Wenn die Menschheit langfristig überleben will, muss sie sich auf eine weite Reise vorbereiten und zu einem anderen Sonnensystem aufbrechen. Denn unsere Sonne wird verglühen und dabei alles verschlingen, was sich in ihrer Nähe befindet. In Science-Fiction-Filmen und -Romanen ist diese Übersiedelung zu anderen Sternen ein beliebtes Thema. Es machen sich dann oft ein paar Auserwählte in einem Raumschiff auf, um die menschliche Rasse auf einem fremden Planeten anzusiedeln. Manchmal wird auch nur tiefgefrorenes Erbgut losgeschickt, aus dem dann – wie genau auch immer – die Menschheit jenseits der Erde wieder erschaffen werden soll.

Solche Ideen muten geradezu bescheiden an gegenüber den Plänen, die im Film «The Wandering Earth» des chinesischen Regisseurs Frant Gwo durchgespielt werden. Statt sich einen neuen bewohnbaren Planeten zu suchen, reist die Menschheit mit samt der Erde zum nächstgelegenen Stern Proxima Centauri. Dafür werden auf der Nordhalbkugel Zehntausend gigantische Raketentriebwerke aufgebaut, deren Antriebsschub unseren Planeten aus seiner Umlaufbahn löst und von der Sonne wegbewegt.

Man darf «The Wandering Earth» durchaus als Ausdruck des neuen Selbstbewusstseins Chinas verstehen. Das Land macht sich daran, zur neuen Supermacht zu werden – auf der Erde und im Weltraum. Die knifflige Landung auf der Rückseite des Mondes Anfang Jahr, die bisher auch die USA nicht gewagt haben, ist ein Vorgeschmack auf die chinesische Potenz im All. China will noch im nächsten Jahrzehnt eine feste Basis auf dem Mond errichten.

«The Wandering Earth» spinnt nicht nur die raumfahrerischen Ambitionen Chinas weiter in die Zukunft, sondern verdeutlicht auch die Bedeutung des Landes in der globalen Filmbranche. 700 Millionen Dollar hat der Science-Fiction-Film bereits eingespielt, das macht ihn hinter den beiden Disney-Produktionen «Avengers: Endgame» und «Captain Marvel» zum dritterfolgreichsten Kinofilm des Jahres – und zu einem der erfolgreichsten Science-Fiction-Filme überhaupt. Produziert wurde der Streifen von der Filmabteilung von Alibaba, dem chinesischen Amazon-Pendant. Einem breiten westlichen Publikum wird er nun aber dank des Streaming-Portals Netflix bekannt, das sich die Rechte gesichert hat.

Barack Obamas Bewunderung

Neben dem fantastischen Plot nach einer Kurzgeschichte des chinesischen Autors Liu Cixin – für den einst Barack Obama seine Bewunderung ausgesprochen hat – begeistert «The Wandering Earth» vor allem durch opulente Bilder. Die Erde ist zu einer weissen Eiswüste geworden, welche die einstigen Metropolen umhüllt. Die Menschen haben sich ins Erdinnere zurückgezogen, wo Cyberpunk-Ästhetik dominiert. Und den Horizont färbt der gigantische Gasplanet Jupiter rot, mit dem die Erde zu kollidieren droht.

So fern wie Alpha Centauri bleiben dem Zuschauer allerdings die Charaktere auf ihrer Weltretter-Mission und ihre persönlichen Motive. Im Zentrum steht die Beziehung zwischen einem Vater und seinem Sohn. Nur gemeinsam können sie den Zusammenprall mit Jupiter noch abwenden. Der Jüngere dank seinen mutigen Taten auf der Erde, der Ältere dank seinen nicht minder mutigen Handlungen im All.

Wenig Zusammenarbeit hingegen braucht es auf der Kommandozentrale der Mission. Es gibt zwar eine Art demokratischen Weltrat. Dass aber nur die Supermacht China die Welt noch retten kann, daran lässt «The Wandering Earth» keinen Zweifel.

The Wandering Earth (CHN 2019) 125 Min. Jetzt auf Netflix.