Diversity-Diktatur
Eine Muslimin regiert Deutschland: So sähe die Welt aus, würden alle Wünsche nach Diversität umgesetzt

Jesus wird vom Kreuz genommen, James Bond ist eine lesbische Schwarze mit Handicap, und in jedem Unternehmen müssen fünf Prozent muslimische Frauen arbeiten. Bundeskanzlerin wird nun endlich eine Muslimin. Der Roman «Die Kandidatin» thematisiert die «Totale Diversität».

Raffael Schuppisser
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Die neue Raute: Musliminnen formieren das politische System Deutschlands neu.

Die neue Raute: Musliminnen formieren das politische System Deutschlands neu.

Bild: Getty Images

Es passiert während des Fernsehduells: Das K-Wort rutscht Wolfgang Bauer über die Lippen. «Damit wollen Sie die Probleme der Polizei lösen», enerviert sich der Kanzlerkandidat, «mit dem Tragen eines Kopftuchs?» Totenstille. Bauer zuckt zusammen. Er weiss, jetzt ist er erledigt. Nur Rassisten sagen «Kopftuch». Alle anderen nutzen den korrekten Begriff «Hidschab».

Das «Kopftuch» ist im Jahr 2050, was der «Neger» 1970 und der «Mohrenkopf» 2020 war. Schlimmer noch. Schliesslich achtet man jetzt viel genauer auf einen korrekten Sprachgebrauch, der niemanden diffamiert, man ist sensibilisiert, man ist «woke».

Bauer redet sich vor laufender Kamera um Kopf und Kragen. Er versucht, sich mit einem Bibelzitat zu retten: «Wer frei von Schuld ist, werfe den ersten Stein.» Was die Sache auch nicht besser macht, schliesslich hat das Christentum in Europa den Boden dafür gelegt, dass sich das Patriarchat ausbreiten konnte. Die Zukunft gehört nicht mehr den alten, weissen, christlichen Männern wie Bauer. Es ist die Zeit der jungen muslimischen Frauen angebrochen. Es ist die Sternstunde von Sabah Hussein – die Frau, die Bauer im TV-Duell gegenübersitzt, die Kandidatin mit den grossen Chancen auf das Kanzleramt.

In der Bibel ist nicht mehr von Gott die Rede

In seinem Roman «Die Kandidatin» skizziert Constantin Schreiber die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse im Jahr 2050. Die Mitte ist erodiert, die Rechte erstarkt, und auch die Linke verspürt Aufwind. In Deutschland ist die Ökopartei, kurz ÖP, zur stärksten Kraft geworden, mit Spitzenkandidatin Sabah Hussein.

Das Hauptanliegen der Partei ist allerdings nicht der Umweltschutz, sondern mehr Diversität: mehr Frauen in Führungspositionen, mehr Musliminnen, mehr Schwule, mehr Menschen mit Behinderung, mehr Migrantinnen, mehr Vielfaltsmerkmale. Der neuste Vorschlag der Partei ist das Diversitätsgesetz: So müssen fünf Prozent aller Angestellten homosexuell sein, fünf Prozent «muslimischen Glaubens sein und weiblichen Geschlechts sowie regelmässig, nicht nur gelegentlich einen Hidschab tragen», und im Management dürfen nicht mehr als fünfundzwanzig Prozent Männer sein, die eine weisse Hauptpigmentierung aufweisen.

Darf ein Tagesschau-Sprecher ein solches Buch scheiben?

Es gibt Menschen, die sich fälschlicherweise als homosexuell oder transsexuell ausgeben, um in dieser Gesellschaft bessere Chancen zu haben. In der Bibel wird nicht mehr von «Gott» erzählt, sondern von «Gott/Göttin/göttliches Wesen». Jesus wurde vom Kreuz genommen, weil Gewalt junge Menschen traumatisieren könnte. James Bond ist nun eine schwarze, lesbische Agentin mit Handicap. Und dank eines neuen Gesetzes können Frauen ihre männlich besetzten Namen anpassen: Aus Kaufmann wird Kauffrau.

Constantin Schreiber.

Constantin Schreiber.

HO

Schreibers Buch ist ein Gedankenexperiment, das zeigt, wie die Welt aussehen könnte, wenn alle diskutierten Vorschläge für mehr Diversität, mehr Political Correctness, mehr Wokeness umgesetzt würden. Natürlich überzeichnet er. Doch das ist ein probates Mittel in der Literatur. In Deutschland hat der Roman dennoch zu einer grossen Kontroverse geführt. Dafür verantwortlich ist zum einen der Hauptberuf des Autors. Constantin Schreiber moderiert die Hauptausgabe der «Tagesschau», wo er gemäss seiner Rolle keine Meinung haben darf. «Darf ein ‹Tagesschau›-Sprecher einen politischen Roman schreiben?», fragt das Magazin «Spiegel».

Und dann noch einen solchen? Hätte er den Rechtspopulismus angeprangert, wäre das kein Problem gewesen. Doch wer es wagt, die Political Correctness in Frage zu stellen, sei es auch nur im Modus des Fiktionalen, der kommt in Deutschland nicht ungeschoren davon. Die «Süddeutsche Zeitung» nannte den Roman ein «rechtspopulistisches Pamphlet». Noch deutlicher wird die TAZ:

«Die ‹Kandidatin› ist ein politisches Hasspamphlet, das Angst vor Migranten schürt.»

Man kann vieles am Roman kritisieren. Etwa, dass er sehr simpel gestrickt ist, dass nie so etwas wie Spannung aufkommt, dass die Personen blass bleiben, dass der Autor sprachlich doch arg limitiert ist. Wahrlich, ein grosser Wurf ist das schmale Büchlein nicht. Die «Kandidatin» aber zu zerreissen, weil das dargestellte Zukunftsszenario nicht mit der eigenen politischen Überzeugung einhergeht, ist verfehlt und verkennt die Spielart der (satirischen) Literatur. Anzumerken ist: Schreiber mag kein grosser Literat sein, aber er ist ein profunder Kenner des Islams, er spricht arabisch und hat zwei Sachbücher dazu verfasst. Er kennt die Materie also.

Mehr Michel Houellebecq als George Orwell

Zwar hat Michel Houellebecq in «Unterwerfung» bereits ein ähnliches Szenario in Frankreich beschrieben (ein charismatischer Muslim als letzte Chance, um Marine Le Pen zu verhindern). Dennoch sind solche politischen Dystopien selten. Schreibers Roman ist einem deshalb viel lieber als der x-te Abklatsch von Orwells «1984», der den Überwachungsstaat in die Zukunft transferiert – und dennoch meilenweit hinter Dave Eggers «The Circle» (2013) bleibt.

Apropos Orwell: Der «Tagesspiegel» aus Berlin hat «Die Kandidatin» tatsächlich mit «1984» gleichgesetzt. Und attestiert:

«Wer ihn nicht gelesen hat, kann nicht mitreden.»

Was natürlich übertrieben ist. Auch das «Hamburger Abendblatt» fand wohlwollende Worte. Während die linken Medien den Roman abwatschen, verehren ihn die bürgerlichen. Das zeigt, «Die Kandidatin» ist aktueller, als viele wahrhaben wollen. Im Roman gibt es nämlich keinen differenzierten Journalismus mehr, die Medienlandschaft ist gespalten und von der jeweiligen politischen Agenda geprägt.

Der Clou also: Die (polemische) Reflexion über den Roman, macht diesen ein Stück mehr zu Realität.

Constantin Schreiber: Die Kandidatin. Hoffmann und Campe. 208 S.

Constantin Schreiber: Die Kandidatin. Hoffmann und Campe. 208 S.

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