Argovia Philharmonic
Die Livestream-Premiere für das Orchester: Das Geisterkonzert im Wohnzimmer

Das Aargauer Orchester feierte am Sonntag mit seinem 3. Abonnements-Konzert eine Livestream-Premiere.

Elisabeth Feller
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Streaming-Konzert von Argovia Philharmonic im Gemeindesaal Buchs.

Streaming-Konzert von Argovia Philharmonic im Gemeindesaal Buchs.

Wolfgang Drechsler

Heute Abend gehe ich ins Konzert. Ein Blick in die eisige Winterlandschaft zeigt: für den Weg muss ich mir Zeit nehmen. Aber nein, das stimmt ja gar nicht. Ich muss mich nur zum Laptop bewegen, um am Sonntag beim erstmaligen Livestream des Argovia Philharmonic dabei zu sein. Wird alles klappen? Eine leise Anspannung ist da, deshalb logge ich mich schon früh ein; höre zunächst nur das Stimmen der Instrumente, bis nach einigen Minuten das Orchester sichtbar wird. Die Kamera filmt die weit auseinander sitzenden Musikerinnen und Musiker, die alle eine schwarze Maske tragen, vom Balkon – und verdeutlicht damit, was das zu Hause vor dem Computer sitzende Publikum wohl denkt: «Unser Orchester ist zurück.»

Nach der Einstimmung im Gemeindesaal Buchs zu einem andern Schauplatz – und damit zu Jürg Schärer, dem Präsidenten des Argovia-Philharmonic-Vorstands. Das Kaminfeuer im Wohnzimmer wärmt einen; Schärers Worte tun’s auch. Am 6. September letzten Jahres habe letztmals ein Konzert stattgefunden; «danach war Funkstille. Aber nun haben wir uns zu einem Livestream entschlossen, weil das Orchester wieder spielen soll; der Chefdirigent Rune Bergmann mit ihm proben will und weil wir bei unserem Publikum wieder präsent sein wollen.» Nach Schärer nimmt Rune Bergmann auf dem Sofa Platz. «Wir brauchen die Musik, um zu heilen», sagt er und zum Programm mit Mozarts Sinfonie Nr. 29 A-Dur und dessen Konzert für Flöte, Harfe und Orchester C-Dur sowie Dmitri Schostakowitschs Sinfonie Nr. 9 Es-Dur: «Mozarts Musik versetzt uns in eine bessere Stimmung und jene von Schostakowitsch ist sehr ironisch.» Zurück in den Gemeindesaal, in dem das Argovia Philharmonic seit jeher probt. Rune Bergmann tritt auf, nickt dem Orchester lächelnd zu und los geht’s.

Das Argovia Philharmonic ist vorerst noch eine Spur zurückhaltend, aber dann löst sich die Anspannung im Allegro con spirito, das leichtfüssig und spritzig daherkommt. Alle haben sich gefunden; auch das Kamerateam, das Totalen bietet, Musikerinnen und Musiker aber auch herbeizoomt. So bekommt man nun zu Gesicht, was man ansonsten im Konzert nie wird sehen können: eine prächtig verzierte Violine. Nach der Sinfonie ein Lieblingsstück des Dirigenten, Mozarts Konzert für Flöte, Harfe und Orchester – hier mit der Harfenistin Anaïs Gaudemard und der ansonsten als Soloflötistin im Orchester wirkenden Miriam Terragni als Part­nerin. Sie wird später im Pausengespräch mit Michael Schraner sagen, wie glücklich sie ist, dieses Konzert zu spielen: «Die ursprünglich vorgesehene Flötistin sagte ab, also wurde ich angefragt; musste das Konzert aber innert vier Wochen auswendig lernen.» Wie es denn sei, nicht im Orchester zu sitzen, sondern vor diesem zu stehen? «Toll, weil mich meine Kolleginnen und Kollegen so wunderbar unterstützen.»

«Wir alle haben uns ewig lang nicht gesehen»

Das ist Freude pur, denkt man, wenn man Anaïs Gaudemard und Miriam Terragni zuhört und zusieht. Ein Duo, das sich seit langem zu kennen scheint, dabei haben sich die beiden für diesen Livestream erstmals getroffen. Schlichtweg begeisternd ist, wie sehr die beiden aufeinander hören, jede auch noch so kleine Verzögerung oder Verzierung des andern aufnehmen und sich so ein auch klanglich fein schattiertes Gespräch zwischen ihnen, dem Orchester und dem Dirigenten entspinnt. Am Ende gibt’s Applaus – gespendet von Kolleginnen und Kollegen, in deren Beifall sich auch der imaginäre des Publikums mischt. Zugabe? Klar; Jacques Iberts Entr’Acte.

Ihn hat das Publikum stets im Blick; den ersten Konzertmeister. Ulrich Poschner weiss um seine exponierte Position und den damit verbundenen «sehr starken Kontakt zum Dirigenten». Auch Poschner ist die Freude über das Konzert anzusehen. «Wir alle haben uns ewig lang nicht gesehen. Es braucht dann etwas Zeit, bis man sich wiederfindet.» Bloss, dieser Mundschutz: «Man sieht nur die Augen, dabei leben wir Orchestermusiker doch von Emotionen; nun sehen wir uns nicht einmal.» Schwierig ist’s, aber das spielt jetzt keine Rolle, denn: «Das Schönste ist, dass wir wieder spielen.» Nämlich Schostakowitschs Sinfonie Nr. 9.

1945, nach dem Sieg über das deutsche Reich, erwartete Stalin eine triumphale Musik. Doch Schostakowitsch schrieb ein später als «Symphonie classique mit Widerhaken» bezeichnetes Werk, das von Übermut, Witz und beissender Schärfe lebt. Die Kritiken waren fürchterlich; 1948 landete die Sinfonie auf der Liste der Stücke mit Aufführungsverbot.

Traurig, denkt man und vergegenwärtigt sich kurz das mühselige Leben des Komponisten: «Ich weiss nicht, wie ich es anstellen soll, keine Angst zu haben.» Hinweg mit düsteren Gedanken. Schostakowitschs Neunte verblüfft mit einem Drive, der bisweilen an Spieluhren-Mechanik erinnert; sie überrascht mit attraktiven Soli (Violine und Klarinette) und sie berührt mit einem geradezu menschlichen Klagegesang des Fagotts. Das Argovia Philharmonic unter Rune Bergmann spielt all dies – reaktionsschnell und flexibel, vor allem aber mit einem gemeinsamen Atem. Kurzum: Unser Orchester ist zurück.