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Der Gewinner des Zurich Film Festivals, ein mexikanisches Migrantendrama, kommt ins Streaming

Goldenes Auge für den Besten Film am ZFF: Nun hat «Sin señas particulares» seine Premiere auf der Plattform filmingo.ch.

Regina Grüter
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Der 16-jährige Jesús verabschiedet sich von seiner Mutter.

Der 16-jährige Jesús verabschiedet sich von seiner Mutter.

Bild: Trigon-Film

San Felipe im Bundesstaat Guanajuato im mittleren Norden Mexikos. Ein Junge kommt über ein weites Feld auf ein Haus zu. Die Mutter öffnet das Fenster. «Ich gehe mit Rigo mit», sagt Jesús. Sie wollen nach Arizona. Magdalena (Mercedes Hernández) packt seine Tasche. Zwei Monate später gibt es noch kein Lebenszeichen von den Söhnen. Die beiden Mütter wenden sich an die Polizei. Sie befürchten, Rigo und Jesús könnten überfallen worden sein. Der Polizist reicht ihnen einen Ordner mit Fotos von nicht identifizierten Leichen. Rigo ist unter den Toten. Ist Jesús noch am Leben?

«Sin señas particulares» ist ein Roadmovie über die Suche einer Mutter nach ihrem vermissten Sohn. Parallel wird die Geschichte von Olivia erzählt. In Tamaulipas im Nordosten des Landes, an der Grenze zu den USA, trifft sie auf Magdalena. Olivias Sohn brach vor vier Jahren nach Monterey auf, ist aber nie dort angekommen. Hier, in dieser Halle mit verbrannten Leichen, soll er sein. «Wenn du deinen Sohn für tot erklärst, hören sie auf, nach ihm zu suchen», sagt sie zu Magdalena.

Eine emotionale, sehr visuell erzählte Geschichte

Die mexikanische Regisseurin Fernanda Valadez verdichtet in ihrem Début Erfahrungen, die sie seit 2012 gemacht hat, und Recherchen zu einer emotionalen, sehr visuell erzählten Geschichte. Nach fünfzehn Jahren in Mexiko-Stadt beschloss sie, in ihre Heimatstadt Guanajuato zurückzukehren. «Ich beobachtete, dass Reisende und Migrantinnen am helllichten Tag verschwanden und wie ihre Familien anschliessend in den Massengräbern nach ihnen suchten», erklärt sie.

Im Film bleiben die Hintergründe oft nur angedeutet. Hin und wieder fallen Sätze wie:

«Auf dieser Linie werden immer wieder Busse vermisst, manche kommen leer zurück, nur mit den Taschen.»

Oder: «Sie haben den Bürgermeister umgebracht. Seither wechselt er alle sechs Monate.» Es ist die Geschichte eines Landes, das in einer Spirale der Gewalt versinkt. Migranten, Frauen, Kinder, Indigene werden überfallen, getötet, verschleppt, von kriminellen Organisationen zwangsrekrutiert. Drogenkartelle, Menschenhandel, ein aus den Angeln gehobener Staat – und die Flucht davor. Davon hat das Kino am eindrücklichsten in «Sin nombre» oder «Maria Full of Grace» erzählt.

Es gibt ihn, ­ den Teufel

Valadez wechselt die Perspektive, dreht den USA den Rücken zu. In einer weiteren Parallelerzählung folgt die Kamera einem jungen Mann von hinten, wie er die Grenze zu Mexiko überschreitet, als illegaler Einwanderer nach vier Jahren «deportiert», wie er sagt. Wenn sich sein Weg mit dem Magdalenas kreuzt, bahnt sich eine neue Mutter-Sohn-Geschichte an; eine von Hilfsbereitschaft und Solidarität.

Die Grausamkeit, die auch Miguels Dorf erreicht hat, steht in gewaltigem Widerspruch zur Natur und zum Leben der einfachen Leute. Eine der stärksten Szenen ist, wie der Zeuge, ein Mann indigener Abstammung, in seiner Sprache davon berichtet, was mit dem Bus passiert ist, in dem auch Jesús und Rigo sassen. Seine Worte sind nur Klänge, die verschwommenen Bilder transportieren seine subjektive Sicht auf die Ereignisse. Er weiss sich nur mit dem Bild des Teufels zu helfen. Zum Abspann zirpen die Grillen.

«Sin señas particulares» (Mexiko 2020), 97 Min., R: Fernanda Valadez, ab 18. Februar auf www.filmingo.ch.