Es gehört zu den Besonderheiten des Schauspielerberufs, dass auch die grossen Talente ihr ganzes Leben weiterreifen. Doch der Markt ist zu ihnen häufig ungerecht, insbesondere die Film- und Fernsehlandschaft. Nur wenigen Stars gibt man auch im Alter noch Rollen, die würdige Herausforderungen mit sich bringen. Hannelore Elsner gehörte zu diesen glücklichen Ausnahmen. Je länger sie dem deutschsprachigen Film und Fernsehen erhalten blieb, desto mehr hatte man Gelegenheit, sie zu bewundern.

Als im Jahr 2000 Oskar Roehlers Film «Die Unberührbare» mit ihr in der Hauptrolle erschien, startete sie ihre Karriere mit 57 Jahren praktisch ein zweites Mal. Der autobiografisch gefärbte Film zeigte sie als schillernde Mutterfigur, überwirklich und doch lebensnah, grausam und doch zärtlich, schonungslos mit dem Image einer alternden Diva spielend. Für ihre Rolle gewann Elsner später unter anderem den deutschen Filmpreis.

Alles andere als eine Diva

Dieses Divenhafte war allein ihrer Schauspielkunst geschuldet, privat war sie alles andere als unnahbar. Unvergesslich blieb mir ein gemeinsamer nächtlicher Spaziergang auf dem Lido in Venedig. In aller Offenheit erzählte sie da von den Frustrationen ihrer frühen Karriere. Bewundernswert war sie bereits in Will Trempers stimmungsvollem Ensemblefilm «Die endlose Nacht» von 1962. Doch die dramatische Komödie blieb eine seltene Ausnahme. «Ich habe diesen Film geliebt», erklärte mir Hannelore Elsner, «aber ähnliche Angebote gab es lange nicht. Den Regisseuren des neuen Deutschen Films war ich einfach zu schön.»

Zu den wenigen, die ihr Talent in dieser Zeit zu nutzen wussten, zählte Edgar Reitz. Unter seiner Regie spielte sie 1973 in «Die Reise nach Wien». Heute erscheint der Film als frühe Skizze zu seiner berühmten «Heimat»: Während des Zweiten Weltkriegs reisen zwei Frauen aus einem Dorf ins ferne Wien. Die grosse Flucht aus ihrer kleinen Welt bleibt ihnen dabei versagt.

Anders als Elsner, die 1942 im bayrischen Burghausen geboren wurde, nach dem frühen Tod ihrer Mutter in Klosterschulen ging und in München Schauspielerei studierte. In den Siebzigerjahren arbeitete sie vor allem für das Fernsehen. Auch nach ihrem Kino-Comeback in «Die Unberührbare» baute sie ihre Popularität am Bildschirm noch einmal aus; mehr als sechzig Mal spielte sie die Titelrolle in der Serie «Die Kommissarin». Umso anspruchsvoller ihre späten Kinorollen: Fast allein schulterte sie 2002 Oliver Hirschbiegels Kammerspiel «Mein letzter Film», den Monolog einer alternden Schauspielerin mit der Kamera.

Vor ihrem überraschenden Tod mit 76 Jahren nach kurzer, schwerer Krankheit am Ostersonntag agierte sie unter anderem noch als Femme Fatale im Fernsehfilm «Club der einsamen Herzen». Die Geschichte dreier Frauen, die ein Tanzlokal eröffnen wollen, bringt sie zusammen mit den Veteraninnen Uschi Glas und Jutta Speidel.

«Musste auch Geld verdienen»

Als eine der gefragtesten Schauspielerinnen ihrer Generation blieb Elsner in ihren späten Jahren Kunst und Unterhaltung gleichermassen verbunden – und wusste dabei das eine mit dem anderen zu verbinden. «Ich weiss, was ich alles gemacht habe, das belanglos war», erklärte sie der «Süddeutschen Zeitung», «Aber das kann man mir nicht vorwerfen. Ich habe ein Leben lang mich und die Meinen selber versorgt, ich musste ja auch Geld verdienen. Egal. Wo etwas Wahres getroffen ist, habe ich kein Problem.» Auf beeindruckende 225 Filme hat sie es in ihrer Karriere gebracht. Und die Wahrheit, die dann doch in den meisten davon steckt, verdanken sie zu einem erheblichen Teil Hannelore Elsner.

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