Kultur

Bildgewaltiger Kostümfilm aus der Schweiz erzählte wahre Geschichte

Sylvie Testud als Henriette Favez (Mitte).

Sylvie Testud als Henriette Favez (Mitte).

Der Schweizer Film «Insoumises» über eine Schweizer Ärztin, die sich anfangs des 19. Jahrhunderts im kolonialen Kuba als Mann ausgibt, ist ein Lehrstück über Sklaverei und Kolonialgeschichte. Regie führte die Genfer Regisseurin Laura Cazador mit dem Altmeister des kubanischen Films, Fernando Pérez.

Eine «wahre Geschichte» verspricht der Film «Insoumises» in seinem Vorspann. Es ist die wahre Geschichte der 1791 in Lausanne geborenen Henriette Favez. Ab 1819 übte sie in Baracoa, im Osten Kubas, als erste Frau auf der Karibikinsel den Arztberuf aus. Sie hatte an der Pariser Sorbonne Medizin studiert, musste sich dazu als Mann verkleiden, nannte sich Henri Favez. Auf Kuba, damals als spanische Kolonie und Sklavenhaltergesellschaft noch rückständiger als das nachrevolutionäre Frankreich, war sie erst recht gezwungen, die Travestie beizubehalten. Sie nannte sich nun Enrique Faber, wurde wegen ihres Engagements und ihrer Fähigkeiten von den spanischen Herren zunächst freudig umworben. Doch weckte sie auch Argwohn bei den örtlichen Sklavenhaltern. Denn dass dieser fremde Arzt, nach den Idealen der Französischen Revolution, Menschen ohne Unterschied von Herkunft und Hautfarbe behandelte und sich offen gegen die Sklaverei stellte, war eine Ungehörigkeit. Als Faber sich in eine Patientin, Juana de Léon, eine von der Gesellschaft als «Hexe» ausgestossene junge Mulattin, verliebte und die beiden bald darauf in der Kirche heirateten, wurden die Gerüchte lauter – mit fatalen Folgen.

Die 1983 in Genf geborene Regisseurin Laura Cazador stiess während ihrer Filmausbildung in Kuba auf diese Geschichte. Von Jugend an war sie durch familiäre Verbindungen mit Fernando Pérez, dem 1944 geborenen Altmeister des kubanischen Films, bekannt. Fünf Filme von Pérez liefen seit den 1990ern in hiesigen Kinos, das 1998 realisierte Kinomärchen «La vida es silbar» wurde zu einem der erfolgreichsten lateinamerikanischen Filme in der Schweiz. Pérez, einer von Laura Cazadors Lehrern an der Filmschule, ermunterte die Genferin, die Geschichte ihrer Landsfrau zu recherchieren. Cazador sah Gerichtsakten des Prozesses ein, der 1823 in Havanna gegen Enrique/Henriette Faber stattfand, nachdem ihre wahre Identität aufgeflogen war, und überzeugte Pérez, mit ihr ein Drehbuch über das Leben der ungehorsamen Frau im kolonialen Kuba zu schreiben. «Es wird aber dein Film», betonte Pérez, als Cazador ihn auch für die Co-Regie beizog und Pérez seinen Kameramann mitbrachte: Raúl Pérez Ureta, einen der grossen Bildermagier Lateinamerikas.

Bewegende lesbische Liebesgeschichte

Neben den schauspielerischen Leistungen der Französin Sylvie Testud als Enrique Faber, der jungen Kubanerin Yeni Soria als Juana de Léon und des in der Schweiz lebenden Spaniers Antonio Buil prägen sich die berauschenden Bilder ein. Sie machen aus diesem Kolonialepos in seinen schönsten Momenten eine bewegende lesbische Liebesgeschichte, die nebenbei auf Kubas früheste Kolonialgeschichte verweist. So fragt Juana in der Hochzeitsnacht: «Werden wir dereinst in die Hölle kommen?» Enriques Antwort: «Ich ziehe es vor, in die Hölle zu gehen, wenn im Paradies all die Christen sind, die hier auf der Erde gemordet und vergewaltigt haben.»

Enrique paraphrasiert hier Hatuey, den Anführer von Kubas Urbevölkerung. Als Hatuey 1512 auf seine Hinrichtung wartete, insistierte ein spanischer Priester, er solle sich taufen lassen. Christen kämen in den Himmel, wenn sie gut waren. Worauf Hatuey erwiderte: «Dann will ich nicht dorthin, mit derart grausamen Menschen will ich nicht zusammen sein.»

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