Festival
Davos singt eine Totenmesse auf das Patriarchat

Selten trägt ein Klassikanlass, der von Sponsoren getragen wird, der Diversität so sehr Rechnung wie das Davos Festival.

Christian Berzins
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Davos Festival Plakat

Davos Festival Plakat

Christian Berzins / Aargauer Zeitung

Die Musikerinnen und Musiker tragen klingende Namen, heissen Amadeus Wiesensee oder Amanda Taurina, und sind doch alle No-Names. Das stört beim Davos Festival niemanden, schon bei der Gründung vor 35 Jahren durch Michael Haefliger (heute Lucerne Festival) hatte man sich «Young Artists» auf die Fahne geschrieben. Die Losung ist einfach: Je weniger bekannt die Musiker desto spezieller wird das Konzertprogramm.

Wer in Davos ein Konzert bucht, lässt sich überraschen. Chapeau, wenn der Gast zwei von vier Komponisten auf dem Programmzettel schon mal gehört hat. Von Mozart, Schubert und all den anderen, die da so schöne SRF2-Musik geschrieben haben, wird man hier selten etwas hören. Obwohl beim Eröffnungsabend 80 Prozent der Besucher vom Sponsor eingeladen sind, spielt man Werke einer gewissen Rebecca Clarke (1886–1979), je eines von Hans Werner Henze (1926–2012) und von Edison Denisow (1929–1996).

90 Musikern als Instrument des Intendanten

90 junge Musikerinnen und Musiker sind dieser Tage in Davos, ein paar davon bilden fixe Ensembles. Der künstlerische Leiter Marco Amherd kann diese Musiker aber wie sein eigenes Instrument verwenden: Bald formiert er sie zu einem Ensemble-, bald zu einem Solostück, mal zum Duo, mal zu einer Sinfonie. Erst dank dieses famosen Reservoirs ist es ihm möglich, unglaublich bunte, verspielte, ja verrückte Programme zu entwerfen.

Nach «Versteckis» geht es also weiter mit dem Programm «Brüder und Schwestern», mit «Zu neuen Ufern» und schliesslich mit «Glitter And Be Gay!».

Das Trio Marvin spielte zur Eröffnung einen Straussunbekannter Werke.

Das Trio Marvin spielte zur Eröffnung einen Strauss
unbekannter Werke.

Yannick Andrea / DAVOS FESTIVAL

Spätestens jetzt ist klar, dass hier das Festivalthema «Aequalis» keine Alibiübung wie anderswo ist: Man will musikalisch aufzeigen, wie weit es noch ist bis zur Gleichheit zwischen den Geschlechtern. Homosexualität ist ein Thema – am ersten Abend etwa mit «Versteckis» die Angst, sich als Komponistin, aber auch als homosexueller Komponist, zu zeigen. Marco Amherd programmiert das alles für seine 50- bis 100-jährige Festivalgemeinschaft mit einem Augenzwinkern – und nimmt sein Thema doch so ernst wie kein anderes Festival weitherum.

«Requiem auf das Patriarchat», heisst es auf einem Festivalplakat mitten im Dorf. Wie kaum ein vergleichbarer Klassikanlass breitet sich das Festival in Davos aus: Programm und Spielstätten verschwimmen, lassen sich nicht mehr voneinander trennen. Man fährt auf die Schatzalp, sitzt in Kirchen, Hotel- und Kongresshaussälen und nicht zuletzt im Kirchner Museum. Das macht dieses Festival unverwechselbar. Aber obwohl «Davos» nicht kopierbar ist, hat man neuerdings Konkurrenz erhalten.

Konkurrenz aus dem Nachbardorf

Ausgerechnet im benachbarten Klosters bieten dank sehr grosszügiger Geldgeber Klassikstars aus aller Welt ihre fertigen Programme an. Und so ist man denn in Davos mit dem Festivalstart sogar um eine Woche nach hinten gerückt, da man keine Überschneidung wollte. Die Mienen der Festivalmacher sprechen Bände.

Marco Amherd ist ein hochengagierter Intendant.

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Immerhin: Die Politik unterstützt das Festival. Denn Davos soll nicht bloss als Sportregion wahrgenommen werden und der einstige Pfeiler «Kongressstadt» schwankt sowieso. Da sind eine Handvoll Musiker, die während zwei Sommerwochen ein paar tausend Gäste anziehen, willkommen. Vielleicht wird in Zukunft sogar wieder drei Wochen lang gespielt, auch wenn es nicht einfach (und nicht billig) ist, die Musikergemeinschaft so lange in Davos zu halten. Doch zwei Dinge gibt es in Davos genug: Geldgeber und Programmideen des Festivalleiters Amherd.

Dieser Chordirigent und Organist spielt hier in der Festival-Challenge-League so gross auf, dass ihm der Cup-Sieg nicht zu nehmen ist. Und so empfiehlt er sich immer mehr den Super-League-Festivals.

Vor monumentalen Bildern Martin Dislers kreisen am Sonntagmorgen im Kirchner-Museum zum Konzertthema «Frau Bach im Museum» ein Cellist (Friedrich Thiele) und ein Saxofonist (Amit Dubester) um die Musik von J. S. Bach. Marco Amherd erklärt zu Beginn die Charaktereigenschaften dieser Frau Bach und bittet, zwischen den Werken nicht zu applaudieren. Nach 70 Minuten der Applausunterdrückung ist der Jubel gross – und das Staunen über so viel Kunst an einem Sonntagmorgen in den Bergen.

Davos Festival: Bis 21. August

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