Erziehung
Feminismus, Menschenrechte und Klimakrise dominieren Kinderbücher – weshalb der laute Appell falsch ist

Der Appell an Retter und Rebellinnen im Kinderbuch ist laut und viel zu penetrant. Dass leise Töne eine stärkere Wirkung entfalten können, beweist ein deutscher Verlag.

Bettina Kugler
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Ronja Räubertochter steht auf der Liste der «klischeefreien» Kinderbücher.

Ronja Räubertochter steht auf der Liste der «klischeefreien» Kinderbücher.

Nicole Nars-Zimmer niz

So einfach könnte es sein: Ein Kind, Peter, wacht morgens auf und schaut verzaubert aus dem Fenster. Schnee! Man kann sich ausmalen, in welchen Wonnen Peter draussen schwelgen wird – unzählige Bilderbücher erzählen diese Geschichte. «Ein Tag im Schnee» von Ezra Jack Keats, erschienen 1962 in den USA, hat dennoch Ausnahmestatus, zumindest für seine Zeit: Peter ist dunkelhäutig. Keats, New Yorker Illustrator mit jüdischen Wurzeln, macht daraus kein Manifest gegen Diskriminierung, sondern ein warmherziges Kunstwerk.

Die Botschaft liegt in der Selbstverständlichkeit: Darin, dass es kein Thema ist. Ohne überdeutlichen Appell trägt dieses Buch für kleine, aber auch grössere Menschen dazu bei, «die Welt ein bisschen besser zu machen», wie das gegenwärtig sehr viele Kinder- und Jugendbücher wollen. Man sieht es ihnen aber auch an. Sie richten sich explizit oder unausgesprochen an alle, die «anders» sein, ihren Weg finden wollen.

An künftige Rebellinnen und Aktivisten, «Little People», die Grosses vorhaben, oder «Boys Who Dare to be Different» – so der Titel einer Reihe des Briten Ben Brook, erschienen im Verlag Loewe. Wozu den Titel übersetzen? Auch wenn hier Buben ab sechs die Zielgruppe sind und Buben von Beethoven bis Obama in Kurzporträts als Vorbilder propagiert werden: Es klingt nach Greta Thunberg, ohne Knaben abzuschrecken.

Ist die Erde noch zu retten? Wissen hilft, Vorbilder gibt es reihenweise.

Ist die Erde noch zu retten? Wissen hilft, Vorbilder gibt es reihenweise.

Katrin Stangl/Peter-Hammer-Verlag

Kluge und mutige Frauen nur für Mädchen? Bitte nicht!

Denn obwohl die meisten dieser Bücher und Buchreihen mit der guten Absicht auf den Markt gebracht werden, Kinder und Jugendliche zum Nach- und Mitdenken anzuregen über den Zustand der Welt und über Geschlechterstereotype: Sie folgen doch ziemlich oft dem Schema rosa/hellblau.

Natürlich nicht so hemmungslos wie die Pony- und Beste-Freundinnen-Serien hier, die Wilden-Fussball-Kerle-Reihen und spannenden Abenteuer aus Wissenschaft und Technik dort. Doch schon die Zuordnung spricht Bände, und sie verhindert Entdeckungen. Wer sagt, dass eine Frau wie Ada Lovelace nur für «Rebel Girls» interessant ist? Immerhin hat die 1815 geborene Mathematikerin das erste Computerprogramm der Geschichte geschrieben.

Taugt als Vorbild: Mathematikerin Ada Lovelace als Kind

Taugt als Vorbild: Mathematikerin Ada Lovelace als Kind

Wiki

Lovelace ist eine von hundert aussergewöhn­lichen Frauen, die Elena Favilli und Francesca Cavallo in ihren «Good Night Stories for Rebel Girls» porträtieren. Mehr als eine Million Dollar an Spenden erhielten die beiden Auto­rinnen beim Crowdfunding für die Veröffentlichung; das Buch wurde ein Welterfolg und hat viele ähnliche «inspiriert», so würde man im Stil der aktu­ellen «Träumt-grösser-Literatur» wohl formulieren.

Band zwei ist noch diverser und partizipativer: Die künftigen Leserinnen (oder deren Eltern) durften bemerkenswerte Frauen vorschlagen. Buben blieben draussen, auch als Leser.

Denken lernen braucht Zeit – und mehr als Kurzbiografien

Sicher, die Bücher sind grafisch attraktiv, mit Handlettering-Titeln, knackigen Zitaten, kurzen, wie am Lagerfeuer erzählten Texten. Aber sie setzen viel Wissen voraus und gehen nie in die Tiefe. Anders als die Biografien für junge Leser, wie sie der Verlag Beltz & Gelberg seit langem im Programm hat, auch über umstrittene Figuren wie die RAF-Terroristin Ulrike Meinhof.

Ver­glichen damit, wirken die «Rebel Girls» wie Coffeetable-Literatur in Kleinportionen für längst erwachsene Mädchen, die auf die nächste Generation hoffen: entschlossener und kämpferischer als sie selbst. Dass sie kommen wird, zeigt sich in «Young Rebels. 25 Jugendliche, die die Welt verändern!» von ­Benjamin und Christine Knödler (Hanser 2020). Das Ausrufezeichen im Titel ist ebenso gewollt wie das aktive Verb.

Man denkt wehmütig an die fantastischen 1990er-Jahre, als Jostein Gaarder in «Sofies Welt» mit raffiniert gebauten Romanen das Denken und Philosophieren anregte. An die heftigen, auch heftig umstrittenen Parabeln der Dänin Janne Teller über Fragen der Ethik. So einfach, wie uns die neuen Held*innenbücher vormachen, wird die Welt nicht zu retten sein.

Buchtipps:Klima: Es gibt keinen Planeten B

Sascha Mamczak, Martina Vogl: Eine neue Welt. Ab 12. Peter-Hammer-Verlag, 270 Seiten.

Sascha Mamczak, Martina Vogl: Eine neue Welt. Ab 12. Peter-Hammer-Verlag, 270 Seiten.

CH Media

Für das Klima und die Artenvielfalt steht die Uhr auf fünf vor zwölf, wenn überhaupt noch so viel Zeit bleibt: Das wissen schon Kindergärtler. Doch wie es dazu kommen konnte, wie sich die «Wohngemeinschaft Erde» in langen Zeiträumen entwickelt hat und welche Rolle der Mensch als Mitbewohner, Nutzer von Lebensräumen und «Herrscher» über andere Lebewesen dabei spielt – um solche komplexen Zusammenhänge zu verstehen, braucht es Geduld, einen längeren Atem.

Sascha Mamczak und Martina Vogl liefern das nötige Hintergrundwissen, und sie nähern sich der Frage nach der Zukunftsperspektive für den bedrohten Planeten von überraschend vielen Seiten. Statt nur mit Fakten und Zahlen zu deprimieren, regen sie das Denken an, auch das Nachdenken über mögliche Auswege. Sie treffen dabei den richtigen Ton: Das Buch erzählt, anschaulich, mit Haltung, auf Augenhöhe und so ausführlich wie nötig.

Erfinderinnen: Sprung aus dem Hintergrund

Melanie Jahreis: Rebel Minds. 44 Erfinderinnen, die unsere Welt verändert haben. Ab 14. C. H. Beck, 189 Seiten.

Melanie Jahreis: Rebel Minds. 44 Erfinderinnen, die unsere Welt verändert haben. Ab 14. C. H. Beck, 189 Seiten.

CH Media

Den Kaffeefilter und die Wegwerfwindel traut man Frauen als Erfinderinnen gerne zu, auch den Minirock und den Geschirrspüler. Aber die On-Board-Flugsoftware für das Apollo-Raumfahrtprogramm? Oder die thermoelektrische Taschenlampe? Melanie Jahreis, Mitarbeiterin des Deutschen Museums in München, fasst den Begriff «Erfindung» weit: auch die «Fridays for Future» gehören dazu oder soziale Anliegen wie die Schulbildung für Mädchen.

So treffen in ihrem Club der «44 Erfinderinnen» Aktivistinnen wie Greta Thunberg und Malala Yousafzai auf Forscherinnen (Jane Goodall, Rosalind Franklin, Hedy Lamarr), Kreative und Frauen mit praktischem Verstand. Die Vielfalt ist ermutigend gross – und die Porträts liefern vergleichsweise mehr Stoff als die «Rebel Girls»-Geschichten. Viele der Porträtierten wirkten zunächst im Hintergrund von Männern. Aber nur, wenn es nicht anders ging, was sich gottlob geändert hat.

Erwachsenwerden: Mathe und Schoggimilch

Linn Skaber: Being Young. Uns gehört die Welt. Ab 14. Rowohlt Rotfuchs, 256 Seiten.

Linn Skaber: Being Young. Uns gehört die Welt. Ab 14. Rowohlt Rotfuchs, 256 Seiten.

CH Media

Wie bitte soll man schnell die Welt retten, wenn man sich gerade selbst verlorengeht? Wenn sich das Herz anfühlt wie ein stillgelegter Kiosk im Winter? Die norwegische Schriftstellerin Linn Skaber hat mit «Being Young» ein Buch geschrieben, das sich wohltuend abhebt von den Helden- und Rebellenreihen. Statt Jugendlichen Vorbilder zur Nachahmung anzupreisen, hat Linn Skaber ihnen zugehört: Menschen in der Zeit der grossen «Ummöblierungsaktion», nicht mehr Kind, noch nicht erwachsen, taumelnd zwischen Ängsten und Grössenwahn, Partys und Einsamkeit.

Aus Interviews beim Spazierengehen oder zu Hause sind ­literarische Monologe entstanden, verträumt in Bonbonfarben illustriert von Lisa Aisato: Sie machen Mut, den eigenen Weg zu gehen, sind ehrliche, zugleich poetisch zarte Porträts von Persönlichkeiten, die sich noch ständig ändern. Und damit auch die Welt. Das ist berührende Lektüre für alle, die sich im Leben angekommen meinen. (bk.)