Hat man wirklich noch damit rechnen können, dass sich Janet Jackson mit ihren 49 Jahren noch einmal aufrafft und ein richtig gutes Janet-Jackson-Album aufnimmt? Eher nicht.

Zu wirkungslos waren ihre letzten drei Versuche im vergangenen Jahrzehnt verpufft, zu sehr schien ihr speziell in den USA noch immer jenes ominöse «Nipplegate» zu schaffen zu machen, als sie während eines Auftritts mit Justin Timberlake beim Superbowl 2004 für einen kurzen Moment ihre Brustwarze entblösste.

Überhaupt: Janet Jackson galt als Popstar von gestern.

Doch der Abgesang war zu voreilig. Jackson, die 2012 den neun Jahre jüngeren Wissam al-Mana, einen Geschäftsmann aus Katar, heiratete, hat wieder Oberwasser. Erst verkaufen sich die Karten für ihre Ende August gestartete Nordamerika-Tournee derart schnell, dass sie den Umfang der Konzertreise nicht nur massiv aufgestockt hat, sondern erstmals seit vielen Jahren auch wieder für ein Konzert in die Schweiz.

Janet Jackson singt "Unbreakable" an einem Konzert in Edmonton

Bruder Michael ist omnipräsent

Auf dem 17 Songs langen «Unbreakable» begrüsst Jackson ihre Hörer nun geradezu persönlich mit den Worten «It’s been a while. Lots to talk about», um dann gleich zum Titelstück überzugehen, bei dem man tatsächlich denkt, Michael sei wiederauferstanden.

Es frappiert, wie sehr die Stimme der Jüngsten des Jackson-Clans mittlerweile jener des 2009 verstorbenen Bruders ähnelt, ja auch Janet weiss dies offenbar, sonst hätte sie ihre Platte wohl kaum so betitelt wie der grosse Bruder einen Song seines letzten Studioalbums «Invincible».

Auch inhaltlich ist Michael Jackson immer wieder ein Thema, das schön altmodisch klingende «The Great Forever» nimmt auf den Frühverstorbenen Bezug, «Broken Hearts Heal», eine Uptempo-Seventies-Soul-Nummer im Stile der Jackson Five wird noch deutlicher, indem Janet Jackson singt «Shall I see you in the next Life?».

Was übrigens auffällt: Kein einziges Mal nimmt sie das Wort «Sex» in den Mund. Selbst in «No Sleeep», der schlafzimmersouligsten Nummer auf «Unbreakable», bleibt alles schön züchtig. Ob das dem katarischen Gatten, dem fortgeschrittenen Alter oder den Nachwirkungen der Brustwarzenkrise geschuldet ist? Man weiss es nicht.

"No Sleep" Video von Janet Jackson

Hippe R&B-Soul-Hits? Fehlanzeige!

Dass Jackson bei der Wahl ihrer Produzenten auf Nummer sicher gegangen ist, tut der unaufgeregten, versöhnlichen Gesamtstimmung von «Unbreakable» gut. Jimmy Jam und Terry Lewis kennen Janet seit Ewigkeiten, sie waren schon zuständig für die frühen Superhits wie «Control», «What have you done for me lately» oder «Let’s wait a While», mit denen sich Janet Jackson ab Mitte der Achtziger von der Sippe emanzipierte und selbst zum Weltstar wurde.

Fast schon zu konsequent verzichtet das Trio nun auf ein allzu modernes, Singlechart-taugliches Klangbild. Wer hippe R&B-Soul-Hits sucht, der ist auf «Unbreakable» falsch. Selbst «BURNITUP!», die schnellste Nummer, ist als Duett mit der ebenfalls unzerstörbaren Missy Elliott eine Reverenz an vergangene Zeiten.

Zwar ist es löblich, dass Jackson nicht mehr wie beim vorherigen Album «Discipline» versucht, den Zeitgeist zu treffen (und dabei zu scheitern), sondern sich auf die eigene Tradition zu besinnen.

Immerhin sind so einige wirklich überzeugende Stücke wie das harmonische «Shoulda known better», die wunderschöne Pianoballade «After the Fall» entstanden, auch das dezent breakbeatige «Dammn Baby» hat Stil. Gleichwohl hätte der eine oder andere temporeiche Song diesem an offensichtlichen Hitsingles freien Album nicht geschadet.

Janet Jackson Unbreakable. Rhythm Nation/TBA/Phonag.

Live: Mo 11.4.2016. Hallenstadion Zürich.