Federico Fellini
Wieso lieben wir alle diesen moralischen Lüstling?

Federico Fellini verstehen, heisst zu wissen, dass er sein Geld ursprünglich als Karikaturist verdient hat. Im Kunsthaus Zürich ist sein Werk zu sehen. Und Überraschungen nicht zu knapp.

Daniele Muscionico
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Fellinis Skizze und das spätere Film-Original: Die Pensionsbesitzerin Maria im Film «Roma».

Fellinis Skizze und das spätere Film-Original: Die Pensionsbesitzerin Maria im Film «Roma».

Fondation Fellini pour le cinéma, Sion

Ab ans Meer! Mit dabei am Strand: das grösste Hinterteil der Filmgeschichte, hühnerbrüstige Männer, hysterische Schwuchteln – und Popen, die sich am Inhalt der Bikinis begeistern. Zudem die einzige italienische Institution, die mächtiger ist als die Kirche: la Mamma. Das schwül-katholische Universum und das angespannte Geschlechterverhältnis von Federico Fellinis Italien sind in Bild und Ton im Kunsthaus Zürich nachgebaut. Und keine Zeit ist besser als jetzt, um zu verstehen, das Leben ist eine Karikatur seiner selbst.

Zu sehen ist ein wahrhafter Fellini-Schrein: seine Filme, seine Zeichnungen, Fotos vom Set, Filmkostüme, Fellinis «Traumbücher» – angeregt von seinem Psychoanalytiker, einem Schüler des Schweizers C.G.Jung. Mag die Ausstellung auch noch so banal heissen, wie sie nun eben benannt ist, «Federico Fellini, von der Zeichnung zum Film»: Kuratoren tun, was sie können, Kuratorinnen auch. Ein Team am Museum Folkwang und in Zürich Cathérine Hug ­haben eine inspirierende Ausstellung mit einem uninspirierten Titel ermöglicht. Grazie mille a tutti!

Ein Kritzler, Kitzler, ein Karikaturist

Im Kunsthaus ist Italien zu Gast und mit ihm der italienischste Maestro von Cinecittà. Auf so schnellem Weg hat man das Land noch nie befahren, und selten verstand man innert Kürze – aus den Jahren 1950 bis 1990, Fellinis produktivste Zeit– mehr von Italien an Themen und Problemen, an gesellschaftlichen Verwerfungen wie hier. Ein gewitztes Reisebüro müsste auf die Idee kommen, den Ausstellungsbesuch als eine Art von italienischem Ökotourismus und das Kunsthaus als italienische Exklave zu verkaufen.

Fleischberge, von Fellini fantasiert, die Skizzen zur Figur einer «Boxerin».

Fleischberge, von Fellini fantasiert, die Skizzen zur Figur einer «Boxerin».

Sammlung Jakob und Philipp Keel / Pro Litteris

Und schon ist man beim Verkäufer, beim Enabler schlechthin. Es ist der Diogenes-Verlag in Zürich. Seit 1971 war die Familie von Daniel Keel mit der Familie Fellini befreundet, man traf sich bei den Dreharbeiten von «Roma». Das Verhältnis wurde schliesslich so herzlich, dass der Regisseur als Taufpate von Philipp Keel firmierte. Diogenes-Gründer Daniel Keel hat Fellinis Zeichnungen in seiner Galerie als Erster ausgestellt und verlegte später sogar Fellinis Drehbücher (und seinen einzigen Roman). Das finanzielle Fiasko war erheblich, aber der Nachruhm ist Diogenes gewiss: Es ist bis heute die weltweit erste und einzige Gesamtausgabe eines Filmemachers. Ein Grossteil der ausgestellten Zeichnungsbestände stammt aus dem Zürcher Verlag.

«Federico Fellini, von der Zeichnung zum Film» also. Im Zentrum der Auseinandersetzung mit dem Menschen und Künstler stehen über 200 Zeichnungen, Kritzeleien, «Telefonzeichnungen», Kostüm-, Set- und Masken-Skizze. Sie sind zuhanden des Publikums fein säuberlich beschriftet, versehen mit dem Ort der Entstehung und ihrem Kontext, die in den Bildern integrierten Texte des Autors sind auf Deutsch übersetzt. Uns so entdeckt man: Fellini fand und erfand seine Filme im doppelten Wortsinn schreibend und zeichnend. Die kleinen und grösseren Blätter sind Selbstgespräche und haben offenbar nicht nur innerhalb der Filmproduktion, sondern auch als Alltagspraxis getaugt.

Bekannt ist der Umstand seit des Interviews des Filmkritikers Giovanni Grazzini mit dem damals 63-jährigen Fellini am Rand der Dreharbeiten zu «La nave va» (1983). Die Szene ist im Ausstellungskatalog plastisch beschrieben. Dem Journalisten fiel auf: Sage und schreibe 129 Kugelschreiber, 21 Bleistifte und 18 weitere Stifte lagen auf dem Schreibtisch des Meisters; die Frage nach diesem Unmass und Arsenal lag auf der Hand. Die Antwort war ausführlich, auf den Punkt gebracht lautet sie: Er habe immer gezeichnet, auf «Zetteln, Wänden, Papierservietten, Tischtüchern im Restaurant» und sogar, erklärte er offen, «auf meinem Führerschein wimmelt es von kleinen Zeichnungen». Bevor Fellini das Medium Kino für sich entdeckte, verdiente er sein erstes Geld als Karikaturist, so für die Wochenendausgabe des «Corriere della Sera» und für satirische Zeitschriften Italiens.

«Ich will einen Vorschuss!!!»

Es macht Spass, dem Anschauungsmaterial auf die Spur zu kommen. Ein aufschlussreiches Beispiel eines solchen Selbstgesprächs hängt dicht am Eingang. Es zeigt einen maskierten römisch-katholischen Krieger-Kardinal, Fellini zeichnet sich so selbst und stellt dazu eine Sprechblase: «Voglio Anticipio!!!» («Ich will den Vorschuss!!!») Ob er ihn bekommen hat und in welchem Zusammenhang die dreifach mit einem Ausrufezeichen gestellten Forderung aufs Papier kam, bleibt leider im Dunkeln.

Fellinis Vision von Anita Ekberg im Kostüm einer Priesterin im Film "Roma".

Fellinis Vision von Anita Ekberg im Kostüm einer Priesterin im Film "Roma".

Sammlung Jakob und Philipp Keel / Pro Litteris

Das sprechendste Beispiel eines zeichnerischen Selbstgesprächs wird man weniger leicht finden. Es ist eine Zeichnung des Kopfes von Marcello Mastroianni in der Rolle des Reporters Marcello Rubini in «La Dolce Vita». Fellini notierte auf dem Blatt: «Verzweifelte Anstrengungen! Wie kann man Marcellino etwas schäbiger machen? a) graue Schminke, b) dunkelgraue, faltige Säcke unter den Augen, c) angeklebte Augenbrauen. Er muss abnehmen!» Dank Fellini hat «Marcellino» das «süsse Leben» im Kino schliesslich als das gezeigt, was es ist: das Schönste und das Schäbigste, je nach (Kamera-)Einstellung.

Federico Fellini, von der Zeichnung zum Film: bis 4. September, Kunsthaus Zürich.