TV-Serie
Mit einer lesbischen Mutter auf einem Armeestützpunkt: Dieses Teenager-Drama zeigt alle Facetten der Gesellschaft

Grosse Vielfalt, interessante Bühne: «We Are Who We Are», eine Serie übers Erwachsenwerden, sollte man sich nicht entgehen lassen.

Daniel Fuchs
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Gefühle im Armyumfeld: Fraser und Caitlin.

Gefühle im Armyumfeld: Fraser und Caitlin.

Bild: HBO

Der witzigste Moment dieser neuen Serie übers Erwachsenwerden gehört ironischerweise den Erwachsenen selbst: Anlässlich eines traditionellen Fests in Chioggia, südlich von Venedig, duellieren sich Einheimische und US-Soldaten einer amerikanischen Armeebasis im Seilziehen. Die Italiener gewinnen. Später sitzen die Kontrahenten auf Festbänken nebeneinander und essen Pizza.

Euphorisiert von ihrem Triumph machen sich die Einheimischen lustig über die USA und johlen: «Italy first, America second.» Zu viel für einige US-Soldaten, die sich erniedrigt fühlen. Der hohe Testosteronspiegel entlädt sich in einer wüsten Keilerei.

Familienalltag vom Alltag der Soldaten geprägt

Es ist Sommer 2016, der Wahlkampf zwischen Donald Trump und Hillary Clinton auf seinem Höhepunkt. Der Soldat Rich Poythress und seine Familie leben seit Jahren auf dem Stützpunkt. Für sich und seine Tochter Caitlin (Jordan Kristine Seamón) hat der Trump-Anhänger Rich rote Make-America-Great-Again-Basecaps bestellt. Schnell wird klar, dass in dieser nach aussen konservativen Familie nicht ausgefochtene Konflikte schlummern. Caitlins Bruder Danny beruft sich auf die nigerianischen Wurzeln seiner Mutter und rezitiert Koranverse.

Im durchorganisierten Alltag auf dem Stützpunkt sind auch die innerfamiliären Konflikte normiert. Doch die Dinge werden gehörig durcheinandergewirbelt, als Fraser (gespielt von Jack Dylan Grazer) in Caitlins Welt platzt. Fraser ist der Sohn der neu als Kommandantin der Armeebasis berufenen Sarah Wilson. Wie ein Gummiball springt der blondierte 14-jährige Teenager, der seine Fingernägel lackiert, übers Gelände.

Mit seiner queeren Art ecken er und die mit einer Frau verheiratete Mutter in dem von gestählten Körpern geprägten Armymilieu an. Als Fraser sich mit Caitlin anfreundet und Teil ihrer Clique wird, beginnt eine kleine Rebellion der Jungen, die alsbald auch die Erwachsenen in einen Strudel zieht.

«Sind alle Teenager so?», fragt man sich als Elternteil

«We Are Who We Are» thematisiert das schnelle Erwachsenwerden. Mit all seinen Facetten, Dramen, Abstürzen und Stolperfallen. Das Setting im schwülheissen Sommer irgendwo im von Moskitos geplagten Po-Delta – der darin konstruierten Stützpunktwelt, in der die Kinder der Soldaten amerikanische Burger essen, mit ihren Eltern Baseball schauen und in ihre eigene Schule gehen – ist die perfekte Inszenierung für diese Serie. Woche für Woche gibt es auf dem Streamingdienst Sky Show eine Episode dieser Produktion von HBO.

Das Durcheinander, das die Jugendlichen hinterlassen auf ihren Paintball-Ausflügen oder nach einer wilden Hochzeitsparty in einer Privatvilla, in die sie einbrechen, steht symbolisch für das Durcheinander in der Gefühlswelt, das auch bei den Erwachsenen entsteht. Nur vordergründig geht es um die Identitätssuche zweier Jugendlicher, während sich ihre Körper verändern. Die Serie versucht auch nicht etwa, Verständnis für die Komplexität des Innenlebens und der Gefühlswelten von Jugendlichen zu schaffen. Im Gegenteil: Auf den ersten Blick wird sie wie eine Warnung an Eltern, deren Kinder noch nicht im Teenageralter sind. «Wird mein Kind auch so?», müssen sie sich unweigerlich fragen.

Vielmehr geht es um die grossen Dramen im familiären Kreis, eingebettet in einer Art gesellschaftlichem Labor weitab von zu Hause, dem Armeestützpunkt. Und das in einer riesigen Vielfalt, sowohl was die ethnischen Gruppen als auch die sexuellen Orientierungen ihrer Mitglieder betrifft.

«We Are Who We Are» (I/USA 2020, 8 Folgen); Regie: Luca Guadagnino. Auf Sky Show.

Hier geht's zum Trailer:

Trailer zu «We Are Who We Are».

Quelle: HBO / Youtube