Kunstbuch

Eine Kunstneuheit in der Schweiz: Gemalte Postkartengrüsse

Otto Morach an Johanna Fülscher, 11. August 1918.

Otto Morach an Johanna Fülscher, 11. August 1918.

Ein Kunstbuch der besonderen Art: Der gemalte Postkartenwechsel zwischen den Schweizer Künstlern Johanna Fülscher und Otto Morach.

Bemalte Postkarten von renommierten Künstlern erlebten ihre Blütezeit im 20. Jahrhundert im deutschen Expressionismus. Solche Kunstwerke im Kleinformat entstanden aber auch in der Schweiz, nur sind sie bisher kaum aufgefallen. Der in Zürich bei Scheidegger & Spiess, einem führenden Kunstbuchverleger im deutschsprachigen Raum, mit gewohnter Sorgfalt erschienene Postkartenwechsel der aus Winterthur stammenden Kunstgewerblerin Johanna Fülscher mit dem Maler solothurnischen Otto Morach frischt den Kunstbuchmarkt mit einer überraschenden Neuheit auf. Von Hugo Stüdeli, dem Neffen und Nachlasserben des Malers, herausgegeben und mit einem sehr informativen Einführungstext der Kunsthistorikerin und Kuratorin Patricia Bieder versehen, gibt das Buch rund hundert Postkarten chronologisch wieder.

Während die bemalten Rückseiten in Originalgrösse reproduziert wurden, erscheinen die Textseiten mit der Adresse und unterschiedlich langen Mitteilungen darunter in lesbarer Verkleinerung. Die Transkriptionen aller Karten bilden den Anhang des auch typografisch schön gestalteten Buches.

Der in Hubersdorf geborene, in Zürich gestorbene Maler Otto Morach (1887-1973) gehörte als Expressionist und Kubist der Phalanx schweizerischer Avantgardisten an. Seine Hauptwerke sind auf die Kunstmuseen von Aarau, Olten, Solothurn und Zürich verteilt.

Aufwertung einer unbekannten Künstlerin

Johanna Fülscher (1893-1978) hingegen gilt es als Künstlerin erst noch zu entdecken. Hatte sie zwar 1919 mit acht Ölbildern an der zweiten Ausstellung der Künstlervereinigung «Das Neue Leben» in Zürich dank Morachs Vermittlung teilgenommen, konnte sie sich als freischaffende Künstlerin jedoch nicht durchsetzen. Sie entwarf Kissen, Puppen und Taschen, illustrierte das populäre Kochbuch ihrer Schwester Elisabeth Fülscher und hinterliess als künstlerisch bedeutsamste Talentproben ihre farbenfrohen Postkartengrüsse an Morach. Dass sie sich bei deren Ausarbeitung mehr Mühe gab als ihr Kollege, dürfte kaum zu übersehen sein.

Die zwischen Mai 1918 und April 1919 aquarellierten, oft mit Gouache und/oder Tinte angereicherten Karten erzählen in dialogisierender Form persönliche Bildergeschichten. Aktualität spricht aus der Mitteilung «Ich bin bei der Spanischen Krankheit zu Besuch oder sie bei mir», welche die Künstlerin mit einer grauen, fiebertraumartigen Zeichnung verknüpfte.

Immer wieder kam es zu stilistischen Annäherungen. Johanna Fülscher übernahm kubistische Formen, Morach eignete sich süssliche Farben an und griff sogar nach der 1919 erfolgten Trennung noch auf dekorative Bildelemente wie etwa Vögel oder Pflanzenblätter zurück.

«Trotzdem fröhliche Grüsse!»

Otto Morach und Johanna Fülscher – ein Postkartenwechsel. Scheidegger & Spiess, Zürich, 160 Seiten.

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