Der Kunstsommer 2017 ist heiss gelaufen, noch bevor die Temperaturen uns so richtig ins Schwitzen bringen. Auf die Eröffnungen von Biennale in Venedig, Documenta in Athen und Kassel, Skulptur-Projekte in Münster folgte zum Abschluss des Marathons noch die Art Basel. Mehr geht nicht. Nicht für die Kunst und schon gar nicht für die Besucher. Zum Glück gibt es diese Ballung nur alle zehn Jahre.

Die Previews der Grossanlässe sind geschafft, die Art Basel und ihre Nebenmessen haben am Sonntag dichtgemacht: Zeit, um Bilanz zu ziehen. In welches Wechselbad der Kunst-Gefühle haben einen die beiden letzten Wochen in Deutschland und Basel gestürzt! In Kassel der Anspruch, das gesellschaftspolitische Potenzial der Kunst zu entfalten, in Münster ihre Wirksamkeit im öffentlichen Raum auszuloten, in Basel der Markt mit dem Aufmarsch der Sammler. Krassere Gegensätze sind kaum möglich. Vergleichen lassen sich diese Welten deshalb kaum. Und auf die Frage, was ist besser, lässt sich sowieso keine Antwort finden. Ihre Berechtigung, ihre Notwendigkeit, haben beide.

Das Karussell der Kunstwelt hält sich selbst in Schwung

Produktion, Vermittlung und Vermarktung sind in komplizierten Kreisläufen eng verflochten: Kunstschaffende, die in Venedig, Kassel oder Münster von den Kuratoren, den so wichtigen Kunst-Meinungsbildnern, eingeladen werden, müssen doch gut sein. Ihr Marktwert steigt. Glücklich die Galerie, die sie unter Vertrag hat. Andrerseits sind es oft die Galerien, die Künstler über mehrere Jahre aufbauen und sie möglichst gut und wertsteigernd in Ausstellungen platzieren. So hält sich das Karussell selbst in Schwung.

Dieser innerbetriebliche Blick greift aber zu kurz, will man Bedeutung und Wirkung dieses Kunst-Sommers begreifen. Die wichtigsten Beteiligten würde man dabei nämlich ausklammern: die Besucherinnen und Besucher. Über 2 Millionen Menschen werden bis zum Herbst diese Anlässe besuchen. Sie werden auf ihren Rundgängen von den Kunstwerken in ihnen unbekannte Welten und Fantasien entführt, mit Vergangenem und utopischen Entwürfen konfrontiert. Sie werden sich darin spiegeln, jede und jeder wird Erinnerungen heimtragen: individuelle und doch an den gleichen Werken geschärfte.

Deshalb ist es wichtig, dass nicht der Markt Themen oder Auswahl bestimmt. Nehmen wir Kassel als Beispiel: Gerechtigkeit hat sich als eigentliches Motto der diesjährigen Documenta heraus kristallisiert. Breit aufgefächert in Werken, die politische, menschliche, kriegerische, religiöse, kolonialistische Ungerechtigkeiten thematisieren. Sei es symbolisch, dokumentarisch, anprangernd, absurd überspitzt oder in fröhlichere Gegenwelten führend. Es wurde viel gelästert über diese Documenta 14. Zu Unrecht. Man mag sie beschwerlich, zu sehr in der Vergangenheit grübelnd oder als zu gut gemeint empfinden, so viel über Geschichte nachgedacht, so viel unbekannte Kunst aus ferneren Ländern entdeckt und so viel Anregung war an einer einzigen Ausstellung selten zu holen. Kommt dazu: So intensiv hat man die Stadt Kassel nie zuvor erlebt. Die Kunst hat sich nicht nur in den Museen und der idyllischen Karlsaue eingenistet, sondern auch an Orten, wo der komplizierte Alltag einer auch von Migration geprägten Stadt sich abspielt.

Kunst verändert die Menschen und die Städte

Auch in Münster war die Rolle der Skulpturen im Gefüge der westfälischen Fast-Idylle zentral. Die Kunst habe in den letzten 40 Jahren die Stadt nicht nur verändert, konstatierte der Oberbürgermeister, sondern die Sorgfalt im Umgang mit dem öffentlichen Raum – und den Stolz der Münsteraner gestärkt. Kunst als Katalysator für eine Stadt. Welch entscheidende Leistung. Gilt das auch für die anderen Orte des Kunstsommers? Für Kassel ja. In Venedig und Athen verschwinden die Kunst-Anlässe dagegen in der Touristenschwemme und im Alltags-Chaos.

Und Basel? Es ist stolze Messe- und Museumsstadt. Man spürt hier die Kunstmesse und ihre Besucher. Doch die Art Basel und ihre Satelliten müssen Acht geben, dass sie nicht zum abgeschotteten VIP-Ufo werden. Mit dem Parcours in der Stadt und der Kunst auf dem Messeplatz öffnet sie sich glücklicherweise wieder vermehrt. Das ist zwingend nötig, damit die Stadt, damit die Baslerinnen und Basler profitieren.