war es! «Nur so, unter Einbeziehung der Dimension des Raumes, könnte ich mir zutrauen – und eben nicht nur anmassen –, Pinas Tanztheater in einer angemessenen Form auf die Leinwand zu bringen», sagte Wenders in einem Interview.

Die Pläne nahmen danach konkrete Gestalt an, doch dann starb Pina Bausch unerwartet im Juni 2009 im Alter von 68 Jahren. Schock. Und die bange Frage: Soll, ja darf das Vorhaben überhaupt noch realisiert werden? Ja. Das Bausch-Ensemble ermutigte Wenders – und nun liegt «Pina» vor; eine kinematografische Hommage an die Verstorbene, die den konventionellen «Tanzfilm» völlig vergessen lässt.

Keine Beweihräucherung

Blenden wir zum Anfang zurück: Das Kamera-Auge stösst nach dem Blick auf das Haus in dessen Inneres vor – und schon sind die Kinozuschauer Teil des Publikums, das auf die noch leere Bühne des Wuppertaler Theaters blickt. Am Horizont hängt ein grosses Porträt der Bausch. Die Kamera streift es aber nur kurz, denn Wenders will jede Beweihräucherung vermeiden. Wieder ein Schwenk – Bühnenarbeiter schütten Erde auf den Bühnenboden und verteilen diese.

Schnitt. Was ist das denn? Wir sehen, wie sich eine Frau auf dem Boden räkelt, da katapultiert uns Wenders auch schon mitten in ein Geschehen, das der peitschende Rhythmus von Igor Strawinskys «Le sacre du printemps» bestimmt. Von diesem Moment an ist im Kino nichts mehr so wie früher.

Das mit 3-D-Brille ausgerüstete Publikum sieht nämlich nicht nur aus der Zuschauerperspektive den Gruppen-Ballungen und explosiven Soli zu, sondern ist – wie die Kamera – auf der Bühne platziert. Die fliessenden Perspektivenwechsel stürzen die Zuschauer in ein Wechselbad der Gefühle – sie befinden sich einerseits in der Rolle des Opfers mit dem roten Tuch, das sich dem Täter angstvoll nähert; sie schlüpfen anderseits auch in die Rolle des Täters, der seinen Arm drohend ausstreckt – «Nein», will man schreien und diesen Arm wegdrücken.

Dergestalt grossartig und physisch beklemmend ist die von Wenders eingesetzte, ungeahnte Möglichkeiten offenbarende 3-D-Technik. Sie ist ohne Zweifel spektakulär, doch sie ist – dank Wenders – weit mehr: Ein wunderbares Mittel, um die Bausch-Choreografien sowohl in ihren räumlichen Tiefenstaffelungen wie psychologischen Verästelungen ebenso suggestiv wie feinfühlig einzufangen. Dieser Film spricht nicht nur vom Wunder Bausch, er macht es sichtbar.

Mit Tanz über Pina Bausch sprechen

Wenders ergänzt die langen Werk-Ausschnitte – neben «Sacre» noch «Café Müller», «Vollmond» und «Kontakthof» – mit dokumentarischen Aufnahmen der Choreografin sowie mit Strassen-Szenen aus Wuppertal. Denn hier, in der so genannten Provinz, hat Pina Bausch ihre Inspiration gefunden; hier, in der Schwebebahn, in der Fabrikhalle, im Park, am Fluss oder in einer Kraterlandschaft am Rande der Stadt, «sprechen» Tänzerinnen und Tänzer über die Verstorbene – mit wenigen Worten, dafür mit umso mehr Tanz. Jeder «Einfall» verweist auf die Tanztheater-Stücke der Bausch – und so erfährt die Choreografin eine Verlebendigung, deren schönster Ausdruck am Ende der eingeblendete, geflüsterte Bausch-Satz ist: «Tanzt, tanzt, sonst sind wir verloren». Existenzielle Notwendigkeit war das Tanzen für die Bausch und ihre Compagnie – und das vermittelt Wim Wenders’ Film «Pina» auf eine magistrale, bewegende Art und Weise.

Pina (F/D/GB 2011) 106Min. Regie: Wim Wenders. HHHHH

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