«M’entends-tu?»
Keine Lust mehr auf Weihnachtsfilme? Diese Netflix-Serie ist ein echter Geheimtipp – aber nicht mehr lange!

Junge Frauen im Schatten der Gesellschaft: In einer erfrischend anderen Serie über Frauenfreundschaft verschaffen sie sich Gehör.

Regina Grüter
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Beste Freundinnen: Carolanne, Ada und Fabiola.

Beste Freundinnen: Carolanne, Ada und Fabiola.

Bild: Netflix

Sie heissen Ada, Fabiola und Carolanne: Die drei Kanadierinnen erobern gerade den gesamten Bekanntenkreis. Obwohl bereits die zweite Staffel auf Netflix läuft, gilt «M’entends-tu?» immer noch als Geheimtipp. Nicht mehr lange. Und das ist keine gewagte Prophezeiung.

Ad, Fabi und Caro sind Freundinnen seit Kindertagen. Sie sprechen dieses Kanadisch-Französisch, das man sonst fast nur in Filmen von Xavier Dolan zu hören bekommt; wie das mittlerweile 31-jährige Regie-Genie kommen sie aus Montreal.

«M’entends-tu?» ist eindeutig den alternativen Netflix-Inhalten zuzuordnen. Und die Serie ist heftig. Ada ist zu einer Anti-Aggressionstherapie verdonnert worden; Caro erlebt Flashbacks einer Vergewaltigung; Fabiola kümmert sich liebevoll um ihre kleine Nichte, weil ihre drogenabhängige Schwester dazu nicht in der Lage ist. Kurz, sie leben in Verhältnissen, die man als prekär bezeichnen muss. Das mag jetzt alles unerhört schwer tönen. Will man sich das ansehen? So schon. Das heisst als Tragikomödie, die den Namen verdient.

Die Schauspielerinnen gehen auf in ihren Rollen

Kaum zu glauben, wie «M’entends-tu?» die Balance hält. Allen Widrigkeiten zum Trotz behalten die drei ihren – erfrischend anderen – Humor, sie lachen und singen (!) zusammen. Ihr Leben spielt sich abseits der angesagten Viertel ab: Die Kamera folgt ihnen durch die immer gleichen Strassenzüge auf dem Weg zur immer gleichen Bar. Musik, Kamera und Schauplätze werden zu einer Einheit. Und da ist immer dieser Hoffnungsschimmer.

Wie in einem Buddy-Movie sind die Figuren sehr unterschiedlich, was für die nötige Dynamik im Trio sorgt: Ada (gespielt von Florence Longpré, die an 18 Episoden mitgeschrieben hat) ist lebensfroh und unerschütterlich; Fabiola sanftmütig und positiv; Caro introvertiert und depressiv. Aber, wie im echten Leben, verkehren sich manchmal die Rollen. Die Protagonistinnen bekommen charakterliche Tiefe und einen glaubwürdigen Hintergrund.

Beide Staffeln enden mit einem Hammerschlag, der einen tief ins Sofa reindrückt. Doch, so viel weiss man inzwischen, mit echten Freundinnen hat man eine Chance. Nach einer Serie, die so witzig, so direkt, so frech und so brutal wahr ist, muss man lange suchen. Eine nichtweihnachtliche Alternative zum Netflix-Weihnachtsweichspülprogramm.

«M’entends-tu?» (CAN 2019/­2020): 2 Staffeln à 10 Episoden (zirka 30 Minuten), bei Netflix.