Ausstellung

Der Protest blieb aus – doch die zwiespältigen Gefühle bleiben

Warum hat Balthus die Leute so steif gemalt? Eine der Fragen des Publikums vor «Passage du Commerce-Saint-André» von 1952–1954.

Warum hat Balthus die Leute so steif gemalt? Eine der Fragen des Publikums vor «Passage du Commerce-Saint-André» von 1952–1954.

Die Wogen gingen hoch, als die Fondation Beyeler ankündigte, Balthus zu zeigen. Dann folgte erstaunliche Ruhe. Am 1. Januar endet die Ausstellung. Zeit also, um ein Fazit zu ziehen über die umstrittenste Ausstellung des Jahres in der Schweiz.

Pädophil, grenzwertig, gruusig, ennet der roten Linie – oder doch grosse Kunst? Was war nicht alles zu hören, als die Fondation Beyeler Balthus ankündigte. Den Maler der lasziven Mädchen, den geheimnisvollen Grafen Balthasar Klossowski de Rola (1908–2001), der in seinem Chalet in Rossnière über dem Genfersee wohnte. Der sich selber mönchisch asketisch präsentierte, in seinen Gemälden mit den Gefühlen der Betrachterinnen und Betrachter aber ziemlich perfid und an der Schamgrenze spielt.

Am 1. Januar endet die Balthus-Ausstellung in der Fondation Beyeler in Riehen. Zeit also, um ein Fazit zu ziehen über die umstrittenste Ausstellung des Jahres in der Schweiz.

Wie kommt diese Ausstellung beim Publikum an? Welche Bilanz zieht die Fondation? Ein Besuch in Riehen zeigt: Das Publikum kommt, aber Gedränge wie bei anderen Ausstellungen herrscht nicht. «Besucherzahlen geben wir im Moment nicht bekannt», sagt die Leiterin der Kommunikation, Silke Kellner-Mergenthaler, «aber wir sind zufrieden.» Kurator Raphaël Bouvier ergänzt: «Balthus ist kein Blockbuster. Aber wir erachten es als wichtige Ausstellung, damit das Publikum sich selber ein Bild über diesen Maler machen kann.»

Man will reden

Ganz so sorglos war man in Riehen vor der Eröffnung im September nicht. Direktor Sam Keller musste die Wahl rechtfertigen – und versprach viel Vermittlung und Diskussion. Erstaunlich ist, dass das Diskussionsforum auf der Website des Museums aber fast leer ist. «Da haben wir mehr erwartet», gibt Kellner-Mergenthaler zu. «Rege genutzt wird dagegen unsere Kommentarwand mit den Karten», sagt Jana Leiker, Interimistische Leiterin der Kunstvermittlung. Im Wintergarten, neben den Bildern, können die Besucherinnen und Besucher spontan ihre Eindrücke auf Karten schreiben. Leiker: «Über 600 sind es seither, positive wie kritische, in vielen Sprachen und Tonalitäten.»

Was der Vermittlerin weiter auffällt: «Das Bedürfnis der Menschen, zu fragen, zu diskutieren, ist grösser als sonst.» Dafür ist ständig eine Person als «Ask Me» bei den Gemälden präsent. «Viele Besucherinnen und Besucher kommen mit einer einfachen Frage, dann entspinnen sich anregende Gespräche, in denen die Menschen – animiert von den Gemälden – über ihre eigene Kindheit und Jugend sprechen. Oft erstaunlich offen.» Die Zeit der Pubertät mit ihren Verlockungen, Geboten und Verboten, schlummern offensichtlich tief im Gedächtnis vieler Menschen. Vor den Bildern würden sie wieder wach. Finden die Menschen die Gemälde der lasziven Mädchen anstössig, gar ein No-Go? «Selten», sagt Leiker. «Viele empfinden sie eher als geheimnisvoll, unerklärlich.» Genau damit spielt der Maler, nach dem Prinzip: Sie erkennen jedes Detail, aber das Zusammenspiel der Figuren und Tiere und Räume, was sie tun, denken, welche Geschichten hier ablaufen, erkläre ich ihnen nicht.

Familien sind seltener

Im Vorfeld hat man viel über Gemälde wie «Thérèse rêvant» diskutiert, in dem das Mädchen mit demonstrativ hochgerutschtem Röcklein dasitzt. Es hängt normalerweise im Metropolitan Museum of Art in New York, das einige Monate zuvor aufgefordert worden war, es abzuhängen oder wenigstens vor Kindern zu verbergen. Solche Forderungen hat man bei Beyeler nicht gehört.

Kommen denn Familien, Kinder und Jugendliche? «Ja, aber der Familientag war weniger gut besucht», gibt Leiker zu. «Und wir hatten weniger Buchungen für Führungen von Schulklassen.» Gerade für Schülerinnen und Schüler in der Pubertät liessen sich anhand dieser Bilder, die Mädchen zwischen Kind und Frau zeigen, wichtige Themen aufgreifen. «Dazu gab es sehr angeregte Führungen», bilanziert Leiker.

Doch nicht immer hat Balthus Erotik sublimiert dargestellt. Seine beiden Ehefrauen, die Bernerin Antoinette de Watteville und die Japanerin Setsuko Ideta, hat er in Aktbildern gefeiert: die erste 1933 als fast unnahbare Schönheit, die zweite 1965 in einem reich dekorierten «Chambre turque».

In den 1940er- und 1950er-Jahren malte Balthus auch Mädchen explizit und ungewöhnlich als Akte. In «Georgette bei der Toilette» oder in «La Chambre» sehen wir die jungen Frauen nackt, frontal. Die Körper in einem Stadium zwischen Kind und Frau. Gaben sie Anlass zu Diskussionen, Reklamationen? «Erstaunlich wenig. Wahrscheinlich weil gerade diese Werke so offensichtlich und viel weniger geheimnisvoll sind», erklärt Leiker. «Das Alter der Mädchen ist zudem schwer abschätzbar, und sie sind ziemlich roh gemalt, ähneln den für Balthus in dieser Zeit typischen, puppenhaft vereinfachten Figuren», ergänzt Bouvier.

Lockere Stimmung

«Überraschend ist, dass die Besucher gerade bei diesen Bildern oft nach den seltsamen Finkli fragen, die alle Figuren bei Balthus tragen», erklärt Leiker schmunzelnd. Füsse scheinen tatsächlich nicht Balthus’ Stärke gewesen zu sein, er malte stets nur seltsam kleine, farbige Dreiecke statt Füsse.

Nicht nur Leiker und Bouvier geben sich in der Ausstellung locker – auch das meist ältere Publikum. Man diskutiert, zitiert Passagen aus dem kleinen Gratisführer, vor dem Bildschirm mit einem Film über Balthus’ Leben sind alle Stühle besetzt. Und doch gibt es auch ratlose Gesichter. Die Pose des im schummrigen Zimmer liegenden Mädchens, das eine Brust entblösst und kokettierend einen Spiegel hält, findet eine Besucherin «ziemlich eindeutig». Ihre Begleiterin fragt sich, welche Rolle der Mann spielt, der im Cheminée das Feuer schürt. Und warum das Werk «Glückliche Tage» heisst.

Zu Beginn der Ausstellung habe es vor allem zu den Thérèse-Bildern Fragen gegeben, sagt Leiker. «Viele fragen nach seiner Beziehung zu den Modellen.» Darüber ist nicht viel bekannt, ausser dass es regelmässige lange Porträt-Sitzungen gab. «Mittlerweile interessieren sich die Besucher mehr für die Strassenszenen.» Damit meint sie etwa das imposante Grossformat «Passage du Commerce-Saint-André» aus den 1950er-Jahren, das als Dauerleihgabe von Privaten in der Fondation deponiert ist. Balthus hat darin in verwaschenen Farben die Pariser Gasse gemalt, in der sein Atelier lag, und das Bild mit marionettenhaften Menschen und Symbolen aufgeladen. «Was machen diese Leute? Warum wirken sie so einsam, so steif, so skurril? Das möchten die Besucher wissen», so Leiker.

Das Gemälde der träumenden Thérèse von 1938 sorgte für Schlagzeilen im Vorfeld. An diesem Bild lässt sich gut zeigen, wie Balthus unseren Blick steuert und bei uns Betrachterinnen mulmige Gefühle auslöst. Zum einen wegen des Sujets, wegen des ungenierten Blicks unter den Rock des Mädchens. Zum anderen durch Licht, Komposition und die Dinge rundum. Balthus lenkt unseren Blick mit den bewährten Mitteln der Malerei: Ins Auge sticht die theatralisch beleuchtete Figur des Mädchens, der Blick wandert von der hellen Bluse zum rein-weiss leuchtenden Unterrock, zur Unterhose, die nur leicht aus dem Mittelpunkt des Bildes gerückt ist. Das gezielt als Rahmen gesetzte Rot des Rockes und das Grün des Kissens wirken als farbige Weckrufe, die trinkende Katze wie eine erotische Projektion. Eindrücke, die das schummrig-warm gehaltene Zimmer weiter verstärkt. Das Wichtigste aber: Balthus setzt das Mädchen ungewohnt schräg ins Bild, lässt es den Kopf gar abwenden und zeigt es mit geschlossenen Augen. Es sieht uns also nicht – und macht uns zu heimlichen Beobachtern, zu Voyeuren. Eine ungemütliche Rolle. (sa)

Wie Balthus uns steuert

Das Gemälde der träumenden Thérèse von 1938 sorgte für Schlagzeilen im Vorfeld. An diesem Bild lässt sich gut zeigen, wie Balthus unseren Blick steuert und bei uns Betrachterinnen mulmige Gefühle auslöst. Zum einen wegen des Sujets, wegen des ungenierten Blicks unter den Rock des Mädchens. Zum anderen durch Licht, Komposition und die Dinge rundum. Balthus lenkt unseren Blick mit den bewährten Mitteln der Malerei: Ins Auge sticht die theatralisch beleuchtete Figur des Mädchens, der Blick wandert von der hellen Bluse zum rein-weiss leuchtenden Unterrock, zur Unterhose, die nur leicht aus dem Mittelpunkt des Bildes gerückt ist. Das gezielt als Rahmen gesetzte Rot des Rockes und das Grün des Kissens wirken als farbige Weckrufe, die trinkende Katze wie eine erotische Projektion. Eindrücke, die das schummrig-warm gehaltene Zimmer weiter verstärkt. Das Wichtigste aber: Balthus setzt das Mädchen ungewohnt schräg ins Bild, lässt es den Kopf gar abwenden und zeigt es mit geschlossenen Augen. Es sieht uns also nicht – und macht uns zu heimlichen Beobachtern, zu Voyeuren. Eine ungemütliche Rolle. (sa)

Zwiespalt bleibt

Würden Sie die Ausstellung wieder machen? Die Frage scheint die drei Gesprächspartner zu erstaunen. «Wie meinen Sie das?», fragt Bouvier. Hatten Sie nicht Angst vor Protesten, nicht Angst um den Ruf der Fondation oder vor einem Flop? «Überhaupt nicht», sagt der verantwortliche Kurator. «Es ist wichtig, Balthus dem Publikum, vor allem in der Deutschschweiz, endlich und umfassend im Original zu zeigen.»

Es ist tatsächlich aufschlussreich, die Originale statt nur die Fotos zu sehen. Doch die zwiespältigen Gefühle bleiben: Zum einen ist unklar, was Balthus zu den Mädchenbildnissen antrieb. Zweitens stellt man fest, dass nicht alle Bilder Meisterwerke sind, auch wenn Balthus bereits zu Lebzeiten als einer der Grossen des 20. Jahrhunderts gefeiert wurde.

Balthus. Fondation Beyeler, Riehen.
Bis 1. Januar. Täglich geöffnet, 10 bis 18 Uhr, auch über die Festtage.

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