Argo

Mit Hilfe der Swissair zurück in die Freiheit

Teheran, 1980: Die Amerikaner warten mit CIA-Agent Tony Mendez (Ben Affleck) auf die Swissair.Warner Bros

Teheran, 1980: Die Amerikaner warten mit CIA-Agent Tony Mendez (Ben Affleck) auf die Swissair.Warner Bros

1980 gelang der CIA eine waghalsige Operation – mit der Swissair wurden US-Diplomaten aus Teheran ausgeflogen. Der Kinofilm «Argo» basiert auf dieser wahren, aber wenig bekannten Geschichte.

Die Spannung am Ende des Politthrillers «Argo» von und mit Ben Affleck ist kaum auszuhalten. Der Kinofilm basiert auf der wahren, aber wenig bekannten Geschichte, wie der Geheimdienst CIA während der Teheraner Geiselkrise am 28. Januar 1980 sechs Mitarbeiter der US-Botschaft in einer unglaublichen Geheimoperation aus dem Iran schaffte.

Das Drama der Geiselkrise begann am 4. November 1979. 400 revolutionäre Studenten verschafften sich Zugang zum Gelände der US-Botschaft in Teheran und überwältigten die rund 60 Mitarbeiter. US-Botschafter Bruce Laingen und zwei seiner Mitarbeiter waren zu diesem Zeitpunkt im iranischen Aussenministerium und sassen dort fest. Die Revolutionäre forderten die Auslieferung von Schah Pahlavi, dessen pro-amerikanisches Regime die Islamisten um Ayatollah Khomeini im Februar 1979 gestürzt hatten. Die Geiselkrise zog sich lange hin. Eine Lösung des Dramas, das US-Präsident Jimmy Carter im November 1980 die Wiederwahl kosten sollte, zeichnete sich erst ab, als im Juli 1980 der Schah im Exil starb und im September 1980 Saddam Husseins Irak einen Krieg gegen Iran begann. Am 21. Januar 1981, am Tag der Amtseinführung von Präsident Ronald Reagan, kamen die verbliebenen 52 Geiseln schliesslich frei.

Irans Angst vor der Swissair

13 Geiseln – Afroamerikaner und Frauen – waren bereits im November 1979 freigelassen worden. Die Schweiz hatte damals angeboten, die «Lucky Thirteen» mit einem Swissair-Flug nach Zürich zu fliegen. Doch die Iraner lehnten das Angebot ab – sie befürchteten, die USA würden in der Swissair ein militärisches Befreiungskommando nach Teheran schaffen.

Völlig abwegig waren die Ängste der iranischen Revolutionäre nicht, wie die jetzt verfilmte CIA-Aktion zeigt. Denn am Ende spielte die Swissair tatsächlich eine entscheidende Rolle. Doch zurück zum Anfang der fesselnden Story: Am 4. November 1979 befanden sich sechs Amerikaner im US-Konsulat, einem separaten Gebäude auf dem Botschaftsgelände. Sie flohen durch eine Hintertür auf die Strassen Teherans und entgingen so der 14-monatigen Geiselhaft. Unterschlupf fanden sie in der kanadischen Botschaft – und in den USA begann eine aufwendige Befreiungsaktion. Der zuständige CIA-Agent Anthony J. Mendez (im Kinofilm gespielt von Ben Affleck) hat die Details erst 1999 in einer CIA-internen Publikation verraten. Sein Artikel «Ein klassischer Fall von Täuschung» dokumentiert die wahre Geschichte hinter dem Hollywoodfilm.

Neue Identitäten und falsche Pässe

Mendez und seine CIA-Mitarbeiter erarbeiteten mehrere Optionen, wie die sechs Amerikaner aus dem feindlichen Teheran zurück in die USA geschafft werden könnten. Ein Plan sah vor, die Flüchtigen auf Schmugglerrouten aus dem Iran zu schaffen. Mendez plädierte aber dafür, die sechs Amerikaner in aller Öffentlichkeit mit einem Linienflug ausser Landes zu schaffen. Dazu wollte er den US-Diplomaten neue Identitäten verschaffen und sie mit gefälschten Pässen ausstatten. Mendez baute die Täuschung einer kanadischen Filmproduktion auf – ein Vorabteam sollte in Teheran geeignete Drehorte inspizieren.

Die kanadische Regierung, die bereits mit dem Verstecken der flüchtigen Amerikaner in ihrer Botschaft viel riskierte, erklärte sich bereit, bei dem CIA-Plan mitzuspielen und sechs kanadische Pässe herzustellen. Die gefälschten Pässe schaffte Ottawa per Diplomatenpost nach Teheran. Erst dort fiel es einem kanadischen Botschaftsangehörigen auf, dass bei den Ausstellungsdaten bei der Umrechnung in den Farsi-Kalender ein Fehler passiert war: Bei einigen der fabrizierten Pässe waren Daten aus der Zukunft eingetragen.

Der Film «Argo» als Tarnung

Anfang Januar 1980 reiste Tony Mendez mit 10000 US-Dollar Bargeld nach Kalifornien und stampfte innert vier Tagen die Filmproduktionsfirma «Studio Six Productions» aus dem Boden. Dazu mietete er Büros, die zuvor Michael Douglas für seinen Film «The China Syndrome» benutzt hatte. Der fiktive Film erhielt ein Drehbuch und einen Titel: «Argo». Nach dem Erfolg von «Star Wars» entschied die CIA sich für einen Science-Fiction-Film, der im Mittleren Osten spielen und den Islam glorifizieren sollte. Der Titel «Argo» bezog sich auf die Sage der Argonauten. Argo hiess das Schiff, mit dem Jason und seine Gefährten segelten, um das Goldene Vlies aus den Fängen eines Drachens zu befreien.

(Quelle: MoviepilotTrailer/youtube.com)

Kino-Trailer zum Politthriller «Argo»

Spielberg fällt auf Tarnung rein

Die CIA erstellte ein Filmplakat und liess Inserate in «Variety» und «The Hollywood Reporter» schalten. Die Tarnung funktionierte: In der Folge erhielt Studio Six 26 Drehbücher, darunter eines von Steven Spielberg.

Der CIA-Agent «Julio» (der im Kinofilm nicht vorkommt) beantragte mit einem gefälschten europäischen Pass auf dem iranischen Konsulat in Genf ein Visum für Iran. Mendez und Julio flogen von Zürich nach Teheran und trafen dort am Freitag, 25. Januar 1980, um 5 Uhr ein. Später am Morgen bestätigten sie im Swissair-Büro in der Innenstadt die acht Sitze für den Rückflug am Montag.

Die Swissair war zu diesem Zeitpunkt eine der wenigen Fluggesellschaften, die Teheran noch regelmässig anflogen. Weil der Aufenthalt der «kanadischen sechs» im Flughafen der heikelste Moment der ganzen Mission war, vertraute die CIA dem guten Ruf der Airline: «Wir wählten Swissair wegen ihres effizienten und verlässlichen Service», schrieb Mendez 1999. Das Swissair-Büro befand sich in unmittelbarer Nähe der US-Botschaft, wo die
52 Amerikaner gefangen gehalten wurden. Mendez fühlte sich elend. «Wir wussten, dass wir nichts tun konnten, um ihnen zu helfen. Wir mussten uns ganz auf unsere Mission konzentrieren», schrieb er später.

Auch die kanadische Botschaft sollte sich laut einem Stadtplan der CIA in der Nähe befinden. Doch das auf der Karte markierte Gebäude war nicht die kanadische, sondern die schwedische Botschaft! Ein junger Iraner schrieb etwas auf Farsi auf einen Zettel; damit ausgerüstet fuhren die CIA-Agenten per Taxi zur kanadischen Botschaft.

Am Wochenende wurden Einreiseformulare gefälscht und die «kanadischen sechs» über das Filmprojekt «Argo» und ihre Tarnidentitäten informiert. Ein Fahrzeug der kanadischen Botschaft fuhr die sechs Amerikaner am Montagmorgen zum Flughafen. Als sie dort um 5 Uhr morgens eintrafen, schliefen die meisten Revolutionsgarden noch. Auch aus diesem Grund hatte die CIA den 7.30-Uhr-Flug nach Zürich gewählt. Die Gruppe gab ihre Koffer auf und kam ohne Probleme durch den Zoll und den Sicherheitscheck.

Bloody Marys an Bord der «Aargau»

In diesem Moment ertönte eine Lautsprecherdurchsage: «Swissair-Flug SR 363 nach Zürich verzögert sich wegen mechanischer Probleme.» Mendez und seine Gruppe mussten eine Stunde warten, bevor sie zum Swissair-Jet gefahren wurden. Auf der Einsteigerampe kniff ein US-Diplomat den CIA-Agenten Mendez in den Arm und sagte: «Du hast aber wirklich an alles gedacht, oder?» Und zeigte auf den Namen des Flugzeugs – «Aargau». Die Maschine hob ab und die Amerikaner bestellten eine Runde «Bloody Marys».

Am 12. März 1980 wurde Mendez im Weissen Haus empfangen. Der CIA-Agent erzählte Präsident Jimmy Carter die «Aargau/Argo»-Anekdote, sodass der Swissair und dem Schweizer Kanton grosse Ehre widerfuhr. Einen Monat später übernahm die Schweiz die diplomatische Interessensvertretung der USA im Iran.

Antonio J. Mendez, «A Classic Case of Deception: CIA Goes Hollywood», Studies in Intelligence (Winter 1999/2000).

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1