Nachruf
Er war einer der letzten grossen Eisenplastiker der Schweiz: Aargauer Erwin Rehmann ist gestorben

Mit dem Laufenburger Künstler Erwin Rehmann ist einer der bedeutendsten Vertreter der grossen Zeit der Schweizer Metallplastik im 99. Lebensjahr gestorben.

Jochen Hesse
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Der Bildhauer und Eisenplastiker Erwin Rehmann in seinem Museum in Laufenburg kurz vor seinem neunzigsten Geburtstag 2011.

Der Bildhauer und Eisenplastiker Erwin Rehmann in seinem Museum in Laufenburg kurz vor seinem neunzigsten Geburtstag 2011.

Emanuel Freudiger (Laufenburg, 11.11. 2011

Wie für viele Schweizer Bildhauer seiner Zeit war auch für den Laufenburger Plastiker Erwin Rehmann die französische Kunst und im speziellen Auguste Rodin Ausgangspunkt seines Schaffens. Im Atelier des Wettinger Künstlers Eduard Spörri lernte er 1947–1948 das Handwerk des Bildhauers. Die Beschäftigung mit der Kunst Hans Arps und Henry Moores führten Rehmann in den 1950er-Jahren in die Abstraktion. Inspiriert von der Raumfahrteuphorie fertigte er satellitenförmige Arbeiten und Lichtplastiken. Früh erfolgreich, vertrat er 1956 die Schweiz an der Biennale in Venedig.

AGR

Später, um 1960, reichten vier kurze Jahre, um mit eruptiven Strahlenbündeln, fragilen Raumstrukturen und massiven Eisenwänden einen bedeutenden Beitrag zur Geschichte der Eisenplastik zu leisten.

Auch im Centre Pompidou steht ein Rehmann-Werk

Als Sohn eines Feinmechanikers hatte der Künstler eine ausgeprägte Neugier für Metalle verschiedener Legierungen. 1963 wandte er sich vom Eisen ab und den Buntmetallen zu. Statt des für viele kalt wirkenden und mit Krieg und Zerstörung konnotierten Eisens goss er nun Bronzelegierungen, die Wärme ausstrahlen. Rehmann begann seine Plastiken aufzusägen, um deren innere Strukturen und das Leuchten des Metalls sichtbar zu machen – auch das Centre Pompidou in Paris besitzt eine Arbeit dieser Werkphase.

Bereits seit den Fünfziger- und zunehmend ab den Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts prägte Erwin Rehmann mit seinen Werken den öffentlichen Raum. Seine Plastiken und Brunnen bereichern Schulhäuser, Kirchen und Friedhofsanlagen, Plätze und Firmensitze.

2001 eröffnete er in Laufenburg ein eigenes Museum – angrenzend an sein Wohn- und Atelierhaus. Dank ideenreicher künstlerischer Leitung erlangte das Haus innert Kürze grosse Beachtung in der Kunstwelt. Die Gegenüberstellung von Werken junger Kunstschaffender mit Rehmanns Plastiken offenbarte den Reichtum seines Œuvres.

Erwin-Rehmann-Brunnen in Kaisten, erbaut 1988.

Erwin-Rehmann-Brunnen in Kaisten, erbaut 1988.

Archiv Az / FRI

Auch nach dem Umzug ins Altersheim vor wenigen Jahren blieb seine Schaffenskraft ungebrochen. In kurzer Zeit hatte er sein neues Zuhause in ein kreatives Atelier verwandelt.

Erwin Rehmann, Rehmann-Museum, Sklupturengarten, Laufenburg

Erwin Rehmann, Rehmann-Museum, Sklupturengarten, Laufenburg

Jean-Marc Felix / FRI

Tief verankert im christlichen Glauben

Erwin Rehmann war ein kultivierter Mensch, der die Wertschätzung für überliefertes Kulturgut mit eigenem progressivem Schaffen zu verbinden verstand. Sein Engagement für das kulturelle Leben und den Kulturgüterschutz würdigte seine Wohngemeinde Laufenburg 1976 mit der Ehrenbürgerschaft. Immer wieder reflektierte er in Vorträgen und Texten sein eigenes Schaffen und bettete es ein in Überlegungen zu den abstrakten Strömungen seiner Zeit und zur gegenwärtigen kirchlichen Kunst.

Tief im christlichen Glauben verankert war Erwin Rehmann. Davon zeugen die liturgischen Geräte, die er für Kirchen herstellte, wie auch die sakralen Raumgestaltungen, die die Gotteshäuser mit einer umfassenden Dramaturgie durchzogen. Bereits seine frühen Lichtplastiken strahlen eine Mystik aus. Bei den späteren Buntmetallplastiken breitet sich das Licht von einem bestimmten Punkt auf die gesamte Werkoberfläche aus. Goldschimmernd geschliffene Partien verweisen metaphorisch auf den himmlischen Glanz des Jenseits. In den Neunzigerjahren wurde die Transzendenz dieser Kunstwerke um den milchigen Schein von Acrylplastiken ergänzt. Von Rehmanns Glauben zeugt auch seine Bemerkung, mit seinem Tod sehe er seine geliebten Gattinnen wieder: Margrit, die bereits 1963 verstarb, und Astrid, die ihm 2004 im Tod voranging. Erwin Rehmann folgte ihnen am 11. Dezember 2020.