Kultur

Das Musical zum Weltwirtschaftsforum spielt in der Schiffbau-Halle Zürich

Unternehmer als Opfer: (von links) Kay Kysela, Sebastian Rudolph, Alicia Aumüller und Matthias Neukirch.

Unternehmer als Opfer: (von links) Kay Kysela, Sebastian Rudolph, Alicia Aumüller und Matthias Neukirch.

Wenige Tage vor dem Weltwirtschaftsforum in Davos erklärt der Co-Intendant des Schauspielhaus Zürich, Nicolas Stemann, in der Schiffbau-Halle den Kapitalismus zur Weltreligion - in Form eines mitreissenden Musicals. Ist das ironisch gemeint?

«Atlas Shrugged». Wie bitte? In Europa zuckt man bei diesem Titel ratlos die Achseln. In den USA ist dieser Roman nach der Bibel aber das meistverkaufte Buch des Landes. «Atlas Shrugged», zu Deutsch «Atlas wirft die Welt ab» oder «Der Streik» schildert den Rückzug einer von Regulatorien und Steuererhöhungen sich bedroht fühlenden Wirtschaftselite, die es satt hat, die Lasten der Allgemeinheit zu tragen. Beleidigt kehrt man der Welt den Rücken, um in einem abgelegenen Tal unter sich zu bleiben.

Die Republikaner lieben den Roman von Ayn Rand, weil er ihre Vorstellung von einer entfesselten Marktwirtschaft in eine sexy Story packt. Aber auch die grossen Visionäre des Silicon Valley wie etwa Amazon-Gründer Jeff Bezos schätzen Rands Entwurf für seine Kompromisslosigkeit und Technikgläubigkeit. Und selbst die Menschen auf der Verliererseite greifen heute noch gern zu diesem Roman. Sie sehen in ihm eine Art Erfolgsratgeber, der die persönliche Hoffnung auf einen American way of life nährt.

Auftritt der Gelbwesten

Der Co-Intendant des Schauspielhauses Zürich, Nicolas Stemann, inszeniert Ayn Rands fast 1300-seitigen Wälzer in der Schiffbau-Halle als Musical, dem uramerikanischen kommerziellen Unterhaltungsformat und Schreckensgespenst elitärer Kulturfreunde. Der musikbegabte Co-Intendant hat mit Thomas Kürstner, Sebastian Vogel und Burkhard Niggemeier schmissige Songs komponiert. Evergreens wie der Abba-Song «The winner takes it all» haben die vier ideologisch zurechtgestutzt («The looter (der Plünderer) takes it all»). Und Bert Brechts «Solidaritätslied» kriegt im Auftritt von in Gelbwesten gewandeten Gewerkschaftsvertretern die «Solidarität» ausgetrieben. Man schreitet neu im Namen des «Individualismus» vorwärts in die Zukunft.

Matthias Neukirch kommentiert die Show als Entertainer auf einem ornamentalen Marmorboden (Bühnenbild: Jelena Nagorni) im Kathedralenstil. Ayn Rands Weltentwurf ist in dieser Inszenierung zum Religionsersatz mutiert. Die Gesetze des Marktes, Egoismus und Individualismus sind die Gebote der Stunde. Und ja, dem Sog dieser mitreissenden Gewinnergeschichten im Musicalformat kann sich keiner entziehen. Inklusive Ayn Rands selbstreferenzielle Pseudo-Philosophie des Objektivismus («Was mein Verstand als wahr erkennt, ist die Wahrheit») erinnert das ­alles sehr an die digitalen Meinungsblasen von heute. So gehört zu einer der stärksten Momente des Stücks der Auftritt von Hanks abtrünniger Gattin Lilian Rearden, gespielt von der schwarzen Darstellerin Thelma Buabeng. Die blättert durch den Roman und stellt fest: «Schwarze kommen da nicht vor.» Nur geknechtete weisse Manager. Dabei hatte Rand das Buch in einer Zeit geschrieben, als schwarze Bürgerrechtler dafür kämpften, vorne in einen Bus einsteigen zu dürfen.

Als die Hauptfigur Dagny Taggart, die berechnende Vizepräsidentin einer Eisenbahnlinie (Alicia Aumüller mit burschikosem Look und maximaler Kälte) mit Stahlmagnat Hank Rearden (Sebastian Rudolph, regelrecht besoffen von der eigenen Grösse und Genialität) einen Deal für den Bau einer Eisenbahntrasse schliesst und ein wissenschaftliches Gutachten ignoriert, das die Sicherheit von Rearden Stahl in Frage stellt, brauchen Klimaleugner nicht genannt zu werden. Dagny findet die Lösung für ihr Dilemma – man ahnts – bei Ayn Rand.

Die Armen als Marionetten zweier Eliten

Stemann nimmt das in sich geschlossene System der Kapitalisten ernst. Auch ihre Kritik an den Linken. Durchaus selbstironisch, wenn er die Scheinmoral von Hanks Bruder (Daniel Lommatzsch) entlarvt, der als geltungssüchtiger Regisseur am liebsten Bürgertheater mit dem Prekariat macht, finanziert vom dreckigen Geld seines Bruders. Die Armen hingegen bleiben Marionetten im Kampf zweier Eliten. Das legendäre Berliner Puppentheater Helmi verbirgt sie hinter dumpfen Masken.

Irgendwann sagt Schauspieler Kay Kysela diesen Satz, der einen frösteln lässt: «Das ist ein Trivialroman aus den Fünfzigerjahren. Denkt ihr ernsthaft, irgendjemand würde ihn als direkte Anleitung lesen, wie man in Politik und Wirtschaft vernünftig handeln soll?» Am WEF in Davos könnte man nächste Woche die Antwort suchen.

Autor

Julia Stephan

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