Kultroman
Dieser Vernon Subutex ist als Comicroman liebenswert und so richtig fertig

Virginie Despentes Kult-Roman «Vernon Subutex» gibt es nun auch als Comic – vom grandiosen «Charlie-Hebdo»-Zeichner Luz.

Hansruedi Kugler
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Auf seiner Odyssee ist Vernon «wie ein Schwarzfahrer in seinem Körper. Ein Illegaler».

Auf seiner Odyssee ist Vernon «wie ein Schwarzfahrer in seinem Körper. Ein Illegaler».

Bild: Reprodukt

Wie vermeidet man als Comiczeichner das verflixte Problem mit der Verniedlichung? Wird ein schriller, düsterer Protagonist zur Comicfigur, taugt er oft nicht mehr als Held oder Antiheld. Weil er allzu oft auf blosses Taschenbuchformat schrumpft. Aber er gewinnt – wie in diesem Fall und im Grossformat – in der Zerrüttung viel Liebenswürdiges. Man möchte den abgestürzten Kerl am liebsten schützend in den Arm nehmen, auch wenn er immer wieder ramponiert wie ein Clochard auf seiner Odyssee durch Paris daherschlurft.

Luz/Despentes: Vernon Subutex. Aus dem Französischen von Claudia Steinitz und Lilian Pithan. Teil 1. Reprodukt, 290 S

Luz/Despentes: Vernon Subutex. Aus dem Französischen von Claudia Steinitz und Lilian Pithan. Teil 1. Reprodukt, 290 S

Denn Vernon Subutex ist nicht nur ein melancholischer Taugenichts. Er hat das unbekümmerte Rock-’n’-Roll-Leben schlecht verdaut und ist ein Opfer der Digitalisierung: Nach 25Jahren ist sein Plattenladen am Ende. Dass er alles über Pink Floyd, Janis Joplin und die Ramones wusste, bringt keinen Cent mehr ein. Noch schlimmer: ohne Laden keine Anmache, kein Sex. Nun stinkt er, auf der Strasse pennend. Zum Glück riecht dieser Comicroman nicht!

Luz gibt der Verniedlichung ruppig Gegensteuer

Der französische Kultroman hat auch hierzulande eine grosse Fangemeinde. Mehrere Theater haben den Stoff auf die Bühne gebracht, auch das Zürcher Neumarkttheater. Seit 2019 gibt es eine TV-Serie. Gegenüber Letzterer hat der nun auf Deutsch erschienene Comicroman einen entscheidenden Vorteil: In der TV-Serie sehen die Figuren viel zu hübsch und gesund aus. Da musste einfach mehr Dreck rein. Virginie Despentes, mit ihren früheren Romanen wie «Baise-moi» einst als Skandalschachtel gefürchtet, seit «Vernon Subutex» vom Feuilleton als geniale Gesellschaftsdiagnostikerin gefeiert, hat nun für die Comic-Adaption den perfekten Zeichner gefunden.

Der «Charlie-Hebdo»-Zeichner Luz versteht das Problem der Verniedlichung und gibt ruppig Gegensteuer. Die smarte Schmalzlocke des jungen Vernon hängt dem nun ausgemergelten Typen struppig über die Augen. Wie ein klappriges, graugesichtiges Gespenst sieht er aus. Und gespenstisch ist ja auch seine Odyssee durch das drogensatte, hysterische und kaputte Paris, in welchem er alte Bekannte trifft: übergeschnappte Musiker, Ex-Pornostars, weinerliche Wutbürger, Transsexuelle, enttäuschte Autoren, Börsenspekulanten, Nazis, Internet-Hetzer – es ist ein knalliges Panorama der Nullerjahre. Ein paar Gags baut Luz auch noch ein. Einmal läuft ihm gar Michel Houellebecq durchs Bild. Luz stellt die Figuren in eine Grossstadt, die er als traumatischen Dschungel zeichnet. Seinen eigenen Nachnamen hat Vernon logischerweise vom Medikament zur Behandlung von Opiumabhängigkeit: Subutex.

Ein rührend-bizarrer Abgesang auf Rock’n’Roll

Genial an «Vernon Subutex» ist ja, dass sich der Roman am literarischen Genre des expressionistischen Stationendramas der 1920er- und 1930er-Jahre mit seiner bissig-zynischen Gesellschaftskritik orientiert, das wiederum dramaturgisch nach dem Dreiklang der homerischen «Odyssee» gebaut ist: Schicksalsschlag, Irrfahrt, Heimkehr. Ein idealer Steilpass für die Übertreibungs- und Verzerrungskunst des Comics. Ein Buch also mit vielen klassischen Topoi und einem Ton, der den Zynismus einer neoliberalen Gegenwart genauso trifft wie die rührende Verlorenheit einer enttäuschten Generation. Deren Lebensgefühl ist hier sprachlich im rotzigen Pathos eingefangen: «Der beschissene Lärm der Wirklichkeit», sagt sich die junge Islamistin, Tochter einer ermordeten Pornodarstellerin. Oder: «Vernon ist wie erloschen. Er ist Schwarzfahrer im eigenen Körper, ein Illegaler.»

Paris - ein Albtraum.

Paris - ein Albtraum.

Bild: Reprodukt

Den Irrlauf des verlorenen Sohnes in den Pariser Subkulturen, die bevölkert sind mit Überlebenskünstlern, zeichnet Luz mal psychedelisch wie einen schlechten Drogentrip, dann im krassen Sozialrealismus mit Mietwucher, Obdachlosigkeit und prügelnden Neonazis. Diese kriegen einen der cool-vulgären Gossen-Sprüche zu hören: «Hau ab und geh Popel fressen mit der lieben Le Pen.»

Der rote Faden dieser grandiosen Odyssee ist das Vermächtnis des verstorbenen Rockstars Alex Bleach. Die Suche nach ihr endet mit einer rührenden Heimkehr und einer wuchtigen Enttäuschung. Vernon wird von den alten Kumpel aus der Gosse gerettet. Bleachs Beichte jedoch ist ein Abgesang auf den Rock’n’Roll, der nur noch nach den kapitalistischen Marketinggesetzen Slogan, Sponsoring und Vergnügen folge – und bloss noch Konsum sei: «Wir haben nen’ Krieg geführt gegen alles Halbgare. Haben uns das Leben erfunden, das wir wollten, und kein Spielverderber hat uns vorhergesagt, dass wir irgendwann aufgeben.»

Weil Luz den Roman mit genialen Rückblenden und Traumbildern adaptiert und die Seelenlage der Figuren mit satter monochromer Farbgebung grundiert, versteht man, warum Virginie Despentes sagt: «Ce mec est un putain de génie», ein verdammtes Genie. Eigentlich fehlt nur die CD zum Buch. Aber das wäre eine Verhöhnung unseres treuherzigen Antihelden.

Luz/Despentes: Vernon Subutex. Aus dem Französischen von Claudia Steinitz und Lilian Pithan. Teil 1. Reprodukt, 290 S.