«Die Wut, die bleibt»
Neuer Roman zeigt eindrücklich, wie eine Frau nicht am Muttersein scheitert, sondern am Patriarchat

Die Salzburgerin Mareike Fallwickl hat einen bemerkenswerten Roman geschrieben. Er beginnt mit einem Sprung vom Balkon.

Bernadette Conrad
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Mareike Fallwickls Roman denkt die Wut zu Ende.

Mareike Fallwickls Roman denkt die Wut zu Ende.

Bild: Gyöngyi Tasi

Helene, 40, Mutter einer Teenagertochter und zweier Kleinkinder, war beim Abendessen aufgestanden, nachdem ihr Mann Johannes nach dem Salz gefragt hatte, war auf den Balkon hinausgetreten und einen Schritt zu weit gegangen.

Mehr noch als für Johannes gerät für Sarah, die mit Helene ihre lebenslange innige Freundin verloren hat, alles aus dem Lot. «Sie sehen die Trauer, die sich zu ihnen gesellt hat, und ignorieren sie im gemeinsamen Einverständnis, sie trinken um die Trauer herum, an ihr entlang, über sie hinweg und vor allem: ihretwegen. Bei dem einen Schluck bleibt es nicht, auch nicht bei zwei, sie leeren sich den Whiskey mit System und mit Absicht in den Mund, in diesen neuen, beängstigenden Abgrund in ihrem Inneren, was sollen sie auch sonst tun, was?»

Mareike Fallwickl lotet in ihrem eindrucksvollen Roman «Die Wut, die bleibt» die Trauer von Sarah ebenso gründlich aus wie die von Maxi, dem Fünfjährigen, der «du bist eine Kackmama» zu Helene gesagt hatte, als er nicht die Süssigkeit bekam, die er wollte, vor jenem Abendbrot, bei dem ihrer aller Leben seinen unheilbaren Sprung bekam. Ganz zentral ist da die Trauer der 15-jährigen Lola, – und gleich darunter die Wut, die als harte Nuss unter den Rippen sitzt und schmerzt: Wie konnte sie nur! Wie konnte ihre Mutter sie alle so beschädigen.

Wieso hat sich der Vater nie um sie gekümmert?

Die beiden einander abwechselnden Perspektiven von Sarah und Lola, die durch das Buch führen, sind klug gewählt. Denn Sarah, gleichaltrig, kinderlos, hatte das Lebensmodell Kleinfamilie für sich selbst eher abgewehrt – durchaus mit Blick auf die Situation ihrer Freundin Helene als überforderte Alleinerziehende, die später mit Johannes noch zwei Söhne bekommen würde. Jetzt aber springt Sarah in die enorme Versorgungslücke, die Helene neben allem anderen ja auch hinterlassen hat, ein – und erkennt im Angesicht der endlosen Bedürftigkeit dreier Kinder in unterschiedlichen Lebensphasen Helenes humorige Schilderungen des Überforderungswahnsinns als «Abspalten von sich», als Versuch, zu verfremden, zu verharmlosen, und letztlich als Tabu.

Mareike Fallwickl: Die Wut, die bleibt. 376 S., Rowohlt.

Mareike Fallwickl:
Die Wut, die bleibt.
376 S., Rowohlt.

Bild: zvg

Wie einsam der Job der Mutter und Hausfrau ist, in welchem Masse die Pandemie diese dramatische unerzählbare Einsamkeit so gesteigert hat, dass Helene keinen Ausweg mehr wusste, – das erschliesst sich ihr ebenso unabweisbar, wie Lola das nun mit Gewalt einschiessende Bewusstsein einer für Männer eingerichteten Welt. Wieso hat sich ihr eigener Vater nie um sie gekümmert? Wieso geht Johannes, Vater ihrer kleinen Halbbrüder, weiter morgens um sechs zur Arbeit und findet es selbstverständlich, dass Sarah ihre Arbeit als Schriftstellerin zurückstellt und seine Kinder versorgt? Stark werden, heisst das Motto, der Wutspur folgen.

Das Buch geht fast unmerklich aus dem Trauerthema hinüber zum Thema Patriarchat. «Meine Mutter hat sich umgebracht», sagt sie den neuen Freundinnen, «und ich glaube, sie ist nicht am Muttersein gescheitert. Sondern am System.» «31 Frauen wurden letztes Jahr in Österreich ermordet», sagt ihre Freundin, «und jeder Femizid wurde Beziehungsdrama genannt.»

Kann die weibliche Konditionierung, auszuhalten und zu funktionieren, überhaupt anders verändert werden als mit entschlossener Gegenwehr? Fallwickls kluges und fein geschriebenes Buch ergründet auf hoch spannende Weise die vielen leisen und lauteren Konsequenzen einer für Männer eingerichteten Welt. Es konfrontiert die Leserin ebenso hart, wie die erbarmungslos argumentierende Jung-Feministin Lola Sarah konfrontiert, wenn sie sie eine «Bremserin» nennt.

Der Roman rüttelt auf, indem er Wut nicht relativiert, sondern zu Ende denkt: Wie könnte es aussehen, wenn eine nicht auf dem Balkon einen Schritt zu weit geht, sondern in der Rache an vom System geschützten Tätern? Über diesen Text muss – und wird – viel diskutiert werden.