Nachfruf
Commander Cliff Allister McLane - der Held meiner Jugendjahre

Dietmar Schönherr war im Raumschiff Orion Commander Cliff Allister McLane. Er starb 88-jährig in Ibiza.

Sabine Altorfer
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Dietmar Schönherr als entscheidungsfreudiger Commander Cliff Allister McLane in «Raumschiff Orion» 1966.Bavaria Film

Dietmar Schönherr als entscheidungsfreudiger Commander Cliff Allister McLane in «Raumschiff Orion» 1966.Bavaria Film

Wir mussten leiden und warten: Nur alle zwei Wochen, dafür am Samstagabend kam «Raumschiff Orion». Die Schweiz, und wohl auch ganz Deutschland, sass 1966 vor dem Fernseher. Denn verheissungsvoll – pathetisch würden wir heute sagen – klang schon die Erklärung zu Beginn aus dem Off: «Was heute noch wie ein Märchen klingt, kann morgen Wirklichkeit sein. Hier ist ein Märchen von übermorgen.» Dieses Science-Fiction-Märchen war damals keine US-Serie, sondern ein Siebenteiler, produziert von der ARD. Es war unsere erste Begegnung mit Science-Fiction – mal abgesehen von Jules Verne und Daniel Düsentrieb aus «Donald Duck».

Der Sprecher beschwor uns weiter: «Mit heute noch unvorstellbaren Geschwindigkeiten durcheilen Raumschiffe unser Milchstrassensystem. Eins dieser Raumschiffe ist die Orion, winziger Teil eines gigantischen Sicherheitssystems, das die Erde vor Bedrohungen aus dem All schützt. Begleiten wir die Orion und ihre Besatzung bei ihrem Patrouillendienst am Rande der Unendlichkeit.»

Und wir begleiteten fiebrig, gespannt das scheibenflache Raumschiff, das aus den Fluten auftauchte und, sich langsam drehend, Richtung Sternenhimmel sauste. Spannung war garantiert. Denn unser Held, Commander Cliff Allister McLane, kapierte immer einen Tick schneller und genauer als seine lahmen Vorgesetzten auf der Erde, bzw. in den futuristischen Behausungen auf dem Meeresgrund, was drohte. Er ahnte als Einziger, was gegen die bösen ausserirdischen Frogs, gegen den drohenden Energieabfall oder Sauerstoffmangel wirken könnte – und er wagte Unmögliches. James Bond erschien uns später im Vergleich und mit nostalgischer Gedächtnissteuerung nur wie ein Schulbub.

Dietmar Schönherr starb auf Ibiza

In den Schulpausen schossen wir mit Laserwaffen, wollten uns mit einem Aussenbord-Lancet von Prüfungen absetzen, erzählten von der Supernova, debattierten über Magnetschilder, Lichtstürme – und schwärmten von McLane. Ja, der geradlinige Commander, der sich ständig mit seinen Chefs anlegte, selbst Alpha-Befehle missachtete, um die Erde zu retten, war unser Idol. Seinem Darsteller Dietmar Schönherr begegneten wir in den Folgejahren noch oft, er konnte tun und machen, was er wollte, stets hatte er – ob bewusst oder unbewusst – den Commander-Bonus.

Von 1977 bis 1990 war Schönherr am Zürcher Schauspielhaus engagiert

Von 1977 bis 1990 war Schönherr am Zürcher Schauspielhaus engagiert

Keystone

Und auch jetzt, wenn wir hören, dass Dietmar Schönherr 88-jährig auf Ibiza gestorben ist, erinnern wir uns erst im zweiten Anlauf an den Schauspielhaus-Schauspieler, an den politischen Talkshow-Debattierer oder den Hilfswerks-Gründer. Nur als Moderator der Samstagabend-Kiste «Wünsch dir was» erreichte er ähnlichen Kult-Status wie als Commander McLane.

Der Wettlauf ins Weltall

Was wir an «Raumschiff Orion» bewunderten, war seine futuristische Ausstattung, die Gadgets und das fast unvorstellbare technisch Machbare. Der Traum von der Eroberung des Weltraums war in den 1960er-Jahren ja schliesslich nicht nur Stoff in Science-Fiction, sondern in den echten Nachrichten. Zwischen der Sowjetunion und den USA tobte der Kampf um die Eroberung des Weltraums. Wer schafft den ersten bemannten Weltraumflug? Der Russe Juri Gagarin am 12. April 1961. Wem gelingt die erste weiche Mondlandung? Den Sowjets 1966 mit der «Luna 2». Wer setzt als erster Mensch seinen Fuss auf den Mond? Der Amerikaner Neil Armstrong am 21. Juli 1969.

Die Nation sass auch dafür geschlossen vor den Fernsehern in der guten Stube und starrte stundenlang ins Weltall – begleitet vom zweiten Fernsehstar der damaligen Zeit. Bruno Stanek, der als Weltraumspezialist die heutigen WM-Kommentatoren an Popularität um Längen schlug. Von Public Viewing sprach damals übrigens noch keiner, es sei denn, man zähle die Fernseher in den Stammbeizen dazu.

Zukunfts-Design und Holzroboter

Beim echten Wettlauf in den Weltraum musste man also stundenlang warten und bekam stets die gleichen Bilder vom Mond oder aus der gewaltigen, aber langweiligen Nasa-Zentrale zu sehen. Wie anders war «Orion»: Action, fantastische Bilder und vor allem futuristisches Hightech. Das Raumschiffinnere war eine Kapsel aus hellem Kunststoff und Metall. Ein runder Tisch oder ein riesiges Bullauge wurden zum Bildschirm, unterschrieben wurde auf einem Tablet und telefoniert inklusive Bild-Übermittlung. Störte es uns dabei, dass die glänzenden Schalthebel und Gegensprechanlagen eigentlich Wasserhähnen waren, die Tricktechnik mit den Robotern aus Holz und eingeblendeten Modellen nicht immer perfekt funktionierte oder der Lichtsturm mit Reiskörnern filmisch imitiert wurde? Nicht doch!

Die Uniformen waren Trainingsanzüge, lässig bei den Männern, hauteng und sexy bei Leutnant Tamara Jagellovsk und General Lydia van Dyke. Sex war allerdings inexistent, geflirtet wurde mit einem Blinzeln der überlangen Wimpern. Kult waren die helmartigen toupierten Frisuren: Sie tauchten in allen Varianten in den Frauenzeitschriften wieder auf.

Und erst die luxuriösen Wohnungen auf dem Meeresboden. Kugelhäuser mit riesigen Scheiben, hinter denen dank Bluescreen-Verfahren bunte Meeresfische und Haie schwammen, das Innere war technoid designt. Mit diesen popartigen Kunststoff-Möbeln hätten wir gerne gelebt. Und noch heute, wenn ich mich in einen der weissen Tulpenstühle von Eero Saarinen setze, erwarte ich Commander McLane vis-à-vis.

Ende gut, alles gut, hiess es zum Schluss – immer mit Humor. «Das war doch alles nur ein böser Traum?», fragte Commander McLane. Viel schlimmer, sagt Offizier Mario Monti: «Es war Science-Fiction.» Und auf gings ins Starlet Casino. Das freudige Gruppentänzchen in den Silber-Kleidchen, hätte heute das Potenzial zum Flashmob.