Kino

Endlich wieder nicht klatschen

Zum Glück gibt es Popcorn.

Zum Glück gibt es Popcorn.

Jetzt dürfen wir uns wieder gemeinsam über Filme freuen und ärgern. Nur eines gehört nicht in den Kinosaal: der Applaus. Oder?

Fast. Ein einziges Mal hätte ich beinahe geklatscht, und zwar in «Toni Erdmann», dem niederschmetternd komischen Film mit Sandra Hüller in der Hauptrolle. Wie sich ihr Unbehagen bei einem Impromptu-Ständchen in höchste Tonlagen schraubt und dabei für einen verzweifelten Augenblick in die Selbstermächtigung kippt – grossartig. Trotz Herzrasen habe ich es dennoch gelassen. Warum?

Im Kino wird nicht applaudiert, sondern Ruhe bewahrt. Meistens, jedenfalls. Dabei ist der Saal alles andere als still: Sesselrücken, Kleiderrascheln, Getuschel, Popcorn-Kauen. Und je nach Film wird es sogar richtig laut, mit Gejohle und Gekiekse. Aber Klatschen? Rollendes Wüstengras. Das liegt natürlich daran, dass Film nie live ist. Er lebt in unseren Köpfen, aber eben nur dort. Das Lichtspiel sieht und hört nichts, es ist in dieser Beziehung wunderbar anspruchslos.

Kein Buh macht einen guten Film schlechter, kein Jubel den Heuler zum Meisterwerk, und umgekehrt. Zwei Ausnahmen gibt es allerdings, bei denen Handarbeit geliefert wird, die eine unabdingbar, die andere belanglos. Letztere zuerst: Geklatscht wird, wenn sich der Lifestyle mit dem Film verwechselt und das Publikum sein Gruppengefühl feiert. «Star Wars», jaja. «The Rocky Horror Picture Show» – hui!

Dann die Festivals, die den Filmteams Anerkennung versprechen: Schnöde, wer da nicht zumindest dem Aufwand Respekt zollt. Berüchtigt sind die Ovationen an den Filmfestspielen von Cannes, die oft peinlich lang dauern. Für «Pan’s Labyrinth» (2006) etwa wurde 22 Minuten lang applaudiert, für «Toni Erdmann» (2016) dagegen nur acht. Den Internationalen Filmkritikerpreis gab es dafür trotzdem.

Was unterscheidet die Stille im Kinosaal also vom zustimmenden Schweigen oder dem eisigen Desinteresse? Wieder ein Geräusch: das sanfte Hochklappen des Kinosessels beim Verlassen des Saals. Nur einmal fand ich es nötig, aus einem Film zu laufen – 1997, bei «A Life Less Ordinary». Hätte ich doch nur für Sandra Hüller geklatscht.

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