Die Protokolle der Gardi Hutter
Sie ist eine Vorkämpferin für den Feminismus, jetzt zeigt Gardi Hutter ihre Wunden

Gardi Hutter gilt als international populärste Bühnenkünstlerin der Schweiz. Nun legt sie ihre Biografie vor, und diese ist ein starkes Stück. Der Rapport einer Frau auf dem Weg zur Selbstanerkennung.

Daniele Muscionico
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Unverkennbar: Gardi Hutter, die Frau, die anders sein will, als uns Modezeitschriften empfehlen. Als «Hanna» ist sie ein Role Model, das es so noch nicht geben hat.
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Sonntagsspaziergang mit Bruder Gilbert und Familienhund Rexli am Bodensee in den 1960-er Jahren. Die Mutter Irma Hutter uniformiert ihre Kinder, wie es sich gehört. Sie ist Schneiderin und betreibt im St. Galler Rheintal ein Modegeschäft.
Später, in der Stadt St. Gallen ändert die junge Frau ihr Aussehen und sucht ihren eigenen Standpunkt. Sie setzt sich auf das Dach ihrer ersten eigenen WG-Zimmers. Wie weiter, wohin jetzt?
Eine Station auf dem Weg, die Schauspielakademie in Zürich. Als junge Darstellerin tritt sie in der damalige «Telearena» auf.
Gardi zieht weiter, Ende 1878 nach Mailand zu Ferruccio Cainero. Mit ihm und den «Maestros comicos» Mario Gonzales und Nani Colombaioni (bekannt durch die Zusammenarbeit mit Federico Fellini) entwickelt sie ihren eigenen Clown-Stil. 1985 wird Cainero ihr Ehemann, 1992 erfolgt die Trennung. Gardi Hutter ist inzwischen Mutter zweier Kinder.
1980, die Suche nach dem Eigenen geht weiter. Hier mit Maskentheater der anderen Art, «I Cavalieri» nach Aristophanes in Mailand. Das Stück ist erfolgreich, und sie tourt in der Rolle einer schwangeren Sklavin durch ganz Italien. Ein Jahr später reist sie bereits mit ihrer ersten eigenen Produktionen, ihr Durchbruch ist «Giovanna d' ArPpo» und die Figur der Wäscherin Hanna.
«Was, zwanzig Jahre Frauen im Parlament? Wir putzen hier seit 700 Jahren!» 8. August 1991, Frauensession zu «20 Jahre Frauenstimmrecht» im Nationalratssaal. Gardi Hutter ruft zum grossen Kehr aus. Bis heute hat sie in rund 4000 Vorstellungen auf fünf Kontinenten gespielt. Und die Putz-Arbeit geht weiter.

Unverkennbar: Gardi Hutter, die Frau, die anders sein will, als uns Modezeitschriften empfehlen. Als «Hanna» ist sie ein Role Model, das es so noch nicht geben hat.

Imago Archiv

Schon wieder eine Schauspielerbiografie? Keine Sorge, dieses aufklärerische Stück ist weit entfernt von dem, was man in dieser Sparte erwartet. Gardi Hutter, die international erfolgreiche Künstlerin, die in der Schweiz vor 45 Jahren als Erste, mit der Clownfigur Hanna, auf der Bühne weibliche Schönheitsideale und Verhaltensnormen sprengte, widersetzt sich auch in Buchform.

Denn was sie hier mitteilt, der Autorin und Historikerin Denise Schmid anvertraut hat, erfüllt kein Bedürfnis nach Voyeurismus, nach Sexy Hexy oder Gesellschaftsglamour. La Hutter mutet sich ihrem Lesepublikum ungeschminkt zu und scheut intime Bekenntnissen nur dann nicht, wenn sie zum Verständnis ihrer (damaligen) Lage beitragen.

Eine Familienstory, eine Lektion Schweizer Geschichte

«Trotz allem» heisst ihr neustes Stück auf Papier. Es ist über 400 Seiten dick, mit vielen privaten Bildern versetzt, und auch ein von ihr verfasstes «Werkbuch» zur Entwicklung des Programms «Die Schneiderin» liegt bei. Viel ist das alles, detailliert und summarisch der Rückblick, der auch ein Überblick ist. Er eröffnet Materialien, welche die Theatergeschichte der Schweiz erhellen und Lücken füllen.

Das Buch schildert Gardis Suche nach ihrer eigenen Bühnenform und ihrem künstlerischen Ausdruck in Paris, Rom und in Mailand. Man trifft lesend aber auch auf ihre grosse Liebe, den Vater ihrer Kinder; der Beziehung mit ihm bekam Hutters Erfolg allerdings schlecht. Und ihr Erfolg ist enorm, nach über 40 Jahren internationaler Arbeit und Tourneetätigkeit ist sie heute auf anderen Kontinenten womöglich sogar bekannter als in Europa und der Schweiz.

«Hanna »räumt auf im Parlament

«Trotz allem» versammelt in persönlichen Schilderungen kritisch blinde Flecken der internationalen Entwicklung des Theaters von den Siebzigerjahren bis heute. Im Dunkeln liegt beispielsweise die Rolle von Kunst und Theater für die Schweizer Frauen­befrei­ungs­bewegung. Hutter widmet ihr einen Exkurs, denn ihre geschlechtsatypische «Hanna» nimmt in virulenten Frauen­fragen der siebziger und achtziger Jahre eine zentrale Rolle ein. Schliesslich war sie es, die anlässlich der 700-Jahre-Feier 1991 als «Hofnärrin» das Schweizer Parlament quasi auskehrte, Socken aufhängte und das Regiment führte. Eine Glanznummer, unvergessen. Ein historischer Moment.

Doch der Lebensbericht geht über die Thematik von Kunst und Theater in seinen politischen und gesellschaftlichen Zusammenhängen hinaus. Denn Hutter ist nicht nur Künstlerin und Self­madewoman, Unternehmerin und zweifache, teils allein­erziehende Mutter, die ihre Kinder stets mit auf Tournee nahm.

Sie ist auch Forscherin des eigenen Werdegangs und arbeitet sich zu diesem Zweck an ihrer Herkunft ab. Und hier besitzt das Buch Sprengkraft. Es sichtet Sedimente, die der Sozialgeschichte der Schweiz zuzuordnen sind. In den privaten Kapiteln rührt der Lebensbericht auch an christlichen Geboten: Du sollst Vater und Mutter ehren. Nicht, dass in der Rückschau der Tochter von Schuldzuweisungen an sie die Rede wäre. Dafür ist die Erzählerin zu wissend. Doch sie musste ihre Eltern wohl erst verstehen lernen, um sie heute ehren zu können. Die Abfassung dieser Biografie scheint Teil des Prozesses gewesen zu sein.

Denise Schmid: Trotz allem - Gardi Hutter456 SeitenVerlag Hier und Jetzt.

Denise Schmid:
Trotz allem - Gardi Hutter
456 Seiten
Verlag Hier und Jetzt.

Aufbruch in neue Frauen-Rollen

Die Eltern sind beide Schneider, Menschen, die ihr bäuerliches Milieu verlassen und den sozialen Aufstieg schaffen; der Ort ihrer Herkunft ist Altstätten im St. Galler Rheintal. Klein Hanna wächst mit drei Brüdern in einem Umfeld auf, in dem Mode, Haltung und Manieren, Anpassung und Zugehörigkeit zentrale Prinzipien sind. Sie sind die elterlichen Strategien, um in der Gesellschaft Anerkennung zu finden. Die Tochter wird später von solchen Konzessionen wenig bis gar nichts wissen.

Dass die Mutter, im Bemühen, alles richtig zu machen, die erste Jeans der rebellischen Gardi verbrennt? Es ist nicht anders möglich. Dass ihr Kind von katholischen Nonnen in einem Internat auf die richtige Bahn gebracht werden soll, geschliffen zur ergebenen Ehefrau und selbstlosen Mutter? Auch das ist folgerichtig. Dass Hutter später als junge Frau in St. Gallen mit Drogen flirtet und kurze Zeit auch mit der marxistischen Szene? Auf Druck folgt, logisch, Gegendruck.

Gardi Hutter schildert private Wunden und gesell­schaft­liche Widersprüche, Denise Schmid geht darauf ein und verzichtet auf eine Wertung.

Protokoll einer Emanzipation

Mit psychologischem Feingefühl, doch ohne Schonung beschreibt die Künstlerin in «Trotz allem» ihre biografische und geografische Herkunft als Nährboden - und als Laufgitter- ihrer Karriere. In diesem Sinn ist das Werk keine Schauspielerbiografie, sondern etwas viel Fundamentaleres: Es ist beste Befreiungsliteratur und das Protokoll einer Emanzipation.

Hutter stellt ihr Leben als Fallbeispiel einer Biografie zur Verfügung, die auf Frauen zutrifft, die in den 50er-Jahren in einer ländlich und katholisch geprägten Schweiz ihren eigenen Weg suchten. Dass dieses Irren und Wirren einigen von ihnen besser glückte als vielen anderen, hat ohne Frage auch mit der Vorbildfigur «Hanna» zu tun.

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