Design
Möbel in bunten Kreisläufen

Ein Rundgang auf der grössten europäischen Möbel-Entwurf-Messe in Mailand zeigt: Grün, Recycling und Chillen sind voll im Trend.

Edith Arnold, Mailand
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Bis an die Ränder der Designmetropole Mailand liessen sich vergangene Woche Interventionen entdecken. Mittendrin die Schweiz, die ihre Präsenz wirkungsvoll gestaltet. Pinke Signaletik weist zur gemieteten «Casa degli Artisti» im eleganten Brera. Eine «intelligente» Kaffeeröstmaschine steht einem archaischen Tischobjekt aus Sand, Salz und Naturbindemittel gegenüber.

Daneben lässt sich ein Holzstuhl zu einer Bank ausziehen – bis fast zum «Tatzelwurm»-Ledersofaklassiker von De Sede. Die ETH Lausanne zeigt Objekte in Kooperation mit dem Yamaha-Musik-Designlabor. Und die ETH Zürich erklärt ihre Materialforschungen. Was definiert die nächste Ära? Weisses und flexi­bles Holz, leichte Aerogele, Salz in gedruckten 3D-Strukturen?

«Re-Generation» ist ein Hauptthema. Wegen der Pandemie wurde die Designwoche 2020 abgesagt, die letztjährige im Miniformat durchgezogen. Eine Design­installation im nahen Botanischen Garten funktioniert autark und verbreitet Magie: Durch die Pflanzen schlängeln sich 500 Meter gebogene Kupferrohre mit Wasserdüsen. Sie versprühen Parfum aus reinstem Wasser.

Dazu sind Duftmoleküle der umgebenden Blumen und Kräuter in der Luft. Carlo Ratti, Initiant und Direktor des MIT Senseable City Lab, informiert: «So wie Bäume in einem Wald Energie aus verschiedenen Quellen bezieht und diese abgibt, wo sie gebraucht wird, etwa bei einem Blatt oder einem Zweig, nimmt das Kupferrohr in der gesamten Länge Energie auf und nutzt sie an bestimmten Punkten des Pfades.» Überschüssige Solarenergie wird abends zu dezenten Lichtspots geleitet.

Grün, grüner, am nachhaltigsten?

Grün schreibt sich Ikea in der Zone Tortona auf die Fahne. Allerdings riechen die Outdoorlounges mit gelben Plastikbahnen richtig nach Plastik. Recycling? Besser wäre einfach weniger herzustellen. Sorgfalt demonstriert Moroso, das einflussreiche italienische Label.

So sah der Beitrag von Moroso aus.

So sah der Beitrag von Moroso aus.

Bild: Edith Arnold (Mailand, 16. Juni 2022)

Im Showroom und in einem Kino wird das Resultat einer mehrjährigen Studie mit dem Front-Studio inszeniert: Polsterobjekte, die wie moosbewachsene Steine aussehen. Hierfür streifte man durch schwedische Wälder, machte 3D-Scans und übertrug das Mögliche zu organischen Möbeln.

Dann findet man sich in den New Yorker 70ern wieder

Chillen oder auf dem Sprung bleiben? Diese Frage mochte sich manche Besucherin bei den 600 Jungdesignern aus 48 Ländern stellen. Das Shaw Studio aus Wuhan in London zeigt ­Science-Fiction-Möbel aus glänzendem Stahl, die ganz irdisch genutzt werden können. Alicja Czop aus Polen in Amsterdam präsentiert ein «Space» aus smaragdgrünem Samt, in den man sich zurückziehen und mit einer anderen Person verbinden kann.

Das ist der samtene Rückzugsort von Alicja Czop.

Das ist der samtene Rückzugsort von Alicja Czop.

Bild: Edith Arnold (Mailand, 16. Juni 2022)

Dass man in Mailand auch ganz schön in der Design-Geschichte herumräubert, zeigen etliche Aussteller. Das Label Sé etwa lässt die VIP-Party-Atmosphäre im New York der Siebzigerjahre hochleben: Loungemöbel mit Muschelrückenlehnen, verlassene Cocktailgläser auf dem Salontisch, neuartige Disco-Kugeln an der Decke. Menschen sind hier nur über Videoprojektion im Raum. Die Metawelt lässt dann doch noch grüssen.

Das Label Sé macht Partylaune.

Das Label Sé macht Partylaune.

Bild: Edith Arnold (Mailand, 16. Juni 2022)