Beim Drehbesuch des Films «Australia» vor ein paar Jahren kam Nicole Kidman mit einem in eine Decke gewickelten Baby-Känguru in den Armen und zitterte am ganzen Körper. Immer wieder offenbart sich der Hollywood-Star in einer Weise, wie man es selten bei Schauspielerinnen sieht. Auch im neuen Krimi «Destroyer» setzt sie sich Emotionen aus, die die meisten Leute nie freiwillig zulassen würden.

In Ihrem neuen Film «Destroyer» sind Sie kaum wiederzuerkennen ...

Nicole Kidman: Ich habe mich im Spiegel selber fast nicht erkannt. Aber ich habe nicht viel in den Spiegel geschaut. Das hätte Erin auch nicht gemacht.

Nicole Kidman im Film «Destroyer».

Nicole Kidman im Film «Destroyer».

Sie spielen die Polizei-Detektivin Erin, der nach einem Under-Cover-Job mit fatalen Folgen das Leben aus dem Ruder läuft. Was hat Sie gereizt, in ihre Haut zu schlüpfen?

Die Rolle war etwas Neues für mich, das hat immer seinen Reiz. Interessanterweise hatte ich vier Wochen zuvor «Boy Erased» fertig gedreht, und obwohl die Figuren sehr verschieden sind, spielte ich in beiden Filmen Mütter, die gegenüber ihren Kindern Fehler gemacht haben, die sie korrigieren wollten. Das gleiche und in meinen Augen wichtige Thema aus unterschiedlichen Winkeln anzuschauen, ist für mich als Schauspielerin sehr spannend. Zudem wollte ich die Regisseurin Karyn Kusama unterstützen.

Wie haben Sie die Figur erarbeitet?

Es gab viele Einstellungen nur auf meinem Gesicht, und so wusste ich, dass alles von innen kommen muss. Karyn zeigte mir Videos von Kojoten als Orientierung. Das tönt vielleicht verrückt, aber mir hat das sehr geholfen. Wie ich im Film in die Welt schaue und mich bewege, ist in Referenz zu diesem Tier. Marlon Brando liess sich für Don Corleone in «The Godfather» von einer Bulldogge inspirieren. Ich liess mich von Kojoten inspirieren.

Sie sinken emotional sehr tief in Ihre Rollen. Nehmen Sie diese Emotionen auch mit nach Hause?

Schon. Zum Glück ist Keith (Country-Sänger Keith Urban, Anm. d. Red.) ein Mann, der den Künstlerprozess versteht und mir Raum gibt. Für diesen Freiraum bin ich sehr dankbar. Er war trotzdem froh, als «Destroyer» endlich abgedreht war. Meine Kinder waren auch etwas schockiert, besonders, wie ich aussah. Aber sie sind inzwischen zehn und acht Jahre alt und wissen, dass sie eine Schauspielerin als Mutter haben und dass ich auf der Gefühlsskala Dinge ausprobiere. Und wenn sie Fragen haben, beantworte ich die auch.

Was hat Ihre Töchter Sunday und Faith bisher am meisten beeindruckt?

Für sie ist der Höhepunkt meiner Karriere, dass ich in «Aquaman» einen Goldfisch verschlungen habe. Natürlich war es kein richtiger Goldfisch, er war aus Gelatine. Aber das hat sie beeindruckt.

«Aquaman» war Ihr Einstieg in die Superhelden-Welt. Ihr Fazit?

… also ich spielte auch in einem «Batman»-Film mit, aber es stimmt: Ich verkörperte da keine Superheldin, sondern eine Normalsterbliche. Nach all den dramatischen Rollen wollte ich mit «Aquaman» einfach sagen: Hey, ich habe Humor! Ich habe nichts gegen Filme zum Abschalten. Es war toll, dass wir in Australien drehten und ich so meine Mutter dabei haben konnte. Und die Kinder konnten ihren Freunden in der Schule erzählen, ich sei in «Aquaman» und sie wussten für einmal, worum es ging. Es ist ja unglaublich, wie viele Leute wissen, dass solche Filme ins Kino kommen – im Gegensatz zu einem Film wie «Destroyer».

Zeigen Ihre Töchter Interesse an einer eigenen Showbusiness-Karriere?

Momentan sind sie in einer Phase, in der sie eher Tierärztin werden wollen als Schauspielerin. Sie mögen Tiere. Eine Tochter interessiert sich ein bisschen für Regie, aber die Interessen werden sich noch ein paar mal ändern. Und Musik ist natürlich auch ein grosses Thema: Keith hat mir gerade eine Video von Faith beim Geigespielen geschickt. Ich finde, ich habe die talentiertesten Kinder der Welt. Und er findet: Ja ja, sie wird langsam besser.

Apropos Regie: Wieso haben Sie eigentlich noch nie Regie geführt?

Weil meine grosse Leidenschaft immer noch die Schauspielerei ist. Ich bin für die Schauspielerei geboren. Sie hat mir so viel gegeben. Dafür produziere ich ab und zu. Das fing mit «Rabbit Hole» an zu einer Zeit, als mich die Auswahl von Rollen etwas frustrierte. Inzwischen habe ich mit Reese Witherspoon die TV-Serie «Big Little Lies» produziert. Dieser Erfolg gibt mir als Produzentin ein gewisses Selbstvertrauen. Deshalb habe ich mir die Rechte von «Nine Perfect Strangers», das nächste Buch der «Big Little Lies»-Autorin Liane Moriarty, gesichert. Ich habe ihr versprochen, dass wir es schaffen werden, das Buch als Mini-Serie oder Film umzusetzen.

Für die zweite Staffel von «Big Little Lies» haben Sie Meryl Streep verpflichtet. War es schwierig, sie für die Serie zu buchen?

Nein, überhaupt nicht. Sie sagte zu, ohne das Drehbuch gelesen zu haben, weil sie Reese und mich und die anderen Frauen unterstützen wollte. Das finde ich super, doch dann bekamen wir das Knieschlottern, denn ihr Part als meine Schwiegermutter musste ihr auch würdig sein. Aber Stanley Kubrick hat mir mal gesagt, ich soll nie jemanden auf einen Sockel stellen, denn so kann man nichts Schlaues kreieren. Das stimmt natürlich.

Ist Meryl Streep denn immer noch ein Vorbild für Sie – auch nachdem Sie selber so viel erreicht haben?

Auf jeden Fall. Zuerst wollte ich ja Ballett-Tänzerin werden, aber ich wurde zu gross. Dann las ich viel über Schauspielkunst – auch was Meryl Streep über ihr Streben nach der Bestleistung sagte. Das imponierte mir. Sie war auch immer ein Vorbild, weil sie es schaffte, Beruf und eine funktionierende Ehe aufrechtzuerhalten sowie Kinder grosszuziehen. Der Kreis schliesst sich jetzt. Ich hoffe, ich kann der nächsten Generation von Schauspielerinnen auch zeigen, dass man beides kann.

Sie gehören zu den wenigen Frauen, die Familie und Beruf perfekt unter einen Hut bringen?

Oh, nein, natürlich nicht immer. Als ich mit Sunday schwanger war, wollte ich den Job an den Nagel hängen und mich ganz für die Familie auf die Farm in Nashville zurückziehen – wohl ein Ausdruck der Hormone! (lacht). Doch meine Mutter sagte, ich solle einen Fuss in der Tür behalten. Ich hörte auf sie, wie so oft, und bin auch froh darüber.

Der Trailer von "Destroyer" mit Nicole Kidman:

Haben Sie auch schon bereut, auf Ihre Mutter gehört zu haben?

Ja, vor einer Uraufführung in einem Londoner Theater. Wegen ihr nahm ich den Job an. Vor der Premiere war ich aber überzeugt, dass es der Flop des Jahrhunderts würde. Ich rief sie wütend an, weil sie mir das eingebrockt hatte. Sie entschuldigte sich sogar. Aber dann wurde das Stück doch ein Erfolg und ich bedankte mich im Nachhinein bei ihr. Typisch Tochter!

Standen Sie Ihren Eltern immer sehr nahe?

Ja, meine Schwester und ich konnten sie alles fragen. Sie hatten immer eine Antwort, die direkt war. Dafür bin ich sehr dankbar. Als mein Vater vor vier Jahren plötzlich starb, war das ein Schock. Die ganze Welt wurde sehr instabil für mich. Das musste ich lange verdauen, denn es ist mir schon drei-, viermal passiert, dass Menschen plötzlich aus meinem Leben gerissen wurden.

Gehören die beiden Kinder aus der Ehe mit Tom Cruise auch dazu? Es heisst ja, Scientologen müssen den Kontakt mit Leuten, die die Kirche verlassen, abbrechen.

Ich sehe meine Kinder und liebe sie, wie es sich als Mutter gehört. Sie sind erwachsen. Sie können ihre eigenen Entscheidungen treffen. Sie haben sich entschlossen, Scientologen zu sein. Egal, was ein Kind macht, es muss wissen, dass die Liebe da und die Tür offen ist.

Sie sind katholisch aufgewachsen. Wie wichtig ist Religion heute?

Sehr wichtig. Der Glaube ist sehr stark in unserer Familie und wir gehen auch in die Kirche. Aber bei uns am Tisch kann man alles hinterfragen. Wir indoktrinieren die Kinder nicht. Sie können ihre eigenen Schlüsse ziehen, aber es ist mir wichtig, ihnen einen guten moralischen Kompass auf den Weg zu geben.

Als Hollywood-Star haben Sie Ihre eigenen «Jünger» beziehungsweise Followers, seit gut einem Jahr sind Sie auf Instagram. Weshalb?

Social Media gehört heute irgendwie schon dazu, es ist Teil der Kultur. Meine ist aber keine professionell geführte Seite. Ich poste nur ab und zu etwas. Ich finde den direkten Zugang zu Leuten spannend und folge auch selber gewissen Seiten. Es ist wie ein Magazin, das man durchblättert. Und man kann sich auch selber von einer anderen Seite zeigen. Bei mir heisst das, meine Katzen Ginger und Snow werden präsentiert. Keith hat mir ein Foto von einer der beiden beim Gähnen geschickt. Total süss! Aber vermutlich findet das sonst niemand interessant.

Von Prominenten ist doch alles interessant, obwohl Sie ja mal sagten, Sie seien nicht Beyoncé-berühmt …

Beyoncé ist eine Königin. Sie ist Königin Bey. Ich habe nicht diesen Bekanntheitsgrad, aber ich bin seit vierzehn in diesem Beruf und werde ab und zu unter die Lupe genommen. Deshalb wohne ich in Nashville, wo es friedlich ist wie auf dem Land. Keith lebt schon 30 Jahre da, ich zwölf. Auch wenn es schwer zu glauben ist, wir führen dort ein normales Leben.

Gibt es auch etwas, was Ihnen fehlt in Ihrer heilen Welt in Nashville?

Am meisten mache ich mir Gedanken über die Zeit, die kostbar ist und mir abhandenkommt. Ich bin 51 Jahre alt und habe noch Kinder, die mich brauchen.

Sie haben viel erlebt in Hollywood. Wann kommt Ihre Autobiografie?

Was, ich? Um Himmels willen: Nie im Leben! Da können Sie Gift drauf nehmen. Ich führe zwar Tagebuch und schreibe Dinge auf, die mich beschäftigen. Aber in Buchform etwas in die Welt setzen ist nicht mein Stil. Ich will die Leute in meinem Umfeld schützen und respektieren - nicht zur Schau stellen.