hilfe in der krise
Zürcher Unternehmen bringt Netflix-Filme ins Kino, noch bevor sie auf dem Streaming-Portal zu sehen sind

Wie geht das? Ralph Dietrich, Co-CEO von Ascot Elite Entertainment gibt Auskunft.

Regina Grüter
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Die vier folgenden Topshots sind bereits 2 Wochen vor ihrer Netflix-Premiere in Schweizer Kinos zu sehen.
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THE TRIAL OF THE CHICAGO 7Vietnamkrieg und Demokratiebewegung: Gleitet am Schluss leider etwas ins Sentimentale ab.
HILLBILLY ELEGY Für einmal steht bei Netflix der White Trash im Vordergrund. Doch das Biopic geht den Dingen zu wenig auf den Grund.
MANK Gleichzeitig Hommage und Kritik am klassischen Hollywood-Studiosystem. Ebenso scharfsinnig wie scharfzüngig.
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Die vier folgenden Topshots sind bereits 2 Wochen vor ihrer Netflix-Premiere in Schweizer Kinos zu sehen.

Keystone

Angefangen hat alles mit einer grossen Liebe: Am Filmfestival von Toronto hätten sie sich in «Roma» von Alfonso Cuarón verliebt und gedacht: «Er muss auf die Leinwand!», sagt Ralph Dietrich. Das war im September 2018. Der Schwarz-Weiss-Film gewann schliesslich drei Oscars. Dietrich ist Co-CEO beim Schweizer Filmunternehmen ­Ascot Elite Entertainment. Zusammen mit seiner Schwester Karin Dietrich und Stephan Giger teilt er sich die ­Geschäftsführung.

An Netflix herangekommen seien sie durch die amerikanische Filmproduktionsfirma Participant, erklärt Dietrich. Zwischen Participant und dem Schweizer Filmverleih bestand damals schon eine exklusive Partnerschaft. Ein Beispiel für eine Participant-Produktion, die Ascot Elite in die hiesigen ­Kinos brachte, ist der spätere Oscargewinner «Green Book».

Wenn man den Filmkatalog von Ascot Elite durchstöbert, stösst man auf zahlreiche Werke, die Filmgeschichte schrieben. 2005 fängt’s an mit «Million Dollar Baby» von Clint Eastwood, 2006 geht’s weiter mit «Brokeback Mountain» von Ang Lee. Aber auch europäisches Autorenkino wie Lars von Triers «Antichrist» oder «Drive» von Nicolas Winding Refn finden sich im Portfolio des Zürcher Unternehmens. Und überdurchschnittlich viele erfolgreiche Schweizer Produktionen der letzten Jahre.

Nicht wenige Schweizer Kinobetreiber sehen den Verleiher mittlerweile als den wichtigsten Filmlieferanten an, und das nicht nur im Mainstreambereich.

Am Zurich Film Festival wurde Ascot Elite unlängst mit dem Gamechanger Award ausgezeichnet; er geht an «Persönlichkeiten, die mit ihrem Einsatz der Filmwirtschaft neue Impulse verleihen».

Ralph Dietrich, Karin Dietrich und Stephan Giger (vlnr.) die drei Co-CEOs von ­Ascot Elite Entertainment nahmen am ZFF ihre Auszeichnung entgegen.

Ralph Dietrich, Karin Dietrich und Stephan Giger (vlnr.)
die drei Co-CEOs von ­Ascot Elite Entertainment nahmen am ZFF ihre Auszeichnung entgegen.

Getty

Kino hat ­ keine Priorität

Vor zwei Jahren noch mussten die Schweizer Kinos aktiv auf Ascot Elite zugehen, wenn sie «Roma» spielen wollten. Heute organisiert Ascot Elite Vorabvisionierungen für Filmjournalisten und übernimmt auch die Werbung für die Netflix-Filme. Aber genau da hapert es.

Zu Zeiten von «Roma» hätte Netflix noch eine stärkere Kinostrategie verfolgt: «Sie haben sehr viel gemacht und gutes Material geliefert, um den Filmen einen möglichst guten Kinostart zu ermöglichen», sagt Dietrich. Das ­Kinofenster war auf einen Monat festgelegt, die Filme liefen also vier Wochen exklusiv im Kino. Heute sind es noch zwei – zumindest in der Schweiz. Ralph Dietrich sagt ganz klar:

«Netflix richtet sich nicht nach den Kinos aus.»

Die jüngsten Erfahrungen mit dem Streaminggiganten: mühsam. Nicht nur, dass Netflix keine richtige Kinoabteilung habe, sondern sie müssten auch dem Marketing-Material nachrennen, erhielten häufig keine Antwort. Auch hätten sie zu «The Midnight Sky» keine Interviews mit George Clooney bekommen. Netflix spielt seine Macht aus. Das Streaming hat dem Kino den Rang als Königsdisziplin abgelaufen, mit Corona als Beschleuniger.

Wieso tun sie sich das also an? «Die Qualität stimmt halt», sagt Dietrich. Und sie wollen den Kinos in diesem schwierigen Jahr mit wenigen Filmen auch etwas anbieten.

«Die Filme gehören auf die Leinwand, mit dem richtigen Ton.»

Und mit «Roma» hatten die Schweizer Filmunternehmer einen aufwendigen Approval-Prozess durchlaufen. «Jetzt haben wir das einmal gemacht», dachten sie sich bei Ascot Elite, «da können wir es auch nochmals machen.» Dasselbe wohl bei Netflix: Bleiben wir doch bei unseren «Roma»-Partnern. Man könne also quasi von einem Exklusiv-Vertrag sprechen, meint Dietrich.

«Wir lesen 150 bis 200 ­Drehbücher pro Jahr»

Die Rede ist von drei bis vier Netflix-Filmen pro Jahr, die in der Schweiz ins Kino kommen. Neben «Roma» Anfang Dezember 2018 waren das im letzten Jahr «The Irishman», «Marriage Story» und «The Two Popes». Alle wurden sie für mehrere Oscars nominiert. Heuer sind es schon vier, sie dürften bei den Oscars 2021 eine mehr oder minder grosse Rolle spielen. Hier ist wichtig, zu wissen: Um Oscar-Nominationen einheimsen zu können, müssen die Filme in den USA im Kino gelaufen sein. Davon ist Netflix nicht ausgenommen. Auch jetzt nicht, mit Corona.

Ob Netflix oder nicht, «wir nehmen Filme in unser Programm auf, die uns am Herzen liegen», sagt Ralph Dietrich. Schliesslich seien sie zuallererst Filmliebhaber. «Wir lesen 150 bis 200 Drehbücher pro Jahr.» 95 Prozent der Filme kaufen sie direkt ab Drehbuch, also die Katze im Sack. Take it or leave it, hiesse es in der Branche. Der Entscheid für oder gegen einen Film würde häufig aus dem Bauch heraus gefällt: «Interessiert und berührt uns die Geschichte, denken wir erst mal nicht an Einspielergebnisse», so Dietrich. «Bei einem Gerard-Butler-Film, da machen wir eine Rechnung.» So oder so: «Jeder Film ist unser Baby.»

Besonders am Herzen liegt ihnen seit ein paar Jahren der Schweizer Film. Dietrich:

«Einheimischer Content liegt im Trend.»

Das könnten ruhig auch schwierigere, historische Themen sein. Und, hebt er hervor:

«Diese Geschichten findet man nicht bei einem Streamingdienst.»

Das geht von «Der Verdingbub» über «Der Goali bin ig» bis hin zu «Platzspitzbaby». Aber auch für kleinere, weniger massentaugliche Produktionen wie Simon Jaquemets «Der Unschuldige» legen sie sich ins Zeug.

Ihr jüngstes Baby: «Stürm» mit Joel Basman in der Rolle des Ostschweizer Ausbrecherkönigs; ihr grösstes Problem im Moment, wie für alle in der Filmbranche: Die Produktionsrückstände und Verschiebungen internationaler Blockbuster sorgen für hohe Planungsunsicherheit und schlaflose Nächte. «Stürm» sollte Anfang Oktober starten, neu am 18. Februar. Die Premiere, die Kinos, eigentlich ist alles organisiert.

«The Trial of the Chicago 7», «Hillbilly Elegy», «Mank» auf Netflix. «The Midnight Sky» seit 10. Dezember im Kino (ab 23. Dezember auf Netflix).