Noëmi Lerch, die literarische Alphirtin aus dem Aargau

Die 1987 in Baden geborene Schriftstellerin lebt im Tessiner Dorf Aquila. Für ihr drittes Buch hat sie einen eidgenössischen Literaturpreis erhalten.

Hansruedi Kugler
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Kurzer Heimatbesuch: Schriftstellerin Noëmi Lerch vor dem Bahnhof in Baden.

Kurzer Heimatbesuch: Schriftstellerin Noëmi Lerch vor dem Bahnhof in Baden.

Bild: Sandra Ardizzone

Es ist ein aussergewöhnlich schönes Buch, für das Noëmi Lerch diesen mit 25000 Franken dotierten Literaturpreis erhält. Ihr konzentrierter, verknappter Text und die ganzseitigen, zarten und betörenden Zeichnungen von Alexandra Kaufmann und Hanin Lerch ergänzen sich zu einem magischen Realismus. Es ist ein fragmentarischer Roman, der wie die beiden Vorgänger in den Bergen spielt. Wieder auf einer Alp, einer Umgebung, in der sich die 1987 in Baden geborene Schriftstellerin sehr gut auskennt. Sie lebt mit Mann und dem viermonatigen Buben auf dem eigenen Bauernhof mit 23 Kühen im Tessiner Dorf Aquila unterhalb des Lukmanierpasses und verbringt seit Jahren den Sommer als Hirtin auf der Greina-Ebene.

Starke Frauen, verstummende Männer

In ihren ersten beiden Romanen «Die Pürin» und «Grit» hatte sie jeweils eine starke, eigenständige und etwas schroffe Frauenfigur ins Zentrum gestellt, die Bäuerinnen sind, Motorrad fahren und als Fotografinnen oder Tierärztinnen arbeiten. «Das Schroffe dieser tollen Frauen rührt daher, dass sie sich gegen Widerstände durchsetzen müssen und so ein wenig hart werden», sagt Noëmi Lerch. Im neuen Buch skizziert sie ein Männertrio, das zusammen einen Alpsommer verbringt. Man erlebt eine fragile, allmählich verstummende und zerbrechende Zweckgemeinschaft. «Deshalb ist mein Text auch so verknappt. Wenn alles um einen herum auseinander fällt, droht auch die Sprache zu zerbröckeln», sagt die Autorin. Deshalb reden Zoppo, Lombardo und der Zusenn nur noch in Halbsätzen zueinander oder in sich hinein. In «Willkommen im Tal der Tränen» spiegelt die literarische Form so auf wunderbare Weise das Erzählte und weitet dank der poetischen Verknappung die Gefühls-, Denk- und Stimmungsräume.

Das Lob der Literaturjury

Willkommen im Tal der Tränen

«Drei Männer und einen Hund, mehr braucht Noëmi Lerch nicht, um in knappsten Sätzen und Absätzen überaus plastische und subtil anrührende Bilder eines archaischen Arbeitslebens in den Alpen zu entwerfen. Der Effekt dieser extremen erzählerischen Ökonomie ist verblüffenderweise pures Kopfkino in harten, präzisen, nie kitschigen Bildern. Die Illustrationen des Künstlerinnenduos Walter Wolff, die auf jeder Buchseite ein Negativ des Textes erzeugen, tragen dazu bei, dass hier eines der schönsten Schweizer Bücher der Saison entstanden ist.»

Im Studium vermisste sie die frische Luft

In den Bergen hat Noëmi Lerch offensichtlich ihr literarisches Material gefunden. Der Aargau kommt in keinem ihrer Bücher vor, nur «Grit» spielt zum Teil in einer Stadt, wo es aber im Gegensatz zu Baden eine Universität hat. «Ich mochte Baden sehr, im Dorf Freienwil, wo ich aufgewachsen bin, war diese Kleinstadt für mich als Kind ein Sehnsuchtsort. So ist zum Beispiel die Erinnerung an das Plätschern des Löwenbrunnens immer noch sehr lebendig», sagt sie.

Was aber treibt eine junge Aargauer Kantischülerin, die in Biel Literarisches Schreiben und danach in Lausanne noch Literaturwissenschaft studiert, auf die Alp? Sie erklärt es einerseits mit der Prägung im Elternhaus: «Ich begleitete meine Mutter, die Grosstierärztin war, oft auf Bauernhöfe. Zudem hatten wir zu Hause Pferde und Ziegen und mein Vater und mein Grossvater nutzten jede freie Minute zum Bergsteigen.» Anderseits habe ihr während der Studienjahre die frische Luft gefehlt – und zum Lehrerberuf die Selbstsicherheit: «Jetzt in Aquila ist es perfekt. Es ist ein lebendiges Dorf, wo es noch Schule, Gewerbe, Landwirtschaft und ein bisschen Tourismus hat. Hier ist das Schreiben und die Naturverbundenheit für mich in einem idealen Gleichgewicht.»

Der Zorn der Bergbäuerin auf die Globalisierung

Die Berge als ihr neuer Sehnsuchtsort? «Eine Zeitlang hatte ich diesen Traum, aber den Sehnsuchtsort gibt es real gar nicht», sagt Noëmi Lerch entschieden. Über falsche Romantik ärgert sie sich immer wieder. Die selbstverständliche Nähe, ja die innige Beziehung zu den Nutztieren spielt in ihren Büchern und in ihrem Leben eine zentrale Rolle. Die sie oft auch verteidigen müsse – etwa wenn sie als Hirtin auf der Greina von Touristen auf die Nutztierhaltung und das Fleischessen angesprochen und dafür kritisiert werde: «Fleischessen zu verurteilen, finde ich falsch», sagt sie. «Ich verstehe die Wut dieser Leute, wir aber hier in den Bergen leben noch viel näher an der Natur und begegnen unseren Tieren mit Demut.»

Die Auswüchse der Globalisierung kritisiert Noëmi Lerch hingegen auch im neuen Buch und wird dort sogar zornig: «Glaubt ihr also, dass es Sinn macht, Futter für das Menschentier durch die ganze Welt zu schiffen. Damit die Unabhängigkeit der Länder für eine Zukunft aus Glas zu opfern.» Das sagt zwar Zoppo, einer der drei Sennen. Aber im Gespräch mit der Autorin wird rasch klar: Das ist auch ihr Zorn.

Literarisch ergiebig ist unter anderem, dass in allen ihren Büchern die Menschen zu den Tieren sprechen. Das ist aus dem Hirtenalltag entnommen, entfaltet aber grosse poetische Kraft. Die Ahnung einer Einheit der Welt und die Nähe und Unübersetzbarkeit dieser Kommunikation offenbart in diesen Gesprächen seelisch Verborgenes. Da spiegelt ein Lächeln des Hundes ganze Seelenlandschaften. Und wenn der Zusenn am Ende «Das Meer pflügen» denkt, dann blickt Poesie direkt ins Menschenherz.

Noëmi Lerch Willkommen im Tal der Tränen, Verlag die Brotsuppe, 284 Seiten

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