Eine der grossen Lebensfallen ist die Bequemlichkeit. Irgendwann hat man sich im Sein eingeschunkelt und lässt sich von den gewohnten Dingen treiben. So gehen viele Beziehungen irgendwann in die Brüche, und so wird Popmusik langweilig.

The National, diese Everbody’s Darlings der Indierock-Generation, hatten sich mit ihren letzten beiden Alben der Bequemlichkeit ergeben. Es waren genau solch langweilige Platten. Mehr vom Immergleichen, gefangen im eigenen Wohlklang, und selbst musikalische Experimente mit einem elektronischeren Klangbild verpufften nachhalllos.

Nun ist auch «I Am Easy to Find» nicht voller bahnbrechender Neuerungen und verrückter Experimente, aber es ist eine Platte, die sich traut, die eigene Bequemlichkeit abzuschütteln. Am offenkundigsten ist das im Bereich des Gesangs: Der warme, brummige Bariton von Matt Berninger bekommt auf den allermeisten der 16 Songs einen vokalen Gegenpart. Zumeist einen weiblichen. Das ist umso mutiger, weil exakt diese Stimme Berningers so etwas wie der unique selling Point der Band war.

Der grösste Feind der Bequemlichkeit ist Reibung. Bequeme Menschen mögen keine Konflikte, weil die ein Hintersinnen der eigenen Positionen bedingen. Wenn man plötzlich zu zweit statt allein singt, geschieht genau das: Es knarzt im stimmlichen Hierarchiegefüge. Und Berninger nimmt seine neue Rolle mit der gebotenen Grösse an.

Seine Mitsängerinnen sind keine Gäste, denen nur ein marginaler Part zugewiesen wird, sondern oft mindestens gleichwertige Partnerinnen. «The Pull of You» ist erst wegen Sharon Van Etten und Lisa Hannigan ein berührender Song und erst das Zusammenspiel von Berninger und Kate Stables macht «Rylan» zum besten National-Song seit langer Zeit. Dieses Lied hatten sie live schon seit geraumer Zeit gespielt, richtig ergreifend wird es aber erst durch dieses Duett.

Bon Iver kocht mit

Plötzlich macht das elektronisch modifizierte Klangbild, das The National von ihrer letzten Platte mitgenommen haben, auch mehr Sinn. Bon Iver spielt sanft am Synthesizer und auch sonst ist da viel versiertes Personal am Werk. Die vielen Köche kochen aber nicht zu viel Brei, sondern verstehen es, den Sound nicht zu überladen. Dominantes Instrument ist das Piano, dazu kommen noch einige Streicher und dann und wann dürfen Gitarre und Schlagzeug für etwas mehr Dynamik sorgen.

Der Albumtrailer zum neuen Album von «The National».

Noch immer stecken in Berningers Texten wunderschöne Sätze. Über die Liebe, über deren Scheitern («I’m still standing in the same place / Where you left me standing / I am easy to find») und solche über das generelle Zweifeln und Verzweifeln am Leben («Is it easy to live inside yourself? / All the little kids are high and hazy / Everybody got nowhere to go / Everybody wants to be amazing»). Das ist der Soundtrack für pathosaffine Mitdreissiger. An vielen Stellen triffen The National genau den Nerv jener Generation, die sich den Luxus leisten kann, trotz Überfluss mit dem Leben zu hadern.

Da verzeiht man es der Band auch, dass die Platte etwas zu lange geraten ist. Gerade die Songs mit Chor hätten jetzt nicht unbedingt auch noch sein müssen. Aber zur Platte erscheint auch ein Kurzfilm (Regie: Mike Mills, Hauptrolle: Alicia Vikander), und irgendwie ist es wohl als Gesamtkunstwerk angedacht – was die Länge des Albums aber eigentlich nicht erklärt; der Film dauert nur 24 Minuten.

Durch die abgeschüttelte Bequemlichkeit hat man als Hörer endlich wieder jenes Gefühl von wohliger Wärme, wenn man The National hört. Es ist ein Gefühl, zu dem man sich wunderbar mit einem Glas Rotwein auf das Sofa setzen und etwas übers Leben sinnieren kann. Und vielleicht erinnert es einen ja auch daran, dass man es sich nicht zu bequem machen sollte.

The National «I Am Easy to Find» (Musikvertrieb/4AD/Beggars). Erscheint am 17. 5. Live: 3. Dezember, Samsung Hall, Zürich.