Montagsinterview
Schiffskapitän Richard Phillips: «Sind die Piraten einmal an Bord, kann sie nichts mehr stoppen»

«Captain Phillips» heisst der Film mit Tom Hanks. Wir trafen das Original: 2009 wurde Richard Phillips Schiff von somalischen Piraten gekapert. Der Kapitän lieferte sich zum Wohle seiner Crew an die gefährlichen Seeräuber aus.

Daniel Fuchs
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Kehrte den Weltmeeren vor zwei Jahren den Rücken: Held Captain Richard Phillips in Interlaken.Chris Iseli

Kehrte den Weltmeeren vor zwei Jahren den Rücken: Held Captain Richard Phillips in Interlaken.Chris Iseli

Chris Iseli

Es ist Frühsommer, als der 61-jährige Amerikaner mit seiner Frau für einen Vortrag ans Swiss Economic Forum nach Interlaken reist. Das Ehepaar Phillips besucht zum ersten Mal die Schweiz. Und das, obwohl die Tochter in Freiburg studiert.

Seit 2014 fährt Phillips nicht mehr zur See. Ein komplett neuer Lebensabschnitt begann für den Mann, der zeitlebens auf den Weltmeeren unterwegs war. Wie damals, 2009, als er, seine Crew und das von ihm befehligte Frachtschiff «Maersk Alabama» vor der Küste Somalias von einer Handvoll Piraten überfallen wurden.

Captain, wo führte Sie Ihre letzte Seefahrt hin?

Richard Phillips: Rund um die Welt. Das war ein Autotransporter, ich erinnere mich noch gut. Ausgerechnet auf meinem letzten Auftrag hatten wir in derselben Region vor Somalia eine Panne, in der ich fünf Jahre zuvor von den Piraten gekidnappt worden war.

Was passierte?

Wir steckten für fünf Tage fest. Aber wir bekamen zum Glück keine Piraten zu Gesicht und die Maschine konnte geflickt werden. Wir fuhren schliesslich nach Europa weiter. In Belgien ging ich zum letzten Mal an Land. Eigentlich war das einer der heikelsten und angsteinflössendsten Momente meiner ganzen Laufbahn als Captain.

2014 hatte die internationale Gemeinschaft längst reagiert und die Piraterie am Horn von Afrika bekämpft. Das war 2009 komplett anders.

2009 nahm das Geschäft der Piraten erst so richtig an Fahrt auf. Sie wurden immer mutiger, trauten sich weiter und weiter von der Küste weg und kidnappten mehr und mehr Schiffe. Für Piraten war das eine gute Zeit.

Dann waren Sie und Ihre Crew vorgewarnt?

Ich hatte zu meiner Crew gesagt: «Piraterie ist keine Frage ob, sondern wann.» Wir bereiteten uns auf das Schlimmste vor.

Kehrte den Weltmeeren vor zwei Jahren den Rücken: Held Captain Richard Phillips in Interlaken.Chris Iseli

Kehrte den Weltmeeren vor zwei Jahren den Rücken: Held Captain Richard Phillips in Interlaken.Chris Iseli

Chris Iseli

Das heisst?

Wir definierten Codewörter und richteten einen Saferoom ein. Als wir dann das Schnellboot auf uns zukommen sahen, schlugen wir einen Zickzack-Kurs ein. Weil sie uns folgten, warnten wir die Behörden. Unglaublich, was die uns fragten: «Sind Sie sicher, dass es Piraten sind?» «Nicht, wenn sie auf Fische schiessen», antwortete ich.

Es gibt ja auch bauliche Vorkehrungen an Bord. Welche waren das?

Die hatten wir, zum Beispiel die sogenannten Pirate Cages. Das sind vergitterte Türen mit Schlössern und Ketten.

Können sie Piraten stoppen?

Darum geht es gar nicht, es geht nur darum, Zeit zu gewinnen, sie langsamer zu machen. Wenn Piraten erst einmal an Bord sind, dann wird sie nichts mehr stoppen, das ist klar.

Sie hatten auch Waffen an Bord.

Ja, die gibt es auf den meisten Schiffen. Nur die Europäer tun sich damit etwas schwer. Es ist Sache des Captains, wer Zugang hat. Sowieso herrscht auf einem Schiff immer sehr viel Autonomie. Da ist nichts fix. Denn es gibt keine Unterstützung mehr, sobald man den Hafen verlassen hat. Auf dem Schiff war ich der Lord. Das ist nicht nur angenehm, sondern mit sehr viel Verantwortung verbunden, was belastend ist. Du bist auf dich alleine gestellt. Das Prinzip heisst: Hope for the best, prepare for the worst (Hoffen kann man immer, aber man muss für den Ernstfall gewappnet sein, Anm. der Redaktion).

Was taten Sie, als die Piraten an Bord waren?

Als Erstes hatten wir die Maschinen und die Stromversorgung abgestellt. Es stellte die Piraten vor das Problem, sich an Bord zurechtzufinden. Die Crew begab sich in den Saferoom, nur ich blieb auf der Brücke zurück. Als die Piraten es schliesslich auf die Brücke geschafft hatten, zwangen sie mich, «all Crew abord» durchzusagen. Doch wir hatten ein Codewort ausgemacht und so wusste die Crew, dass sie den Saferoom nicht verlassen sollte. Die Piraten verlangten danach immer wieder, ich solle die Maschinen neu starten.

Und?

Ich konnte das gar nicht und ich wiederholte das immer wieder, bis sie verstanden, dass es ihr Problem war und gar nicht meins.

Die Crew harrte im Saferoom aus?

Irgendwann fanden die Piraten auch einen Weg in den Saferoom. Doch auch der Saferoom dient dem Zweck, Zeit zu gewinnen. Man verhindert so, dass Piraten rasch die Kontrolle über ein Schiff erlangen.

Welchen Eindruck haben die Piraten auf Sie gemacht?

Die waren intelligent. Klar, das waren sehr verzweifelte Männer, anders lässt es sich gar nicht erklären, dass man sich zu solch gefährlichen Aktionen hinreissen lässt. Man denkt immer, die seien nicht schlau, seien arme Bauerntrottel. Doch das stimmte überhaupt nicht. Die waren sehr fähig und äusserst entschlossen. Ich fragte mich auch: Wer ist hier der Trottel? Die waren mehrsprachig. Ich sprach nur Englisch.

Und der Leader?

Er war sehr smart. Nachdem ich mich schliesslich als Geisel auf das kleine Rettungsboot für die Freiheit meiner Crew anerboten hatte, musste der Leader ja aufgeben, weil er verletzt worden war. Das war ein Schlüsselmoment.

Warum?

Solange er verantwortlich war, war das irgendwie kalkulierbar. Nachdem er weg war, war das nicht mehr der Fall. Die anderen agierten planlos.

Das heisst, Sie fühlten so etwas wie Sicherheit in Anwesenheit des Piratenkapitäns?

Nein, so weit möchte ich nicht gehen. Er hatte seinen Punkt sehr genau kommuniziert auf dem Rettungsboot. Er sagte: «Ein Schuss trifft dieses Boot und du bist tot.»

Sie wagten dann auch einen Fluchtversuch. Wie kam es dazu?

In der Nacht musste sich einer der Piraten erleichtern. Er brauchte dazu beide Hände und stellte seine Kalaschnikow in eine Ecke. Ich nutzte die Chance und stürzte mich in den Indischen Ozean. Doch leider war Vollmond. Es war taghell und die Piraten sahen mich. So tauchte ich immer wieder unter dem Rettungsboot durch. Sie schossen auf mich und bekamen mich schliesslich wieder zu fassen.

Sie müssen verzweifelt gewesen sein. Was war das Schlimmste an der Tortur?

Man muss sich das so vorstellen: Im engen Rettungsboot war es stickig und heiss. Der beängstigendste Moment war, als dieses Summen der Drohnen über dem Rettungsboot zu hören war. Die Piraten waren panisch. Sie legten mir eine Augenbinde um und hielten mir die Kalaschnikow an den Kopf. Sie waren sicher, gleich angegriffen zu werden. Ich zog die Augenbinde immer wieder herunter, wollte ihnen in die Augen sehen, wenn sie mich erschossen. Sie schlugen mich und ich fragte sie wieder und wieder: «Wollt ihr mich erschiessen?» Dieser Moment war so beängstigend, weil ich sah, dass sie genauso verängstigt waren wie ich und ich darum das Schlimmste befürchten musste. Die wollten nicht aufgeben, die waren wild entschlossen, ich sah es in ihren Augen.

Noch beängstigender als der Moment, als Scharfschützen der US-Marine die drei verbliebenen Piraten mit gezielten Schüssen töteten?

Ja.

Denken Sie noch oft an die Vorfälle von damals?

Ich hatte nie Albträume oder wachte schweissgebadet auf. Heute fühle ich so: Ich hatte Glück, dass ich überlebt habe und das meine Crew überlebt hat.

Haben Sie eigentlich jemals wieder mit derselben Crew
zusammengearbeitet?

Mit einzelnen Mitglieder schon, aber Seefahrer haben immer ganz unterschiedliche und eigene Einsatzpläne.

Ist es denn gar nicht wichtig, seine Crew zu kennen?

Es ist vor allem wichtig, dass man weiss, welche Fähigkeiten die Crew und ihre einzelnen Mitglieder haben. Man muss nicht die Person oder ihre Persönlichkeit kennen. Auf hoher See geht es nicht darum, wie man aussieht oder woher man kommt, sondern, was man tut und tun kann.

War 2009 das einzige Mal, dass Sie in Fänge von Piraten gerieten?

Ja, aber man kann nie sagen, ob man bei anderen Vorfällen einfach nur Glück hatte oder nicht. Es gibt Begegnungen, bei denen man im Nachhinein nicht weiss, ob Piraten im Spiel waren oder nicht. Vor dem Horn von Afrika gab in dieser Zeit jedes Boot, das am Horizont auftauchte, Anlass zur Sorge.

Wo auf den Weltmeeren ist es derzeit am gefährlichsten?

Es gibt an verschiedenen Orten Piraterie. Besonders heikel ist es in den Gewässern vor Nigeria und im Golf von Gambia vor Westafrika. Ein weiterer Brennpunkt ist die Strasse von Malakka zwischen Indonesien und Malaysia.

Die Gewässer vor Somalia hat man militärisch gesichert. Doch hat man das Problem an der Wurzel gepackt?

Nein, leider nicht. Denn die Gründe, die in Somalia zur Piraterie führten, sind dieselben, die Somalier zu Flüchtlingen machen: ihre Perspektivlosigkeit.

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