Ausstellung

Er war der freie Radikale: Das Museum Tinguely zeigt den Neuseeländer Len Lye

Das Museum Tinguely präsentiert den Multimedia-Pionier Len Lye

Das Museum Tinguely präsentiert den Multimedia-Pionier Len Lye

Er drehte Filme ohne Kamera, machte Fotos ohne Apparat, trieb filigrane Skulpturen in brachiale Tänze: Das Museum Tinguely Basel präsentiert einen Überblick über das Schaffen des 1980 verstorbenen neuseeländischen «Bewegungs-Komponisten» Len Lye.

Dann fangen die Halme an, sich zu wiegen. Ein leises Sirren erfüllt den Raum, und einen irritierenden Augenblick lang stellt sich tatsächlich der Eindruck eines Naturphänomens ein. Dabei ist die kinetische Skulptur «Grass» natürlich das genaue Gegenteil davon: ein Bündel Stahldrähte, die auf einer mechanisch bewegten Fläche hin- und herschwanken.

«Tangibles» nannte der gebürtige Neuseeländer Len Lye (1901 – 1980) seine Skulpturen, die das Museum Tinguely erstmals auf dem europäischen Kontinent in dieser Vollständigkeit ausstellt: tanzende und manchmal fast bedrohlich wirbelnde Objekte. Es sind «greifbare» Skulpturen in dem Sinn, dass sie Bewegung fassbar machen.

Warum nicht einfach etwas bewegen?

Das bildhauerische Schaffen war aber nur eine Facette des überzeugten Autodidakten, der malte, fotografierte und sich besonders als Pionier des Experimentalfilms einen Namen machte – wenn auch vornehmlich ausserhalb seiner Heimat. «Len Who?» lautete folglich der Titel eines Dokumentarfilms, der den Neuseeländern ihren zu Weltruhm gelangten, verschollenen Sohn wieder näherbrachte.

In ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, reiste Lye mit 21 Jahren nach Australien, um am Wellington Technical College zu studieren. Ein naturalistisches Gemälde von John Constable diente ihm damals als «Sprungbrett in den Bereich der ästhetischen Kinästhesie», wie er seinen Heureka-Moment später beschrieb: «Warum so tun, als ob sich [Wolken] bewegen, warum nicht einfach etwas bewegen?»

Abgeschnitten von den künstlerischen Diskursen seiner Zeit las der junge Mann alles, was ihm in die Hände fiel, so auch Freuds Buch «Totem und Tabu». Lye erhoffte sich von der Lektüre Erkenntnisse über Rituale und Tanz, wurde aber in der grauen Theorie, die er mit Masken und Fetischen aufwendig kolorierte, nicht fündig. Stattdessen reiste er nach Samoa und verbrachte mehrere Monate in einem Dorf – bis ihn die neuseeländische Administration des Landes verwies. Kontakte zwischen Weissen und «Eingeborenen» waren nicht genehm.

Lye nutzte die Gelegenheit, um den kolonialen Kleingeist seiner Heimat hinter sich zu lassen: Während der folgenden 50 Jahre sollte er nicht mehr nach Neuseeland zurückkehren. In London stellte er 1936 an der International Surrealist Exhibition aus, zusammen mit André Breton, Man Ray und Picasso.

Er erschloss sich mit dem experimentalen Kurzfilm auch ein neues Arbeitsfeld: War der damals angesagte Primitivismus in Lyes ersten, «exotischen» Arbeiten noch sehr dominant, wurde der Neuseeländer im Laufe seiner Experimente immer abstrakter – und freier.

Lange vor MTV kombinierte Lye Animation und Found-Footage-Aufnahmen, Jump-Cuts und populäre Musik – und rüttelte damit immer wieder an gesellschaftlichen Normen: Im Deutschland der Nachkriegsjahre etwa waren die jazzigen Musikclips des in die USA emigrierten Künstlers verpönt.

Lye ging so weit, dass er Filme ohne Kamera herstellte, indem er Filmstreifen direkt bemalte oder verkratzte wie in «Free Radicals» von 1958: Näher ist der Freigeist seiner Vorstellung von reiner Bewegung wohl nie gekommen.

Ausser in seinen Skulpturen, versteht sich. «Mein Werk wird ziemlich gut sein fürs 21. Jahrhundert», soll der Künstler sein Werk selbst eingeschätzt haben. Davon darf man sich im Museum Tinguely nun selbst überzeugen: Das Rauschen von Lyes «Grass» jedenfalls geht einem so rasch nicht wieder aus dem Kopf.

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