LITERATUR
Endstation Erwachsenwerden: Benedict Wells schreibt einen fiebrigen Coming-of-Age-Roman

Der deutsch-schweizer Autor Benedict Wells schreibt in seinem fünften Roman «Hard Land» eine neue Jugendsehnsucht herbei. Und taucht dafür tief ins Lebensgefühl der 1980er-Jahre ein.

Dieter Langhart
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Schreibt Romane, die auch Filme sein könnten: Benedict Wells.

Schreibt Romane, die auch Filme sein könnten: Benedict Wells.

Roger Eberhard / DIOGENES

«In diesem Sommer verliebte ich mich, und meine Mutter starb.» Im ersten Satz seines fünften Romans sagt Wells schon alles über das pralle Leben – wozu dann noch 350 Seiten anhängen? Wozu noch eine Coming-of-Age-Geschichte erzählen nach «Spinner», «Fast genial» und «Ende der Einsamkeit»? Wozu eine Geschichte erfinden, die in einer Zeit und an einem Ort und zu einem Soundtrack spielt, die ihm weitgehend unbekannt sind? «Ich habe diesen Roman nicht mit meiner Erfahrung geschrieben, sondern mit Sehnsucht», sagte der Autor in einem Interview.

Sommer 1985, Ende der Schulzeit im schwül-heissen Grady, einem vergessenen, verlotternden Kaff in Missouri, aus dem alle wegwollen, die es können. Sam ist unsportlich, einsam, verängstigt, ein Aussenseiter, mit den Zahlen hat er es besser als mit den Mädchen. «Mein Selbstbewusstsein war eine kaputte Batterie, die sich nach jedem Rückschlag völlig entlud.»

Der Tod und das Leben, ganz nah beieinander

Seine geliebte Mutter wird an Krebs sterben, sein Vater ist arbeitslos und bläst Trübsal, ­seine Schwester Jean ist längst weggezogen. Sam ist begabt, spielt Gitarre, und wenn ihm nicht wohl ist, sagt er innerlich die Nachkommastellen der Zahl Pi auf: «Zahlen hatten mich immer beruhigt.»

Durch einen Ferienjob im ramponierten Kino findet er endlich Freunde: Cameron, angeblich schwul; der Afroamerikaner Brand, genannt «Hightower»; Kirstie, die bereits einen Freund hat. Sie teilt mit ihm eines ihrer Wörter, das das Lebensgefühl ihrer Generation ausdrückt: «Euphancholie – Euphorie und Melancholie «der ganzen Scheissjugend».

Die vier hängen im Kino und an Partys ab, werweissen über die 49 Geheimnisse, die Grady mit seinen fünf Kirchen am Lake Virgin verspricht; Sam versucht sich in Zigaretten und Alkohol, er riecht am prallen Leben. Zu den Mutproben der Clique gehört die Fahrt mit dem «Bruce-Mobil», Hightowers Pick-up, über sieben heftige Bodenwellen, Springsteens «I’m On Fire» voll aufgedreht. Und als die vier einmal um den Tennisplatz kurven, fühlt sich Sam so, wie er sich sein ganzes Leben fühlen wollte: «übermütig und wach und mittendrin und unsterblich». Am Ende des Sommers aber wird Sam an die Schule zurückkehren, auf die anderen wartet die Universität.

Zu Sams 16. Geburtstag laden ihn seine Eltern zum Abendessen ein, doch er zieht seine Clique vor, kehrt erst frühmorgens heim und sieht den Krankenwagen vor der Einfahrt. Zum Abdankungsgottesdienst für seine geliebte Mom wird er ein Lied spielen auf seinem Geburtstagsgeschenk, der ersehnten E-Gitarre, doch davor haut er ab, verkriecht sich in seinem Schmerz.

Benedict Wells hat sich für seinen sehr filmisch wirkenden Roman offensichtlich von amerikanischen Coming-of-Age-Produktionen inspirieren lassen – das Buch endet mit Credits und einer Soundtrackliste im Abspann, die auch online zu finden sind. Mit dem Singer-Songwriter Jacon Brass will Wells im Herbst auf Club-Tour gehen.

Mehr Hollywood als Bruce Springsteen

Doch manchmal steckt mehr Hollywood als Bruce Springsteen oder Billy Idol im Roman. Und nicht immer kauft man Wells seine Geschichte ab, auch wenn der Autor einen Sommer in den USA verbracht hat. Manche Bilder sind gelungen, an­dere erzwungen; raffiniert hingegen der erfundene Lokaldichter William Morris, der in der Schule als Musterbeispiel für klassisches Coming of Age geprüft wird und von dem Wells sich den Buchtitel «Hard Land» ausgeliehen hat.

Benedict Wells: Hard Land. 352 S, Diogenes 2021.