Interview

Dienstantritt am 18. Oktober: Die Zürcher «Tatort»-Kommissarinnen Carol Schuler und Anna Pieri Zürcher im Bewerbungsgespräch

Sorgen in Zürich bald für Recht und Ordnung: Carol Schuler als Tessa Ott und Anna Pieri Zürcher als Isabelle Grandjean.

Sorgen in Zürich bald für Recht und Ordnung: Carol Schuler als Tessa Ott und Anna Pieri Zürcher als Isabelle Grandjean.

Sie treten in die Fussstapfen von Stefan Gubser und Delia Mayer. Und ticken komplett anders. Die Zürcher «Tatort»-Kommissarinnen Carol Schuler und Anna Pieri Zürcher über spontan gesungene Mani-Matter-Songs und ihren Umgang mit der neuen Popularität.

«Alles meins», ruft Carol Schuler (33) mit gespieltem Pathos von einem Balkon des Zürcher Hotelturms Marriott und zeigt auf die beeindruckende Stadtkulisse. Anna Pieri Zürcher (41) stolpert derweil über den Vorhang der angemieteten Suite. Besoffen sei man nicht, nur müde vom Interviewmarathon, versichert man uns. Die Schauspielerinnen, bei denen auch privat die Chemie zu stimmen scheint, stellen ab dem 18. Oktober das neue Zürcher «Tatort»-Ermittlungsteam.

Frau Pieri Zürcher, Ihre Muttersprache ist Französisch. Lief am Set zwischen Ihnen und Frau Schuler alles rund?

Pieri Zürcher: Ich mache auf Deutsch noch viele Fehler. Zum Beispiel dachte ich immer, man sage: «Ich bin verpisst». Carol hat mich erst Wochen später aufgeklärt, dass das «angepisst» heisst.

Schuler: Ach, ich fand das irgendwie süss von dir. Dafür habe ich Anna immer zum Lachen gebracht, weil ich diesen von allen Deutschschweizern verwendeten, aber völlig altmodischen Ausruf «Zut alors!» («Verflixt!») am Set benutzte. Dachte, das heisse «Sei ruhig jetzt!». Das wurde unser Running Gag.

Sie treten am 18. Oktober mit der Ausstrahlung der Folge «Züri brännt» in die Fussstapfen von Stefan Gubser und Delia Mayer. Was für einen Ermittlungsstil haben Ihre Ermittlerinnen?

Pieri Zürcher: Isabelle Grandjean ist ein Profi, perfektionistisch und charmant. Die glaubt nur an Fakten. Und sie ist ehrgeizig! Hat Karriere am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag gemacht.

Schuler: Tessa Ott ist eher der intuitive, nicht so geradlinige Typ. Nach Feierabend trinkt sie gern mal einen Schnaps. Sie kommt aus einer reichen Zürcher Familie mit besten Beziehungen, dank derer sie jetzt auch bei der Polizei ist.

Haben Sie Ihre Charaktere mitgestalten dürfen? Der leidenschaftliche Segler Stefan Gubser durfte schliesslich auch sein Segelboot nach Luzern bringen.

Schuler: Wir haben eng mit den Drehbuchautoren zusammengearbeitet. Die haben eine tolle und detaillierte Figurenbibel vorgelegt. Wir hoffen, in Zukunft noch mehr von unseren persönlichen Interessen einzubringen.

Pieri Zürcher: Ich habe das SRF vergeblich gefragt, ob ich auch so einen coolen Ami-Oldtimerschlitten fahren darf wie Kommissar Freddy Schenk aus Köln. Wäre aber auch nicht sehr ökologisch gewesen.

Apropos ökologisch: Die «Tatort»-Folge «Züri brännt» wurde vom SRF erstmals möglichst nachhaltig produziert. Haben Sie das am Set bemerkt?

Schuler: Wir haben hauptsächlich vegetarisch gegessen und wiederverwendbares Besteck und die immer gleichen Kaffeetassen benutzt. Man gewöhnt sich schnell daran. Ich habe in den letzten Jahren schon an mehreren solcher Filmsets gearbeitet.

Haben Sie Kindheitserinnerungen an gemeinsam verbrachte «Tatort»-Familienabende?

Schuler: Ich komme überhaupt nicht aus so einer «Tatort»-Gucker-Familie. Aber ich habe mal in Berlin, wo ich immer noch lebe, in einer grossen WG gewohnt. Dort sass man tatsächlich jeden Sonntag ganz klassisch vor dem Fernseher und hat «Tatort» geschaut. In Berlin sind «Tatort»-Kneipen, wo man sich zum Krimischauen trifft, nach wie vor sehr beliebt.

Pieri Zürcher: Mein Vater hat sich, wie es sich für einen rechten Berner gehört, sonntags immer Krimis angeschaut. Auch meine Schwester, die in München lebt, ist ein riesiger «Tatort»-Fan. Sie bewegt sich in einem jungen Künstlermilieu und meint trotzdem: Montags reden immer alle über diesen «Tatort».

Eine Aufmerksamkeit, die belastend sein kann. Werden Sie lesen, was über Sie geschrieben wird?

Pieri Zürcher: Als Künstlerin erlebt man ja immer wieder, dass man mit seiner Arbeit polarisiert. Mit dem «Tatort» verhält es sich aber nochmals anders: Hier identifizieren sich die Leute regelrecht mit deiner Arbeit. Ich werde versuchen, konstruktive Kritik anzunehmen.

Schuler: Man braucht schon ein dickes Fell. Ich hoffe, es wächst mir noch bis zur Ausstrahlung der ersten Folge.

Carol Schuler, Sie haben mehrmals betont, der «Tatort» sei nicht gerade Ihre «Traumrolle». Nun wagt die erste Folge «Züri brännt» mit den Zürcher Jugendunruhen der 1980er-Jahre als Thema einen thematisch unkonventionellen Einstieg. Hat Ihnen das geholfen, sich mit dem Format zu identifizieren?

Schuler: Mich hat sehr gefreut, dass man Zürich nicht nur mit Banken in Verbindung bringt, sondern mal eine wildere Seite von dieser Stadt zeigt.

Pieri Zürcher: Ich hatte aus Westschweizer Perspektive gar nicht so viele Zürichklischees im Kopf. Ich halte Zürich für eine coole Stadt. Ich mag die Badestellen im Sommer, die Cafés. Und ich finde toll, dass es noch viele alternative Orte gibt in Zürich. Fast ein bisschen wie in Berlin!

Schuler (schaut irritiert): Nee. Zürich ist schon noch ein bisschen schicker und teurer. Ich komme ja ursprünglich aus Winterthur, der alternativen kleinen Schwester dieser Stadt.

Richtig erfrischend fand ich den Vortrag eines Mani-Matter-Songs von Carol Schuler. Können Sie mit dem Berner Liedermacher auch privat was anfangen?

Schuler: Für mich ist er der grösste Liedermacher der Schweiz! Sein «I han es Zündhölzli azündt» zu singen, war ein spontaner Einfall von mir, der nicht im Drehbuch stand. Ich sagte zur Regisseurin Viviane Andereggen: Gib mir fünf Minuten, dann hab ich’s auswendig. Ich freue mich deshalb umso mehr, dass es die Szene in den Film geschafft hat. Ein schönes Statement, auch an unsere deutschen Fernsehzuschauer. Der Song wird ja nicht synchronisiert.

Frau Pieri Zuercher, Sie sind ausgebildete Pianistin. Werden wir Sie auch mal am Flügel erleben?

Pieri Zürcher: Ich werde im zweiten Fall auf jeden Fall singen! Und natürlich spekulieren wir darauf, dass es irgendwann mal zu einem Duett kommt: ich am Klavier, und Carol singt.

Welchen Mord würden Sie am liebsten mal aufklären?

Schuler: Meinen eigenen. Ich käme als Geist zurück und würde die Ermittlungen aufnehmen. Ich fand die «Tatort»-Folge «Murot und das Murmeltier», in dem Ulrich Tukur zum Tatort geschickt, dort umgebracht wird und dann wieder von Neuem ermittelt, einfach nur grossartig. Eine gelungene Hommage an die Filmkomödie «Und täglich grüsst das Murmeltier». Ich liebe solche Experimente!

Jenseits aller «Tatort»-Konventionen: Von was träumen Sie noch alles?

Schuler: Ich mag es, wenn man zwischen den Genres herumspringt. Warum nicht mal ein Musical-«Tatort», in dem 90 Minuten durchgesungen wird oder ein Stummfilm? Ich wäre dabei!

Pieri Zürcher: Ich hätte Lust auf schwarzen Humor. Die «Tatort»-Melodie von Klaus Doldinger müsste aber auf jeden Fall bleiben, die ist grossartig!

Also werden Sie künftig jedes Schlupfloch für Experimente nutzen?

Pieri Zürcher: Wir haben schon damit angefangen (lacht).

Schuler: Ja, lass uns die Tür langsam aufdrücken!

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Autor

Julia Stephan

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