Das Datum der Heimsuchung ist das Jahr 2014. Ein Wort, das bislang kaum bekannt war, erobert den politischen Diskurs und die Zeitungsseiten: der Dichtestress. Eine Zauberformel für alle nationalkonservativen Kreise, die der Bevölkerung klarmachen wollen, dass die Überflutung der Schweiz durch Fremde in die Katastrophe führt. Die Plakate zur Masseneinwanderungs- und zur Eco-Pop-Initiative illustrieren den Befund: Das einst so schöne Bauernland wird wegen der Überbevölkerung in naher Zukunft völlig zubetoniert sein. Die Kommentarspalten füllen sich mit Berichten von Dichtestress-Betroffenen: Im Morgenverkehr, am Bahnhof, in der Migros, in der Schlange vor dem Kino – überall breitet sich das Symptom aus. Ende 2014 wird Dichtestress zum Unwort des Jahres gekürt.

Das Schweizerische Architekturmuseum in Basel widmet dem Phänomen nun eine Ausstellung und dreht dabei den Spiess um. Aus dem Stress an der Dichte soll die Lust an ihr werden. «Wir wollen beim Publikum Dichtelust generieren», sagt Andreas Kofler. Der Architekt und Städtebauer hat mit «Dichtelust» seine erste Ausstellung als neuer Kurator des Museums konzipiert.

Gelungener Einstieg

Dichtestress ist eine sehr persönliche Empfindung», sagt Kofler. «Viele empfinden vor allem die verstopfte Strasse oder den überfüllten Zug als Stressfaktor.» Ironischerweise ist gerade die Sehnsucht nach dem Eigenheim in möglichst unverbauter Landschaft verantwortlich für diese Art Dichtestress. Die Zersiedelung der Dörfer und Agglomerationen ist im Verbund mit hohen Mieten in der Stadt der Haupttreiber für den Verkehr.

Rezepte gegen Dichtestress werden nicht bloss über Zuwanderungspolitik, sondern beispielsweise von der Architektur entwickelt. Dabei arbeiten deren Exponenten mit einem anderen Begriff, der zurzeit jede Diskussion um Städte- oder Dorfplanung durchzieht: die Verdichtung. Gemeint ist damit die bessere, eben dichtere, Ausnutzung des vorhandenen Raums, und zwar so, dass sie als attraktiver Lebensraum empfunden wird.

Beim Betreten der Ausstellung müssen sich die Besucher durch eine Staffel von Vorhängen schlängeln. Bedruckt sind sie mit bunten Stadt-Utopien. In der Folge wird die Geschichte des Begriffs Dichtestress erklärt und physisch wahrnehmbar gemacht. Auf zwei Bildschirmen laufen ein Film von Thomas Haemmerli, der das Thema aufgreift, und eine Dokumentation aus den Siebzigerjahren. Sie lässt Menschen zu Wort kommen, welche die Verdichtung in Form von Hochhäusern und Grossüberbauungen befürworten. Betrachtet werden können die Videos aus eigens gefertigten Bänken, die nur für eineinhalb Personen Platz bieten. Daneben lädt eine kunstvoll geflochtene Matratze dazu ein, die Bibliothek zum Thema Dichtestress liegend zu konsultieren. An der Wand darüber werden die wichtigsten Begriffe daraus in Diagrammen erklärt. Ein gelungener Einstieg, der den Anspruch erfüllt, Architekturthemen erfrischend aufbereitet einem breiten Publikum zu vermitteln.

Die folgenden Räume sprechen dann eher das Fachpublikum an. Das liegt in der Natur der Sache. Architektur ist, kann man sie nicht mit der grossen Kelle wie an der Biennale in Venedig anrichten, schwer auszustellen. So zeigt der zweite Raum in klassischem Arrangement 20 Bauten aus der Schweiz, die spezifische Lösungen zum Thema der Verdichtung aufzeigen. Zehn Projekte sind als Modelle präsentiert, die anderen auf Tafeln mit Bild und Text.

Da sehen wir wegweisende Bauten wie die Genossenschaftssiedlung Kalkbreite, das Toni-Areal oder das Freilager in Zürich, die Stadterle in Basel, oder das Zentrum Birsfelden. Mit der Schaukäserei aus Gruyère oder dem neuen Fernseh-Campus in Lausanne sind überraschende Projekte aus der Romandie vertreten, mit den Nidfeldhöfen aus Luzern oder dem alten Hospiz auf dem Gotthard solche aus der Innerschweiz.

Modelle betrachten und Architekturbeschreibungen lesen sind eine eher trockene Sache für den architekturinteressierten Laien. Hier klappt die Vermittlung also nur bedingt, zumal jedes der gezeigten Projekte einen kleinen Vortrag verdient hätte. Das Video an der Wand ist dann aber wieder ein Musterbeispiel für gute Umsetzung. Eine Kamerafahrt entlang der Zürcher Badenerstrasse zeigt, wie Verdichtung aussehen könnte. Mitarbeitende des Zürcher Büros Emanuel Christ und Christoph Gantenbein haben dort Bauten aus der ganzen Welt ins Stadtbild montiert. Und siehe da: Die Strasse, welche die halbe Stadt durchquert, hat viel mehr Potenzial als gedacht.

Ein neues Basler Panorama

Nach diesem Fenster zur Schweizer Architektur schwenkt die Ausstellung nach Basel. An den Wänden links und rechts der folgenden beiden Räume ist ein raumgreifendes Panoramabild der Stadt zu sehen. Geschaffen haben es zwei aus Korea stammende Illustratorinnen des Basler Büros 3rei5ünf6echs. Allein dieses stupend detailreiche Bild ist einen Besuch wert. Zumal darin alle derzeit laufenden städtebaulichen Projekte auf einen Blick sichtbar sind. Vertieft wird dieser Einblick durch die Modelle dieser Bauvorhaben.

Inwieweit diese dem Dichtestress mit Lust entgegenwirken, ist den Modellen schwer abzulesen. Hilfe bietet da der umfangreiche Katalog zur Ausstellung. Beim Vergleich der versammelten Projekte wird klar, welche Form der Planung für die Zukunft des Wohnens und Arbeitens richtungsweisend ist. Überall dort, wo durch genossenschaftliche Organisationen oder andere Formen der Partizipation die betroffenen Menschen in die Planungsprozesse involviert sind, entsteht Interessantes. Dichte heisst eben auch Kommunikation und Nachbarschaft. Diese lustvoll zu organisieren, ist das beste Rezept gegen Dichtestress.