Musik
Den Kopf voller Akkorde: Jeff Lynne veröffentlicht ein Electric Light Album

Nach vierzehn Jahren Pause veröffentlicht Jeff Lynne ein neues Album. Den Wunsch, Electric-Light Orchestra als kreative Kraft wieder aufleben zu lassen, kam bei einem Konzert im Londoner Hyde Park.

Hanspeter Künzler
Drucken
Teilen
Jeff Lynne alias Electric Light Orchestra spürt auf der Bühne auch heute noch eine «unglaubliche Liebe» vonseiten der Fans.Lucy Nicholson/Reuters

Jeff Lynne alias Electric Light Orchestra spürt auf der Bühne auch heute noch eine «unglaubliche Liebe» vonseiten der Fans.Lucy Nicholson/Reuters

REUTERS

67 Jahre alt ist er, aber der Wuschelkopf ist derselbe geblieben, die permanente Sonnenbrille auch, und selbstverständlich der gemütliche Akzent des englischen Mittellandes. Jeff Lynne ist in London, um ein neues Album vorzustellen, das heute unter dem Namen Electric Light Orchestra (ELO genannt) erscheint. Das ist jene Band, die er 1970 mit Roy Wood und Bev Bevan gründete und versuchte, Rock mit Celli und Geigen zu vermählen, ohne beim «Klassik-Rock» – klassische Stücke, gespielt auf modernen Instrumenten – zu landen. Nach Roy Woods Austritt schrumpfte ELO zu einem Einmannunternehmen und wurde, weitgehend ohne Streicher, zu einer der populärsten Bands der 70er-Jahre.

Der Wunsch, ELO als kreative Kraft wieder aufleben zu lassen, sei mit dem Konzert im vergangenen Jahr im Londoner Hyde Park gekommen – dem ersten Live-Auftritt von ELO seit 28 Jahren. «Wir traten als Letzte auf an dem Abend und ich hatte schwere Bedenken, dass niemand mehr da sein würde» gesteht Lynne. «Aber dann waren es 50 000 Menschen, die geblieben waren, und die jedes Lied mitsangen. Es flutete uns eine unglaubliche Liebe zu. Unbeschreiblich.»

Reizvolle Melancholie

«Alone in the Universe» ist Lynnes erstes Album mit neuen Liedern seit vierzehn Jahren. Eingespielt hat er alle Instrumente selber. Knackige 33 Minuten lang ist es, ganz wie in den alten Vinylzeiten also. Und – auch das ist ganz wie früher – es ist randvoll gefüllt mit reizvoll melancholischen Liedern, die auf dichten Gitarrenteppichen ins Ohr gleiten und dieses wohl nie wieder verlassen werden.

Jeff Lynne gehört fürwahr nicht zu den glamourösen oder gar frechen Vertretern der Rockstarzunft. In seinen frühen Jahren vermied er es, Liebeslieder zu schreiben, weil es ihm peinlich gewesen wäre, wenn diese ans Ohr seiner Eltern gedrungen wären. Auf die Frage, worin seine Aufgabe beim Produzieren von Roy Orbison bestanden hätte, entgegnet er: «Ich musste ihn nur manchmal daran erinnern, wie grossartig er war. Während der restlichen Zeit stand ich da und bewunderte ihn.»

Es dürfte nicht zuletzt seiner egolosen Art zu verdanken sein, dass Jeff Lynne, Sohn eines Strassenarbeiters in Birmingham, einige der allergrössten Namen im Geschäft zu seinen Freunden zählt. Heute lebt er in der Prominentenenklave Benedict Canyon in Los Angeles, sein Name taucht als Musiker, Produzent und Komponist auf Werken von Roy Orbison, The Beatles, Regina Spektor, Bryan Adams und natürlich den Traveling Wilburys auf, der Band, die Lynne mit George Harrison, Bob Dylan, Roy Orbison und Tom Petty gründete.

Jeff Lynne machte keinen Hehl aus seiner Vorliebe für die Beatles. Dass ihn Paul McCartney, George Harrison und Ringo engagierten, die postume Beatles-Single «Free as a Bird» zu kreieren, gehört zu den Highlights seines Lebens.

In seinem Kopf dreht sich alles um die Musik: «Akkorde aneinanderreihen, einen um den anderen – das liebe ich mehr als alles andere. Zwei Akkorde sind der Anfang von jedem Lied. Ich könnte den ganzen Tag lang Akkordfolgen hören, mit nichts sonst.»

Analog bringt Wärme

Eine Superstarmacke hat sich Lynne dennoch gegönnt: jedes einzelne Zimmer in seinem Haus ist mit Mikrofonen ausgestattet und mit dem analogen Mischpult verkabelt. «Analog – das bringt die Wärme!» Der Sound eines Raumes sei fast so wichtig wie der Sound der Instrumente. «Es gibt haufenweise Leute, die es als ihre Aufgabe erachten, den Sound eines Studios zu neutralisieren», sagt Lynne. «Sie nennen sich Akustik-Experten. Ich habe seit zwanzig Jahren kein professionelles Studio mehr betreten.»

Jeff Lynne’s ELO: Alone in the Universe, Sony. Live: Dienstag, 3. Mai 2016, Hallenstadion Zürich.

Aktuelle Nachrichten