LITERATUR
Ein Marathon aus Fakten: Warum der Roman von Booker-Prize-Trägerin Bernardine Evaristo überschätzt wird

Für ihren Roman «Girl, Woman, Other» gewann Bernardine Evaristo 2019 zusammen mit Margaret Atwood als erste schwarze Frau den Booker Prize. Nun liegt das Buch, das zwölf Biografien meist schwarzer Frauen miteinander verknüpft, auch auf Deutsch vor.

Bernadette Conrad
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Autorin Bernardine Evaristo.

Autorin Bernardine Evaristo.

David Levenson / Getty Images Europe

«Jahrzehnte im Off» hatte Theaterautorin Amma verbracht, und «als Rebellin Handgranaten auf das Establishment geschleudert, das sie ausschloss». Das ist zwar nicht wörtlich zu nehmen, aber Ammas Wut über ihre Benachteiligung als schwarze, unangepasste Frau im Londoner Kulturbetrieb hatte ihr Berufsleben immer begleitet. Nun aber warten neben ihrer 19-jährigen Tochter Yass und deren «Crew» auch Kollegin Dominique, die alte Freundin und Lehrerin Shirley, deren Schülerinnen, Finanzmanagerin Carole sowie LaTisha, Sarah und Lakshmi im Publikum auf Ammas anstehende Premiere am National Theatre.

Die Geschichten, die sich im Roman «Mädchen, Frau, etc.» in London kreuzen, führen bis nach Nordamerika, Barbados und Nigeria, nach Äthiopien und Malawi, es geht um gescheiterte und neue Lieben, um Kinder, Adoption und Vorfahrinnen, um homosexuelle Liebe und unkonventionelle Lebensentwürfe. Und es geht permanent um die familiären Vorgeschichten der zwölf Hauptfiguren.

Die Vorfahrinnen sprechen bis in die Gegenwart

Wenn hinter der begabten Mathematikerin Carole, die sich arbeitswütig in die oberste Finanzwelt Londons hochgearbeitet hat, auch ihre nigerianische Mutter Bummi porträtiert wird, die Carole mit Putzjobs in einer engen Hochhaussiedlung grosszog, dann steht hinter Bummi wiederum deren Mutter, «die Stoffbahnen ihrer Wrappa zusammenraffte, um aus Opolo im Nigerdelta zu flüchten/ nachdem Bummis Papa Moses in die Luft geflogen war, als er illegal Benzin herstellte/ ... wie wollte man sonst überleben in dieser zerstörten Gegend, wo die ungeheuren Bohrtürme der Ölfirmen Tonnen Erdöl aus Tausenden Metern emporsaugen».

Tatsächlich ist jede Biografie wie ein Palimpsest, durch das die Vorfahrinnengeschichten und deren Prägungen, deren gesellschaftliche Bedingungen und Denkmuster schimmern: Dies macht Evaristos Grundgedanken, nicht nur in der Erzählgegenwart die Fäden etlicher Frauenleben zu verknüpfen, faszinierend.

Rasendes Erzähltempo

Wenn «Mädchen, Frau etc.» dennoch literarisch erstaunlich eindimensional und trotz spannender Geschichten fast langweilig gerät, dann, weil der ­Anhäufung maximal vieler biografischer Details und Verknüpfungen über 500 Seiten immer der Vorrang gegeben wird vor dem differenzierten Auserzählen einer Figur oder einer Beziehung. Im rasenden Erzähltempo findet dann etwa oben auf einer Seite LaTishas erste Annäherung an einen Mann statt, nur 20 Zeilen tiefer wird sie schon von den Freundinnen bemitleidet dafür, von diesem «Schwein» verlassen worden zu sein. Evaristo schaut nur von aussen auf seelische Prozesse und Entwicklungen. Ihr leidenschaftliches Credo für schwarze Frauen, die es schaffen, aller erlittenen physischen oder strukturellen Gewalt, Rassismus, patriarchaler Unterdrückung zum Trotz ihr vitales, selbst gewähltes Leben zu finden, ist gestaltet als ein Marathon an Fakten. So bleibt man nach der Lektüre zwar mit diesem beeindruckenden Credo zurück – aber nicht mit einer einzigen literarisch überzeugenden Figur.

Bernardine Evaristo: Mädchen, Frau etc. Aus dem Englischen von Tanja Handels. 507 S., Tropen Verlag.

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